Rom: Zu wählerische Italiener wählen das Ausland

Artikel veröffentlicht am 22. November 2012
Artikel veröffentlicht am 22. November 2012
Das von der italienischen Regierung vorgesehene Stabilitätsgesetz sieht vor, weitreichende Einschnitte in Bildungsbereich vorzunehmen und bedroht damit die Zukunft der jungen Generation Italiens.

Während die Sonne Roms die Touristen in Scharen anlockt, verbreiten Missstimmungen rund um die Universität La Sapienza eine Atmosphäre aus Konfusion, Enttäuschung, Rebellion und Angst. Am 27. Oktober hatten Studenten gegen Sparmaßnahmen der italienischen Regierung protestiert. Die Kritik hat sich dabei insbesondere gegen den italienischen Übergangs-Premierminister Mario Monti und die von der EU geforderten Sparbemühungen Italiens gerichtet. Das von der italienischen Regierung vorgesehene Sparprogramm, so die Befürchtung, betrifft vor allem das Bildungssystem und damit die Zukunft der jungen Generation.

Gute Bürger denken nicht zuviel nach

Die Sparmaßnahmen bedrohen zudem das Erasmus-Programm, das europäische Studenten seit 25 Jahren zueinander bringt. “Wir sind verloren”, sagt Eleonora Massi, eine Studentin, die gerade an einem Austauschprogramm in Norwegen teilgenommen hat. “Ich weiß nicht, ob es eine Lösung gibt. Das Erasmus-Programm hat es mir ermöglicht, eine neue, parallele Welt zu entdecken. Oslo ist sehr multikulturell; eigentlich fühlt es sich an, als sei man gar nicht mehr in der EU. Norwegern ist die Europäische Union ziemlich egal. Wahrscheinlich haben sie die richtige Entscheidung getroffen.” Andere, wie Edoardo, sind noch nicht in den Genuss des Austauschprogramms gekommen. “Erasmus ist eine prägende Erfahrung. Wenn ich nicht ins Ausland gehen würde, wäre das eine verlorene Chance.”

Unzureichende Mittel für das Erasmus-Programm sind nur ein Teil des Problems. Gravierend wirken sich die Kürzungen auch in anderen Bereichen aus. Laut Gesetzesvorschlag müssten Lehrer bei gleichbleibendem Lohn länger arbeiten. “Wahrscheinlich werden die Kürzungen dazu führen, dass weniger Lehrer für eine größere Anzahl Schüler zur Verfügung stehen. Die Qualität in der Ausbildung wird sich durch weniger Zeitaufwand pro Schüler, weniger schulische Aktivitäten und weniger Hingebung gegenüber den Schülern verschlechtern,” so Professor Alessandro Natalini.

“Ähnliche Auswirkungen hatten bereits die Reformen im Jahr 2008, als 80.000 Lehrerstellen gestrichen wurden. Gleichzeitig kam es zu Kürzungen bei anderen Austauschprogrammen, wie beispielsweise beim Comenius-Programm.” Für Natalini sind die verheerenden Auswirkungen der Kürzungen von einem Großteil der Politik gar gewollt. “Die Krise ist nur ein Alibi”, so Natalini. “Gebildetere Menschen sind nicht einfach zu manipulieren und engagieren sich stärker in Protesten. Ungebildete Menschen dagegen sind weniger in der Lage, über ihre mangelnde Bildung nachzudenken und protestieren daher nicht.”

Eleonora stimmt zu; Mittelkürzungen in der Bildung sind ein “teuflischer Plan.” Ist die Demokratie in Italien reine Illusion? “Studenten wissen immer weniger”, sagt Eleonora. “Sie sind einfach unzureichend informiert. Die Proteste der Studenten stoßen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik auf weitgehende Ignoranz. Deshalb sind die Bemühungen der Studenten sinnlos. Proteste sind jedoch der Kern der Demokratie.” Eleonora schlägt daher eine radikalere Form des Protests vor: “Beispielsweise könnte massenhaftes Fernbleiben bei den nächsten Wahlen ein wichtiges Signal ausgesendete werden.”

Braindrain: Italien? Bloß weg von hier!

Die Empörung der Studenten wurde zudem von der italienischen Bildungsministerin Elsa Fornero befeuert, die die junge Generation dazu angehalten hat, bei der Jobwahl nicht zu “choosy” zu sein. “Meine Mutter kann mir gerne vorwerfen, “choosy” zu sein, aber nicht die Bildungsministerin,” so Monica Mastroianni, eine Radiojournalistin, die sich auf Menschenrechte spezialisiert hat. “Ich habe mich sehr über die Aussage echauffiert,” gibt auch Eleonora zu. “Im Gegensatz zu unseren Politikern sind junge Menschen bereits gewillt, Opfer zu bringen. Zwar hat sich die Situation gegenüber den Berlusconi-Jahren immerhin ethisch verbessert, aber die junge Generation bleibt dennoch oftmals außen vor. Es gibt oft einfach keinen Willen, die Energie von jungen Talenten zu nutzen, obwohl es viele freie Stellen gibt.”

Für Wissenschaftler sieht die Situation ähnlich düster aus. Eine Studie der Organisation italienischer Doktoranden (ADI) hat ergeben, dass finanzielle Stipendien in den Jahren 2009 bis 2012 um 25,9% gekürzt wurden. “Der Mangel an Finanzen hat negative Auswirkungen auf die italienische Wissenschaft, die vormals oft die Standards gesetzt hat”, erklärt Francesco Vitucci, der Sekretär der ADI. “Die Kürzungen haben Folgen für die wissenschaftliche Freiheit. Wissenschaftler arbeiten oft unter Zeitarbeitsverträgen und sind die Ersten, die bei ökonomischen Schwierigkeiten gefeuert werden. Weder ist die Mobilität von Wissenschaftlern weiter garantiert. Mobilität ist aber wichtig, damit italienische Wissenschaftler in einem internationalen Austausch mit anderen Wissenschaftlern treten können.” Was also bringt die Zukunft für die junge Generation Italiens? Sie ist insbesondere unsicher. Nach den Erfahrungen in Skandinavien ist sich Eleonora sicher, ihr Glück in einem Land zu finden, in dem die Türen für eine ganze Generation nicht verschlossen sind.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.comLocalteam in Rom.

Illustrationen:  Teaserbild ©zibibboo; Im Text ©geomangio; ©jerik0ne/flickr