Rom und seine G2: Ganz gleich und doch anders

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2011
Morgen werden diese auf der Halbinsel geborenen und/ oder aufgewachsenen Einwandererkinder ein bedeutendes wirtschaftliches Gewicht Italiens ausmachen. Dennoch sind sie immer noch von der herrschenden Klasse stigmatisiert und fristen ein Schattendasein im Angesicht des Gesetzes, das sie irgendwann zum Wegzug veranlassen könnte. Die Chronik einer nicht immer gegenseitigen Liebe.

Sie heißen Puia, Fatou, Queenia oder Franck. Ihre Namen klingen nicht wirklich italienisch und zwar aus gutem Grund: Denn sie gehören zu den Einwanderern der zweiten Generation (G2). Sie sind in Italien aufgewachsen und durch dessen Kultur geprägt: keine richtigen Immigranten, aber auch keine richtigen Italiener. „Ich bin ein Limbus“, entfährt es Puia mit einem breiten Lächeln. Der 19-Jährige empfängt uns in Begleitung seiner Freundin Giulia in der Familienwohnung, die großzügig mit Perserteppichen ausgeschmückt ist. In seinem Zimmer sind die Wände mit NBA-Postern zugepflastert, die kaum noch Platz für die iranische Flagge lassen. „Ich erkenne mich in vielen Aspekten der italienischen Kultur wieder. Aber in anderen fühle ich mich sehr fremd. Wenn ich mit Italienern zusammen bin, fühle ich mich nicht wirklich italienisch, aber im Iran werde ich als derjenige betrachtet, der aus dem Westen kommt.“

Für den Italiener mit iranischen Ursprüngen ist Italien ein ‚Hinterweltlerland‘.

Liga Nord: "Die klauen unsere Jobs..."

'Unsichtbar': Dieses Wort definiert vielleicht am besten den Status der Immigranten der zweiten Generation in Italien. Allerdings steht für das Land viel auf dem Spiel. Gemäß eines kürzlich erschienen Berichts der Organisation Caritas-Migrantes, könnten die G2-Immigranten in 50 Jahren mehr als 15% der Bevölkerung ausmachen, ein nicht zu vernachlässigender wirtschaftlicher Trumpf für Italien. Das Klischee der „Mamma“ und ihrer Kinderschar hat sich überlebt. Italien befindet sich mit einer Geburtenrate von 9,18 pro 1000 Einwohner europaweit in der Schlussgruppe.

Das Phänomen der zweiten Einwanderergeneration ist allerdings relativ neu. Im Gegensatz zu Frankreich oder England tut sich die italienische Gesellschaft mit der Öffnung noch schwer, da sie sich fest im Griff einer politischen Kultur befindet, die mit Ausländerfeindlichkeit flirtet und auf weitestgehend instrumentalisierte Medien setzt: „Die Nachrichten üben echten Psychoterror auf einige Bevölkerungsschichten aus“, kritisiert Giulia. „Es besteht Angst vor dem Fremden, die von der Liga Nord [rechtspopulistische Partei Umberto Bossis] verbreitet wird. Sie sagen, Immigranten nehmen Arbeitsplätze weg“, bekräftigt Puia.

Patriotismus und Aufenthaltsgenehmigungen

„Ich bin noch keine Italienerin.“ In perfektem Italienisch ausgesprochen, vielleicht mit einem leichten römischen Akzent, erscheinen diese Worte einfach falsch, wenn man ihren Ursprung betrachtet. Fatou, 16 Jahre alt, wurde in Italien geboren, ihre Elten sind Senegalesen. Sie muss jedoch ständig ihre Aufenthaltsgenehmigung bei sich tragen. Denn das italienische Recht erkennt immer noch kein Geburtsortsprinzip an. Genau wie ihr enthält der italienische Staat so Tausenden die Staatsbürgerschaft vor: „Meine Mutter erzählte mir, dass es in den 1990er Jahren maximal eine Person ausländischer Herkunft pro Klasse gab. Heute sind die Klassen voll mit Immigrantensöhnen und -töchtern, die sich auf die italienische Kultur einlassen wollen. Wir lernen die Rechte der italienischen Verfassung, ohne diese zu besitzen.“

Trotz ihres jungen Alters engagiert sich Fatou für eine Organisation namens Dhuumcatu, die ausländische Gemeinschaften unterstützt. Deren Ziel: Den Bewohnern von Esquilino, einem sozial schwachen Viertel Roms, bei bürokratischen Vorgängen für den Erwerb der Staatsbürgerschaft zu helfen. „Ich bin stolz auf meine Multikulti-Seite, nicht nur weil ich Senegalesin bin, sondern auch weil ich die Chance hatte zusammen mit Chinesen, Bangladeschern und Afrikanern aufzuwachsen. Daher bin ich viel offener als die große Mehrheit der Italiener.“

Und genau hier drückt der Schuh. Die Mehrheit der Italiener scheint einfach nicht von den Problemen ihrer Mitmenschen betroffen zu sein. Engagement, Kultur, sich dem Fremden gegenüber öffnen sind ebenso Eigenschaften, die Einwanderer pflegen müssen. Ganz auf sich allein gestellt. Queenia beschreibt die italienische Gesellschaft als „voller Widersprüche.“ Die junge Frau mit nigerianischen und brasilianischen Wurzeln ist im Alter von 5 Jahren nach Italien gekommen. Sie ist die aktuelle Preisträgerin des Wettbewerbs Scrivere Altrove ['Anderswo Schreiben'] und zudem Mitglied des Vereins Rete G2, der sich für eine Änderung des Staatsbürgergesetzes stark macht. „[Italien] hat Angst, sich durch die Linse der Anderen zu betrachten, obwohl das bitter nötig wäre. Es versucht eine gewisse Tradition in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, obwohl die Leute kaum patriotisch sind, sie werden einfach ignoriert und zurückgelassen.“ Mit ihren 25 Jahren kann die Studentin keinen Anspruch auf die Staatsbürgerschaft erheben. Um Anspruch zu haben, verlangt der Staat von ihr im Gegenzug 4 Jahre reguläre Beitragszahlungen. Bis dahin muss Queenia immer mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung spazieren gehen: „Wenn man von einer Aufenthaltsgenehmigung für das Studium abhängt, gibt es wenig Perspektiven auf persönliche Horizonterweiterung. Man kann keine Reisen für einen längeren Zeitraum unternehmen und wird diskriminiert, wenn es um Jobs geht.“

"Italien hat Angst davor, sich auf den Blick des Anderen einzulassen, obwohl das Land es bitter nötig hätte"

Banker und Pizzabäcker der G2 müssen Taten folgen lassen

Die Lösung? Gerechtigkeit. Das ist zumindest das, was Franck, ein Kameruner, der seit sieben Jahren in Italien lebt, und sein sizilianischer Mitbewohner Piero vorschlagen: „Der Staat muss für alle Chancengleichheit schaffen: „Um sich zu integrieren, muss man dort leben können, wo man sich befindet. Es geht nicht nicht nur darum, auf den Markt zu gehen oder Menschen der eigenen Minderheit zu treffen, sondern darum, aktives Mitglied zu sein, an Wahlen teilzunehmen, kommunale Sitzungen zu veranstalten, genauso wie die Italiener.“ Bleiben natürlich Integrationsprobleme, die natürlich ebenso „von den Minderheiten selbst [abhängen], da auch nach 15 Jahren einige Menschen mit asiatischem oder bengalesischem Hintergrund immer noch kein Italienisch sprechen“, erläutert Franck.

Immigration als Quelle der InspirationZudem müsste man ihnen einen entgegenkommenden rechtlichen Rahmen bieten. Das Gesetz über die Anerkennung der Staatsbürgerschaft liegt seit Jahren im Parlament auf Eis. Obwohl, der Rücktritt von Berlusconi und der Abgang seines Schattenmans Umberto Bossi könnten vielleicht den Beginn einer neuen Ära markieren. Auch wenn alle Interviewten zurückhaltend gegenüber den zukünftigen Plänen Mario Montis sind, so haben sie andererseits nicht versäumt, die Deklaration von Giorgio Napolitano aufzuschnappen. Der Präsident der Republik hat erst kürzlich seine Bereitschaft, das Geburtsortsrecht in das Staatsbürgerrecht einzuführen, unterstrichen. Dies bedeutet einen ersten Schritt in die richtige Richtung, es ist inzwischen an der nächsten Generation, diesem Versuch Taten folgen zu lassen. „Es kommt auf unsere Generation an, auf die zukünftigen Banker, aber auch auf die Pizzabäcker, diese Angelegenheit voranzubringen und jedem Menschen die gleichen Chancen einzuräumen“, prescht Piero vor.

Eine Botschaft die Hoffnung gibt, aber dennoch mit einer Warnung gepaart ist: Angesichts der steigenden Einwandererzahlen hat die Regierung die Wahl zwischen Handeln und diese Bevölkerung rechtlich und kulturell zu integrieren - oder weiterhin die Karte der Ignoranz zu spielen. Wenn Italien jetzt nicht mit den G2 zusammenkommt, könnte es in den nächsten Jahren zu den großen Verlierern gehören.

Dieser Artikel ist Teil unserer cafebabel.com-Reportagereihe 2011/ 2012 MULTIKULTI on the ground.

Illustrationen: Homepage und im Text ©Ehsan Maleki; Napolitano (cc)European Parliament/flickr; Video ©LookoutTV/YouTube