Rückfahrt inklusive: Immigranten auf den Kanaren

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2008

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Im Frühling ist auf den kanarischen Inseln wieder verstärkt mit Einwanderungswellen aus Afrika zu rechnen. 2008 werden laut dem Roten Kreuz mehr als 2.400 Immigranten erwartet.

In die 25 Meter langen afrikanischen Fischerboote passen zusammengedrängt bis zu 130 Personen. Die Überfahrt kostet sie zwischen 300 und 600 Euro. Ein absurder Preis für diese armen, tollkühnen Reisenden, die höchstwahrscheinlich eine Rückfahrkarte in ihre Heimat mit einem belegten Abschiedsbrötchen und einem "Geschenk" von 120 Euro aus Spanien lösen.

Die Überfahrt aus Mauretanien zu den Kanaren dauert fünf Tage - ganz zu schweigen von der Überfahrt vom Senegal oder aus Guinea-Bissau: 15 Tage Wellen, Wind, Seekrankheit und gleißende Sonne. Diejenigen, die bei dem Versuch der Überfahrt nicht sterben, kommen mit Unterkühlungen, Brandwunden und Läsionen an.

Ein Tsunami der Opfer erreicht die spanische Küste

©Oriol Llado/flickr1994 landete das erste afrikanische Boot in Fuerteventura. Die Saison 2005/ 2006 erreichte eine Rekordzahl von 30.000 Personen, die auf diese Art auf den Kanaren ankamen. Menschenhändlerbanden umgehen weiterhin die Grenzkontrollen. Die Boote sind weiß, wenn sie aus Mauretanien kommen und farbig, wenn sie aus dem Senegal stammen. Sie haben weder die nötige Ausstattung, noch gibt es auf ihnen genug Proviant. „Viele der Reisenden trinken Meerwasser während der Überfahrt. Sie wissen nicht, dass das schlimmer ist als gar nichts zu trinken“, erzählt Austin Taylor, Mitglied der Rettungshelfer (ERIE, Equipo de Respuesta Inmediata de Emergencia, A.d.R.) des Roten Kreuzes. Er bekommt eine zittrige Stimme, wenn er an die überschwänglichen Danksagungen der gerade Gestrandeten denkt, wenn er ihnen ein Glas Wasser reicht.

Bitteres Begrüßungspaket

Es kommen vor allem Männer zwischen 20 und 45 Jahren. Normalerweise ist es das Rote Kreuz, das diese "Illegalen" auf den Kanaren in Empfang nimmt. Sie verteilen Kleidung, zwei T-Shirts, Schuhe, einen Trainingsanzug und eine Decke. Dazu noch ein wenig Wasser, heißen Tee und ein paar Kekse. Das ist der schöne Teil. Dann geht es zum Polizeirevier. Wer Papiere besitzt - meistens Einwanderer aus dem Senegal - wird sofort zurückgeschickt. Die, die keine haben, oder angeben, keine zu haben, kommen für 40 Tage in die überfüllten Auffanglager der Kanarischen Inseln. Wenn diese Zeit vorbei ist, verteilen sie sich auf spanischem Gebiet. Man lässt sie gehen. Sie sollen sich ein neues Leben suchen.

"Von Bauern, über Ziegenhirten oder Fischer bis hin zu Universitätsprofessoren: Aus Afrika kommen alle soziale Schichten zu uns", erklärt Marta Rodríguez, Spanischlehrerin im Verein Las Palmas Acoge. Diese Nichtregierungsorganisation bietet den irregulären Immigranten ihre Hilfe an, wenn diese aus den Internierungszentren kommen. Sie versorgt sie mit einer Unterkunft, Essen, Hilfe in Rechtsfragen und Sprachkursen. „Einige haben sehr kindliche Vorstellungen von Europa. Ich erinnere mich an ein paar muskulöse junge Männer aus Liberia.“ Sie lacht kurz auf und fährt fort: "Sie erwarteten ein Fitnessstudio mit Swimmingpool bei uns im Zentrum vorzufinden. 'Reiche Sportler' wollten sie werden."

In Europa die Enttäuschung - im Heimatland die Gefahr zu sterben

Europa - dieses magische Wort - hat für Edogo all seinen Zauber verloren. 2005 verließ er Nigeria, um sich auf den Weg in das kanarische ‚Inselparadies‘ zu machen. Darüber möchte er nicht sprechen. Er spricht nur gebrochen Spanisch. Seine Freunde hier sind fast alle ebenfalls Nigerianer. Sie wohnen mit ihm in einer Wohnung. Er arbeitet als Hilfsarbeiter in einer Firma, die für die Instandhaltung von Waldwegen zuständig ist. Wenn das Wetter schlecht ist, gibt es weder Arbeit noch Geld. Er hat keinen festen Vertrag. Das Glück hat er auch in der Ferne nicht gefunden. Würde er wieder in sein Land zurückgehen? Was würde dann seine Familie sagen? Ein Versager, der es nicht geschafft hat, die tausend Möglichkeiten des ‚gesegneten Europa‘ zu nutzen. Und was für eine Verschwendung: Die Hinreise wurde ja schließlich von der Familie bezahlt! Außerdem hat er Angst: Ein Freund von ihm ist ins Heimatland zurückgekehrt. Kaum war er angekommen, wurde er angegriffen. Man raubte ihm sein Geld. Dann wurde er umgebracht.

Charqui, 30 Jahre alt, kam aus Marokko in einem Fischerboot auf die Kanaren. Die Überfahrt kostete ihn 1.500 Euro. Er arbeitete als Taxifahrer, um die Reise in das Land seiner Träume zu finanzieren. Nun fühlt er sich gefangen. Er hofft, dass er seine Papiere erhält. Nach drei Jahren in Spanien würde er sie bekommen. Doch so einfach ist es nicht. Er hat bereits einen Rückführungsbescheid seit seiner ersten Ankunft in Spanien vor einigen Jahren. „In Marokko gibt es Arbeit, aber kein Geld“, erklärt sein Freund Driss, 34. Driss kam her, weil er von den 100 Dirham, die er am Tag verdiente, - circa 9Euro - für 12 Stunden Arbeit als Mechaniker nicht leben konnte.

Keine Lösung in Sicht

Oumar Kasse, Senegalese und nun in Gran Canaria verheiratet, arbeitet für Las Palmas Acoge. Um das Problem der Migration anzugehen, fordert er Informationsveranstaltungen für die Jugendlichen in Afrika. „Die Elite und die afrikanische Mittelschicht müssen in ihren Ländern bleiben. Sonst ist das Land kraftlos und ohne geistige Führung“, warnt er. Austin Taylor vom Roten Kreuz ist für Investitionen und den fairen Handel zwischen Afrika und Europa. Und was kann kurzfristig getan werden? María Jesús Reguera Arjona, Sozialarbeiterin bei Las Palmas Acoge kennt ein Projekt in Guinea-Conakry. „Dort werden der lokalen Bevölkerung Videos mit drastischen Bildern gezeigt, um sie vor den Gefahren der Überfahrt zu warnen.“ Trotzdem ist die illusorische Vorstellung eines Gehaltes, das die ganze Familie ernährt, sehr verlockend. Die Gefahr, bei der Überfahrt zu sterben, wirkt nebensächlich.

Juan Antonio Corujo, Chef der Rettungstruppe des örtlichen Roten Kreuzes fasst es so zusammen: Die Kontrollen des europäischen Programms zur Grenzüberwachung, Frontex, haben die Anzahl der Boote voller Immigranten, die an den europäischen Küsten landen, reduziert. „Es gibt weniger Tote auf hoher See und die Menschenhandelsmafia macht weniger Gewinn“, tröstet sich sein Kollege Austin.