Rückblick auf ein Scheißjahr

Artikel veröffentlicht am 13. November 2016
Artikel veröffentlicht am 13. November 2016

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Nimmt man die Terroranschläge im November 2015 von Paris als Startpunkt, dann fühlt sich das vergagene Jahr an wie eine Riesenkatastrophe. Anschläge, der Aufstieg des IS, wachsender Nationalismus, Brexit und nun Trump. Ein persönlicher Rückblick.

Heute ist der 13.11.2016. Die Terroranschläge von Paris jähren sich zum ersten Mal. Vor einigen Tagen wurde Donald Trump zum neuen Präsidenten der USA gewählt und die Briten haben dieses Jahr mehrheitlich für einen Austritt aus der EU gestimmt. Nächstes Jahr sind Wahlen in Frankreich und Deutschland und sowohl der Front National als auch die AfD erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Für viele Menschen in meinem internationalen Umfeld fühlt sich im Moment alles an wie eine Riesenkatastrophe. Was ist nur los in dieser Welt?

Ein Rückblick

Als im Januar 2015 die IS-Terroristen die Redaktion von Charlie Hebdo stürmten, lebte ich in Paris. Ich erlebte also alles etwas näher und intensiver als meine Landsleute zu Hause. Wenn mich meine Freunde in Deutschland heute fragen, warum ich zurückgekommen bin, nenne ich dieses Ereignis als einen der Auslöser. Viele fühlen mit und sagen, sie würden es verstehen. Es müsse schrecklich gewesen sein. Ja, das war es auch.

Reaktionen

Das, was dieser Anschlag in mir ausgelöst hat, war jedoch eine andere Reaktion als die, die durch die Medien in die Welt kommuniziert wurde. Ich habe nicht an einem Trauermarsch teilgenommen um Zusammenhalt zu demonstrieren und gerufen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Ich habe auch mein Facebook-Profilbild nicht in die Nationalfarben Frankreichs eingefärbt, um mich solidarisch zu zeigen. Ich habe mich zu Hause verschanzt, mich einige Tage nicht mehr rausgetraut und mich gefragt, in was für einem Land ich eigentlich lebe.

Ich fühlte mich auf einmal so fehl am Platz. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei dem Wort Nationalstolz andere Bilder im Kopf habe als ein Franzose. Vielleicht auch daran, dass ich es nicht ok finde, andere zu beleidigen, Pressefreiheit hin oder her. Ich wollte nicht in einem Land leben, in dem von Krieg die Rede ist und wo schwerbewaffnete Polizisten und Soldaten an den Straßenecken stehen, damit man sich sicher fühlt. Bei mir hat dies eher das Gegenteil bewirkt. Es hat mir Angst gemacht.

Fragen stellen nach dem Warum

Charlie Hebdo war für mich der Moment, als ich angefangen habe, nach dem Warum zu fragen. Seitdem ich die Antworten kenne, finde ich das, was gerade in der Welt passiert, einfach nur logisch und in keinster Weise überraschend.

Die Perspektive wechseln, um zu verstehen

Wenn ich in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen wäre, wäre ich nicht auch vielleicht anfällig dafür gewesen, mich einer Organisation anzuschließen, die mir ein besseres Leben verspricht?

Wenn ich meinen Job verloren hätte, weil meine Arbeit aufgrund schwindender Grenzen woanders auf der Welt günstiger eingekauft werden kann, würde ich dann die Globalisierung gutheißen?

Und wenn mich jemand beschimpft oder beleidigt, wie ist dann meine Reaktion darauf? Wehre ich mich oder lasse ich mich bekehren und ändere meine Weltsicht?

Haben wir was verpasst?

Wogegen wehren wir uns eigentlich? Uns geht es doch gut! Europa und Nordamerika gehören zu den Demokratischsten Regionen der Erde. Demokratie, dazu gehören Minderheitenschutz, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte.

In den letzten Jahren wurde so viel gegen Rassismus, Sexismus und Co. getan, dass wir nun ‚Schwarze’ und ‚Frauen’ an der Spitze unserer Regierungen haben. Warum wehren wir uns dann immer noch, als wären wir die Schwachen? Kann man hier überhaupt noch von Minderheiten sprechen?

Kann es nicht auch sogar sein, dass durch die Globalisierung nun ganz andere ‚Gruppen’ zu Minderheiten geworden sind, die laut demokratischer Definition nun geschützt werden müssten?

Verantwortung und Dialog

Anstatt immer nur dagegen zu sein, lasst uns doch lieber anfangen, Verantwortung zu übernehmen. Lasst uns mit denen, die unter der Globalisierung leiden, in den Dialog gehen, damit wir sie verstehen und um ihnen ihre Ängste zu nehmen. Lasst uns auf die, die sich wehren, eingehen und mit Geduld anstatt mit ‚wir sind dagegen’ antworten. Und lasst uns überlegen, was wir tun können, um ihnen zu helfen und die Welt wieder ein bisschen friedlicher zu machen.

Wir konzentrieren uns so auf die große weite Welt und die Möglichkeiten, die wir haben, dass wir übersehen, was vor unserer eigenen Haustür geschieht. Wir stehen auf der Gewinnerseite der globalisierten Welt. Aber es gibt ganz klar auch Menschen auf der anderen Seite. Das sollten wir nicht vergessen.