Roger Woolger: Jung, die Reinkarnation und die Schamanen

Artikel veröffentlicht am 28. April 2008
Artikel veröffentlicht am 28. April 2008
Im Gespräch mit dem 63 Jahre alten britischen Psychotherapeuten, der die Jungsche Theorie mit der orientalischen Philosophie verbindet. Auf dass uns frühere Leben helfen mögen, unsere heutigen Neurosen zu überwinden.

Paris im Frühling. Ich befinde mich in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert im Herzen des jüdischen Viertels Marais. Die Küchenuhr zeigt vier Uhr nachmittags. Dies ist der Zeitpunkt meiner Verabredung mit Roger Woolger. Seine gewohnte Tasse dampfender Tee steht bereit, aber noch nähern sich keine Schritte. Ich warte geduldig, es war ja auch nicht schwer, ihn zu treffen. Ich musste weder ewig herumtelefonieren, noch mit der Metro die ganze Stadt durchqueren. Fast könnte man meinen, es war das Schicksal, das uns zusammenführte, als ich vor ein paar Monaten die Schwelle zu dieser Wohnung überschritt. Roger und ich wohnen zusammen und er ist absolut nicht der Mitbewohner, den ich erwartet hatte. Ein seriöser englischer Herr im besten Alter, mit rosigen Wangen und einer freundlichen Art, die an die Familienoberhäupter aus amerikanischen Fernsehserien der Achtzigerjahre erinnert. Aber der Schein trügt. Roger Woolger ist nämlich ein Jungscher Psychotherapeut und gründet seine Arbeit auf der Erforschung "früherer Leben", die seiner Ansicht nach unsere Gegenwart beeinflussen.

Nackt und angekettet in einem Käfig

Woolger studierte Psychologie und Religionsgeschichte in Oxford und London. Seine Karriere begann er mit einem Praktikum am Jung-Institut Zürich. Allmählich tendierten Woolgers Theorien aber zur Verschmelzung der westlichen Psychologie mit der Reinkarnation. Wie das geht? In unserem Dasein gäbe es Erinnerungen an frühere Leben, die die Traumata von gestern im Hier und Jetzt prägen. Diese Deep Memory Process genannte Methode hilft Patienten, die unter unbegründeten Ängsten, Unsicherheiten und sogar physischen Störungen leiden. Sie soll es nämlich ermöglichen, in früheren Leben ertragene Schmerzen ans Tageslicht zu befördern und diese in Form eines Psychodramas erneut zu durchleben. Viele Leute leiden unter Phobien. Es gibt krankhafte Ängste vor dem Verlassenwerden, vor großem, leeren Raum, vor dem Feuer und vor dem Fliegen.

„Einmal kam eine Frau zu mir, die Angst davor hatte, aus dem Haus zu gehen. Sie hatte einen derartigen Terror vor anderen Menschen, dass sie sich sogar den Einkauf nach Hause liefern ließ“, erzählt Woolger. "Auf den ersten Blick sieht das aus wie eine Psychose, aber in meinem Beruf sucht man in irrationalen Bildern die Wurzeln der Dinge, die in unserem Unterbewusstsein verankert sind." Zu Beginn einer jeden Sitzung verwendet Roger Woolger bestimmte Sätze, die den Patienten zur Fokalisierung seiner Ängste führen sollen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Hypnose im engen Sinne, sondern um eine geistige Rückführung, um frühere Leben sichtbar zu machen. Er fährt fort: „In diesem Fall entdeckte meine Patientin, eine afrikanische Sklavin gewesen zu sein. Sie war auf einem Marktplatz in einem Holzkäfig eingesperrt, völlig nackt und angekettet. Und dann kamen noch andere Szenen zum Vorschein, auf einer Plantage, wo sie von ihren Herren regelmäßig vergewaltigt wurde.“ Der wahre Grund ihrer Ängste waren also nicht Menschenmengen an sich, sondern die Blicke anderer Leute. Nachdem er den Ursprung der Phobie herausgefunden hat, versucht Woolger in seinem Patienten das Bewusstsein zu erzeugen, dass das traumatisierende Erlebnis der Vergangenheit angehört, und beginnt einen Therapiezyklus zur Wiederherstellung der Selbstachtung.

Die Shoa und das College

Zu den von Woolger behandelten Problemen gehört auch die Depression, ein Leiden, das nach Angaben der Europäischen Kommission 4,5Prozent der Bevölkerung des Alten Kontinents quält. Er erzählt mir von einer englischen Frau, die schon immer unter Depressionen gelitten habe, obwohl es in ihrem Leben nie Ereignisse gab, die dies rechtfertigen könnten. "Um die auslösenden Ursachen zu finden, muss man mitunter in die Tiefe gehen und auch scheinbar unbedeutende Details analysieren", sagt er, während er mit seinem Teelöffel spielt. "Ich begann damit, sie von ihrem Leben erzählen zu lassen und irgendwann sprach sie von der Abreise ihres Sohnes in ein College. Dabei war keine besondere Emotion in ihrer Stimme zu hören. Dennoch bat ich sie, diesen Tag mit geschlossenen Augen im Geist erneut zu durchleben." Die Ankunft am Bahnhof, die Koffer auf dem Zug, das geöffnete Abteilfenster und der Sohn, der ihr zuwinkt und zuruft, dass sie sich zu Weihnachten wiedersehen würden. Und dann kamen die Tränen. Was war passiert? "Ich fühle, dass ich ihn nie wiedersehen werde", sagte die Frau unter Tränen. Und jetzt reist sie in die Vergangenheit zurück: Der Zug ist voller Juden und fährt in ein Konzentrationslager. Mütter werden von ihren Kindern getrennt und sie wird ihren Sohn nie wiedersehen. Zwei Wochen später starb diese Frau und dieser Schmerz, der sich zum Zeitpunkt des Todes in ihre Seele gegraben hatte, verfolgt ihr heutiges Leben in Form von Depressionen.

Mit den Schamanen in Lateinamerika

Roger erzählt nun frei von der Leber weg. Es ist faszinierend, ihm und seinen Abenteuern im Jenseits zu folgen. Dabei versucht er keineswegs, von irgendetwas zu überzeugen. Er glaubt lediglich fest an das, was er tut. Das fesselt die Aufmerksamkeit. Er erzählt von Problemen, die man in einer einzigen Sitzung lösen kann. Bei anderen, die das Ego und die Selbstachtung beeinträchtigen, würde man hingegen mehr Zeit benötigen. Auf jeden Fall arbeitet er nie länger als sechs Monate mit einem Patienten.

Auch in Lateinamerika ist er aktiv. Hier gründete er das Institut Para O Psique e as Tradicoes Espirtuais im brasilianischen Salvador. Als ich ihn frage, welche Geschichte ihn dort am stärksten beeindruckt hat, zögert er keine Sekunde. Er erzählt mir von einer jungen Brasilianerin, die als Hebamme in einem Krankenhaus arbeitete, aber, wie durch einen bösen Scherz des Schicksals, selbst schon drei Fehlgeburten hatte. Später wurde sie wegen Fibromen an der Gebärmutter operiert. Die Chancen, danach noch einmal schwanger zu werden, waren minimal. "Mithilfe der geistigen Rückführung haben wir ihren Körper analysiert. Und so sah sie sich selbst als junges Mädchen in einem Volksstamm, in dem Frauen geopfert wurden und man in ihrem Fall die Gebärmutter zum Opfer gebracht hatte. Während der Sitzung haben wir Schamanen hinzu gerufen, die ihr halfen, die am stärksten verletzten Bereiche ihrer Gebärmutter wiederherzustellen." Gleich nach der Therapie sagte sie, dass sie sich besser fühle und nach sechs Monaten kam sie wieder, um zu berichten, dass sie ein Baby erwarte. Das heißt, Sie arbeiten auch mit Schamanen? "Ja, vor allem in Lateinamerika. Für mich sind sie die Psychotherapeuten der Stammesgesellschaften und haben hervorragende Kontakte zur Welt des Geistes. Von ihnen habe ich gelernt, mit der Aura, unserem Energiefeld, zu arbeiten."

Inzwischen ist mehr als eine Stunde vergangen. Morgen fährt Roger nach London und muss noch ein Referat fertigschreiben. Ich danke ihm, aber bevor er hinter der Tür zu seinem Zimmer verschwindet, bitte ich ihn um eine Widmung in seinem Buch, von dem ich die italienische Übersetzung gekauft habe (Vergangene Leben heilen, Goldmann 2006). Und er verabschiedet sich mit einem Lächeln: 'Für Elisa, ich wünsche dir ein wunderbares Leben, dieses Mal.'

(Foto Homepage: 2007, The Crossings/ rogerwoolger.com)