Rumänien im Aufwind

Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2008

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Windenergie versorgt 6% deutscher Haushalte, bedient 9% der spanischen Elektrizitätsnachfrage und beinahe ein Fünftel der gesamten Nachfrage in Dänemark. Vor vier Jahren erreichte das Windgeschäft Rumänien.

Entgegen aller Erwartungen konnte Rumänien eine Tradition hin zu alternativer Energieerzeugung entwickeln. Ihr weites Netz an Fließgewässern machte es möglich, viele hydroelektrische Anlagen zu bauen, die sich mittlerweile auf 30 Kilometern entlang des Flusses Olt erstrecken. Eine der größten und produktivsten Anlagen wurde am Portile de Fier (dem Eisentor) in Kooperation mit dem ehemaligen Jugoslawien an der Donau errichtet. Diese Energiequellen erzeugen rund 34% der gesamten nationalen Strombedürfnisse. Allerdings waren Windparks bis vor wenigen Jahren noch eine wirkliche Seltenheit in Rumänien. Die erste Windanlage entstand in der Nähe der Großstadt Ploieşti, obwohl sich die wirklich lukrativen Gegenden eigentlich in der Küstenregion des Schwarzen Meeres und hoch oben in den Karpaten befinden, wie Experten des Nationalen Meteorologischen Amtes bestätigen. 

Turbinen statt Bürgersteige

©Florin LipanDer erste Blick auf die vier installierten Windräder in der Nähe des malerischen transsilvanischen Dorfes Tureni ließ die lokalen Busfahrer lediglich mit den Achseln zucken. "Europa überfällt uns. Im Endeffekt müssen wir alle mitspielen", sagt einer von ihnen. Tureni ist eine kleine Gemeinde mit einer ethnisch gemischten Bevölkerung aus Rumänen und Ungarn, die 20 Kilometer von Cluj-Napoca (Klausenburg) entfernt liegt - der viertgröβten Stadt des Landes. Die Stadt ist arm. Der Besucher wundert sich, ob die Bevölkerung anstatt der Windenergie nicht mehr Nutzen aus einem Bürgersteig oder einer funktionierenden Abwasseranlage ziehen würde. Die Landwirtschaft ist hier Lebensgrundlage, die Straßen voll von Schmutz und Pferden, die hier immer noch für Transportzwecke genutzt werden. Besucher werden jedoch flugs zu den neuen Windrädern gekarrt, als ob diese den Stolz der Bewohner verkörpern würden. Die Turbinen liegen an einem Hügel, der an das Dorf grenzt und auf einer Schlammstraße erreichbar ist.

Die Windanlagen wurden vor neun Monaten im Auftrag einer Gruppe lokaler Investoren installiert, die unter dem Namen E Market SRL agieren. Seitdem ist bereits eine Turbine wegen technischen Störungen außer Betrieb gesetzt, während die anderen drei immer noch auf die notwendigen Unterlagen warten, um an das nationale Stromnetz angeschlossen zu werden. Marius Sanda, Direktor des Regionalen Meteorologischen Zentrums in Cluj (CMR Cluj) hat in einem Interview für die Lokalzeitung Agenda Clujeana zugegeben: "In dieser Region ist genügend Wind für die Anlagen lediglich an den Gebirgsgipfeln zu finden. Das Dorf von Tureni liegt nicht in einer solchen Region." Die Informatia de Cluj hat ihrerseits am 25. Mai darüber informiert, dass der Investor Octavian Manastireanu sich dazu entschlossen hat, die Kapazität seiner kleinen Windanlage von bescheidenden 0,3 Megawattstunden auf gewaltige 2,5 MWh zu erhöhen. "Wir haben das Projekt bereits vorbereitet. Nun warten wir nur noch auf die notwendigen rechtlichen Formalitäten und hoffen, dass wir alle anderen Turbinen in einem halben, spätestens einem Jahr zum Laufen bringen können."

©Florin LipanDie Dorfbewohner zeigen sich allerdings wenig beeindruckt von den neuen Maschinen. "Es ist einfach unmöglich, dass diese vier Windräder unsere Stromrechnung verkleinern", sagt ein älterer Bewohner. "Wir werden davon nicht profitieren. Zumindest nicht zu unseren Lebzeiten", sagt ein anderer. Das Konzept erneuerbarer Energien muss in Tureni noch einige Hürden nehmen. Dorfverwalter Gheorghe Surd gibt sich seinerseits äußerst offen über die Hintergründe der Investition in die Windenergie. "Es gibt keinerlei Verpflichtungen gegenüber der lokalen Gemeinschaft. Die Turbinen sind nur zu experimentellen Zwecken da. Haben Sie irgendwelche Speicheranlagen gesehen? Da sind keine." 

In den Bergen liegt die Zukunft

50 Kilometer von Tureni entfernt und höher in den westlichen Karpaten, am Marisel, weht der Geist der neuen Zeit. Der neuen, also besseren Zeit. Das lokale Unternehmen Ramina Eol SRL hat in Zusammenarbeit mit E.on Energie und dem Windturbinenhersteller Nordex AG eine Investition in eine der landesgrößten Windanlagen in Höhe von 61,2 Millionen Euro angekündigt. Ihr Plan: 45 Megawattstunden, die von 18 Windrädern mit einer Kapazität von 2,5 Megawattstunden bereitgestellt werden sollen. Der Anlagenpark soll 2010 errichtet und betriebsbereit sein. Toader Gherman, Vertreter von Ramina Eol, spricht auf der Seite energieverde.wordpress.com über das Projekt. "Lange Zeit haben wir damit gerechnet, dass grüne Energie etwas für die Zukunft sein würde und haben angefangen, einen geeigneten Ort zu suchen. Im Anbetracht des Investitionsumfanges kann man sich keine voreiligen Berechnungen leisten."

Die Standortwahl des abseits gelegenen Marisel zwang die Investoren dazu, eine solide Verbindung zur lokalen Gemeinde aufzubauen. Insgesamt 11% der Erträge und mindestens 200.400 Euro jährlich kommen der lokalen Verwaltung der Gemeinde zu. Der Vertrag verpflichtet sie auch dazu, die Zufahrtswege zum Windpark, die Dorfschule, den Kindergarten sowie das Gesundheitszentrum zu modernisieren, ein Kulturzentrum zu bauen und sogar ein 'Windparkmuseum' einzurichten. Im Gegenzug hat die Verwaltung von Marisel bereits 100 Hektar Land für einen Zeitraum von 49 Jahren bereitgestellt. Nach solch großzügigen Engagements wird zukünftig ein frischer Wind des nachhaltigen Wohlstands hoch oben in den Karpaten wehen - hoffen die Bewohner und vor allem die Investoren.