Roland Ries: Rassistische Graffitis schüren Angst in Straßburg

Artikel veröffentlicht am 4. November 2010
Artikel veröffentlicht am 4. November 2010
Friedhofschändungen, Schmierereien auf Häusern und Autos von Personen aus dem öffentlichen Leben… Seit 2010 werden im Großraum Straßburg wiederholt fremdenfeindliche und rassistische Handlungen verübt. Kein schöner Anblick in der Stadt, in der der Europarat, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und das Europäische Parlament ihren Sitz haben. Am 5.
Oktober hat der Straßburger Bürgermeister Roland Ries eine Petition in Umlauf gebracht, um ein Zeichen gegen diese Taten zu setzen - bereits 6.800 Personen haben diese Petition unterzeichnet. Exklusiv auf cafebabel.com verkündet Ries den Wunsch nach einer gesamteuropäischen, öffentlichen Meinung.

cafebabel.com: Wird das Image Straßburgs als Europahauptstadt und Hauptstadt der Menschenrechte durch die rassistischen und fremdenfeindlichen Handlungen der letzten Monate nicht stark beschädigt?

Roland Ries: Nein, ich habe nicht das Gefühl. Die ersten Reaktionen auf die Petition sind äußerst ermutigend. Es gibt sehr viele Bürger, sowohl aus der Basis als auch Abgeordnete, die diese Petition unterschreiben. Ich denke, das entspricht einer bestimmten Erwartung. Ich glaube nicht, dass die Europäische Dimension und die europäische Identität der Stadt wirklich erschüttert werden könnten. Ganz im Gegenteil. Ich bin der Ansicht, dass es uns mithilfe dieses Appells an die Öffentlichkeit gelungen ist aufzuzeigen, dass diese Ausschreitungen auf das Konto von kleinen Splittergruppen gehen. Allerdings finde ich das allgemeine Klima in Frankreich und Europa besorgniserregend. In gewisser Weise versucht man, Hass zwischen den Gemeinschaften, zwischen Individuen und vielleicht sogar zwischen den verschiedenen Nationen zu säen und die Gesellschaft zu destabilisieren. Man beobachtet in ganz Europa ein ziemlich weit verbreitetes Misstrauen gegen alles, was anders ist.

Ein europäischer Bürgermeister im Kampf gegen Rassismus

cafebabel.com: Sie sprechen davon, dass in anderen europäischen Ländern ein ähnliches Klima aufkommt. Halten Sie es für möglich, dass extremistische Bewegungen Ihre Handlungen aufeinander abstimmen, um den ganzen Kontinent zu destabilisieren?

Roland Ries: Ich würde nicht so weit gehen, hinter diesen Taten ein allgemeines Komplott zu vermuten. Aber ich denke, dass die europäischen Nationen alternde Gesellschaften sind, und dass es mit fortschreitendem Alter ein natürlicher Reflex ist, sich schützen zu wollen und Angst vor dem Anderen zu haben. Die Extremisten nutzen diesen Reflex aus, sie nähren dieses Gefühl, indem sie Häuser von Volksvertretern und Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, angreifen.

cafebabel.com: Glauben Sie, dass das 'tolerante Miteinander' inzwischen zu einer der größten Herausforderungen der Europäischen Einheit geworden ist?

So zum Beispiel könnte man andersherum taggenRoland Ries: „Ich denke, eine große Herausforderung auf europäischer Ebene ist die Schaffung einer europäischen öffentlichen Meinung. Ich hoffe, dass diese sich an Werten wie dem Humanismus, der Akzeptanz von Unterschieden, und dem Respekt vor dem Anderen und seinen Besonderheiten orientieren wird. Eine Demokratie gründet sich immer auf einer öffentlichen Meinung, die zwar in einigen Fragen voneinander abweicht, aber den grundlegenden gemeinsamen Werten, die unser gemeinsames Wohlergehen begründen, verbunden ist. Wenn es uns gelingt, dahingehend weiterzukommen, werden wir gleichzeitig Europa voranbringen können.

cafebabel.com: Die Petition ist nur die erste Etappe einer Bürgermobilisierung. Ist auch eine Reaktion auf europäischer Ebene vorstellbar?

Roland Ries: Meiner Meinung nach ist es an sich eine gute Sache, die Bürger zu mobilisieren, die in anderen Punkten unterschiedlicher Meinung sein können, aber die zumindest zum Ziel haben, die Werte der Republik und die demokratische Grundordnung zu verteidigen. Alle politischen Familien, denen diese Werte am Herzen liegen, können sich zusammenschließen. Dies ist das Ziel des Appells. In Straßburg, in Frankreich und warum nicht auf europäischer Ebene.

cafebabel.com: Würden Sie sich wünschen, dass sich öffentliche Personen in ganz Europa Ihrem Engagement anschließen?

Roland Ries: Natürlich würde ich mir das wünschen, aber meine Motivation liegt in erster Linie in etwas anderem begründet. Neben der Notwendigkeit, die Schuldigen zu finden und zu bestrafen, ist es mir sehr wichtig, dass die Ämter und Behörden frühzeitig reagieren und diesem Phänomen entgegenwirken, dass sie verhindern, was damals passiert ist (A.d.R.: die passive Haltung der öffentlichen Hand angesichts des Aufkommens von rassistischen und antisemitischen Erscheinungen in den 1930er Jahren), wir haben gesehen, wozu das damals geführt hat. Zwar sind die jeweiligen Umstände nicht wirklich vergleichbar, aber es ist wichtig, dass wir diese Dinge jetzt angehen und aufzeigen, dass es eine sehr große Zahl unterschiedlicher Personen gibt, die den Werten der Republik und Demokratie stark verbunden sind.

Link zum Weiterlesen: Warum Babel Straßburg die Petition von Roland Ries unterschrieben hat (Pourquoi Babel Strasbourg signe l'appel de Roland Ries)

Fotos: (cc)tim caynes/flickr; Roland Ries: (cc)cafebabel Straßburg