Russlands Jugend: Warum ich für Putin als Präsident stimme

Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2012
Am 4. März geht Russland an die Urnen. Alle Umfragen deuten darauf hin, dass Wladimir Putin für eine dritte Legislaturperiode Präsident wird. Die Politik und das Image des derzeitigen Premierministers lassen Menschenrechtsaktivisten und westliche Politiker erschaudern. Warum wollen ihn trotzdem so viele Russen wählen?

Im September dieses Jahres haben der russische Präsident Dmitri Medwedew und Premierminister Wladimir Putin in einem umstrittenen Schachzug angekündigt, dass sie 2012 die Ämter tauschen wollen, wenn ihre Partei Einiges Russland die Wahl gewinnt. Somit hätte Putin, der bereits in zwei aufeinanderfolgenden Legislaturperioden (zwischen 2000 und 2008) russischer Präsident war, erneut eine Machtposition im Kreml inne.

Populärer Putin

Diese Neuigkeit hat bei europäischen und amerikanischen Politikern für Bestürzung gesorgt. Denn immer wieder wird über Menschenrechtsverletzungen im Land berichtet. Auch die aggressive Haltung des Kreml zu US-Raketenabwehrplänen macht dem Westen Sorgen. Seit den Dumawahlen am 4. Dezember 2011 veröffentlichen de Medien immer neue Horrorstories über Russland: von Sergei Magnitski, einem Anwalt, der 2009 im Gefängnis starb, bis zu einem Gesetzesvorschlag, der die Rechte von Homosexuellen zu verletzen droht. Der russischen Wirtschaftstageszeitung Kommersant zufolge liegen Putins Zustimmungswerte aktuell trotzdem bei 61%. Das sind zwar 20% weniger als noch 2010 - doch die Begeisterung für Putin hält an. Was ist es, das die Menschen an Putin fasziniert? „Ich mochte Putin am Anfang seiner Karriere. Er schien so anders zu sein als die vorherigen Präsidenten. Sie haben nur für Skandale in der Innenpolitik gesorgt “, erklärt Marianna, 21 Jahre. „Seine Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007  war einfach sensationell. Dann brach Chaos aus und es kam ans Licht, welche Gesetze er gebrochen hatte.“

Anastasia, eine 29-jährige Journalistin, die in Moskau arbeitet, stimmt dem zu. „Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion tauchten viele Kriminelle auf, die andere erpressten, das Land beraubten und Menschen für Geld umbrachten. Der vorherige Präsident, Boris Jelzin, war schwach und zu sehr von ihnen abhängig. Im Gegensatz dazu gehörte Putin zum FSB (russischer Geheimdienst) und war in der Lage, Kriminelle einzuschüchtern, einige von ihnen zu verhaften und sicherzustellen, dass regionale Politiker Angst vor ihnen haben.“ Putin sammelte Pluspunkte, als er das Chaos nach der Perestroika beseitigte - und das nicht nur in der Innenpolitik. „Andere Staaten halten ihn für gefährlich und das bedeutet, dass sie Russland fürchten und respektieren“, erklärt Anastasia. „Das ist das Beste, das Putin für Russland getan hat.“

Gut für Russland

Doch im Gegenzug beschnitt er viele Grundrechte. Er inhaftierte Kreml-Kritiker in Sibirien und wird verdächtigt, am Tod von Alexander Litwinenko und Anna Politkowskaja beteiligt gewesen zu sein. Dennoch führt seine Partei Einiges Russland einen glaubwürdigen Wahlkampf. Der Fokus liegt auf dem Erfolg der Veränderungen, die Putin bewirkt hat.

Es ist bekannt, dass Putin die Bedeutung eines extremen Image bewusst ist. Fotos, auf denen er Judo macht, den schwarzen Gürtel trägt, mit nacktem Oberkörper durch die Wildnis Russlands reitet oder die Uniformen verschiedener russischer Dienste trägt, verleihen ihm das Image einer starken, autoritären Führungspersönlichkeit. Als eine solche verehren ihn einige seiner Anhänger auf übertriebene Art und Weise. In allen Hauptsitzen der kremlfreundlichen Organisation Naschi hängen Bilder des Premierministers. Schon mehrmals haben sich junge Frauen ausgezogen, um so Putin zu unterstützen. „Es ist weniger ein Persönlichkeitskult als der permanente Versuch, sich auf gleicher Ebene mit der Bevölkerung zu zeigen“, sagt Marianna. „Die Bevölkerung versteht sein Image. Er spricht eine einfache Sprache und schimpft Minister aus, als hätten sie nicht die Kassen geplündert, sondern ihre Hausaufgaben vergessen. Er macht Sport, etc. In anderen Worten, er tut so, als sei er ein normaler Mensch und gewinnt so das Vertrauen der Bevölkerung.“

Anastasia ist kritischer. “Putins Image ist übertrieben und künstlich. Damit sich ein Land gut entwickeln kann, muss die Bevölkerung ihren Regierungschef respektieren, aber sie sollte nicht ekstatisch sein oder vor lauter Angst vor ihm zittern. Niemand ist unersetzlich und der Regierungschef ist mehr als alles andere ein Funktionär, ein Rädchen im Getriebe, jemand, der in der Lage sein sollte, Probleme zu lösen. Er sollte keine Ikone sein, die alle anbeten.“ Für Beobachter außerhalb Russlands mag es undenkbar erscheinen, dass Putin sich weiterhin so großer Beliebtheit erfreut. Die Russen haben jedoch klar mit anderen Problemen zu kämpfen. Putin hat viel dafür getan, das Land zu stabilisieren und ein Volk aufzuwerten, das für den größten Teil des 20. Jahrhunderts anderen unterworfen war. Einiges Russland ist sich dessen bewusst und schlägt Kapital daraus. Wie die Zustimmungswerte andeuten, wird sich dies auch in Zukunft fortsetzen, während einer dritten Amtszeit Putins als Präsident.

(Illustrationen: (cc)Storm Crypt/flickr; Video: (cc)euronews/YouTube)