Rodismus: Slawen-Bräuche, Sonnenwende und Swastika

Artikel veröffentlicht am 16. August 2017
Artikel veröffentlicht am 16. August 2017

Immer mehr Polen wollen den prächristlichen Glauben ihrer Heimat erkunden. Tief in den slawischen Wäldern stößt man auf naturnahe Spiritualität und Ahnenkulte, aber auch auf rechtsextreme Wahnsinnige und archaische Ansichten der gesellschaftlichen Frauenrolle.

„Wir sind auf keinen Fall Heiden. Wir wollen als Rodisten bezeichnet werden“, erklärt Dragomir. „Der Begriff 'Heide' kommt einem Schimpfwort gleich, das Christen verwenden. Ein 'Heide' ist für sie jeder mit einem anderen Glauben als dem christlichen, auch Muslime sind für sie Heiden. Und Rodisten sind nicht gerade begeistert davon, mit Muslimen in einen Topf geworfen zu werden.“

Dragomirs eigentlicher Name ist Oskar. Bis vor kurzem war er als Barkeeper tätig. Ausgebildet zum Grafik-Designer kreiert er Concept Art für Computerspiele. In seiner Freizeit praktiziert er historisches Reenactment. Außerdem ist er Żerca, eine Art Rodisten-Priester.

Rodismus (pol. Rodzimowierstwo) ist eine Religion, die auf dem Glauben der Slawen basiert, den vorchristlichen Bewohnern eines Territoriums, das heute als Polen bekannt ist. Beziehungsweise ist die Basis wohl eher die moderne Interpretation dieses Glaubens, denn unser Wissen über diese Zeit ist beschränkt. „Im Gegensatz zu vielen Behauptungen, haben Slawen keine schriftlichen Überlieferungen hinterlassen. Sie haben ihre Traditionen nur mündlich weitergegeben“, so Dragomir.

„Es gibt keine Schriftquellen wie die Bibel. Wir kennen keine rodistische 'Liturgie'. Unsere Spekulationen darüber, auf welche Art gewisse Riten praktiziert wurden, verdanken wir ethnographischer Forschung“, stimmt Luiza zu. Auch sie ist Żerca, kommt aus einem Vorort von Warschau und ist in ihrem anderen Leben Lohnverrechnerin in einem mittelgroßen Betrieb.

Rodismus - nicht nur Reenactment

Trotz dieser Schwierigkeiten begeistern sich immer mehr Polinnen und Polen für Rodismus, doch nur wenige sind offiziell in bestehenden Glaubensverbänden registriert, was die Schätzung ihrer Gesamtzahl erschwert. Die meisten sind in kleineren, informellen Gruppen aktiv. Diese Organisationen praktizieren auch historisches Reenactment, ganz zum Missfallen mancher offizieller Anhänger. „Viele Rodisten glauben, dass uns das Verkleiden mit mittelalterlichen Kostümen mehr bedeute, als die spirituelle Seite“, bedauert Dragomir, der selbst in einer Reenactment-Gruppe namens UtlagarHirde aktiv ist. „Jede Religion hat doch ihre Festtags-Kleidung, ich sehe also nicht ein, warum unsere nicht slawisch und historisch sein sollte.“

Aufgrund der fehlenden schriftlichen Aufzeichnungen und der organisatorischen Fragmentierung gibt es keine vereinte Rodisten-Bewegung. Jede Teilgruppe hat ihre eigenen Versionen für die fundamentalen Glaubensfragen: Rituale, religiöse Feiertage, ja sogar für Götter. Für Dragomir sind Götter nicht mehr als moralische Ideale, die für Slawen sinnbildhaft durch Naturphänomene repräsentiert werden. Er gibt ein Beispiel: „Perun ist ein Gott, der die moralischen Ideale maskuliner Kraft repräsentiert und Hindernissen mutig, angstbefreit begegnet“, erklärt er. „Daher wurde er mit der Naturkraft des Donners und mit der Eiche identifiziert - dem stärksten und härtesten Baum unserer Wälder.“

Luiza hingegen betrachtet Götter im Rodismus als sekundär. Die Natur und die Ahnen zu respektieren, ist in ihren Augen viel wichtiger. „Ich sehe keinen Sinn darin, Göttern Namen zu geben. Wir können ohnehin nicht wissen, ob sie richtig sind“, erklärt sie. Mit Sicherheit wissen wir eigentlich nur von wenigen Hauptgöttern der slawischen Götterwelt. Luiza unterstreicht, dass Rodismus sich in vielen Punkten sehr von den meisten Religionen unterscheide: „Vergleichbar ist der Glaube noch am ehesten mit dem Buddhismus, als philosophische Strömung und Art und Weise, wie man die Welt betrachtet.“

Wie eine bestimmte Gruppe ihre Religion konkret auslebt, bestimmt hauptsächlich der oder die Żerca. Das rodistische Äquivalent zum Priester führt als Zeremonienmeister die Riten und Opfergaben durch. Diese sind im Normalfall nicht blutig: „Meistens wird Brot, Honigwein oder ein anderes landwirtschaftliches Produkt als Opfer dargeboten“, versichert Dragomir. Ein ganz besonderes Ritual für Rodisten ist Swadźba - die Hochzeit. Viele Elemente der altslawischen Zeremonie leben in heutigen Hochzeitsbräuchen weiter: „Zum Beispiel das Brautstrauß-Werfen. Es ist eine zeitgenössische Interpretation des Werfens eines Kranzes, der in slawischen Zeiten vermutlich Jungfräulichkeit repräsentierte“, erklärt Dragomir, der selbst ganz zu Beginn seiner „Karriere“ eine Rodisten-Hochzeit abhalten durfte. Wojciech, ebenfalls Żerca, privat Archäologe und als Verkäufer in einem lokalen Laden tätig, hat mehr Erfahrung mit „heidnischen“ Hochzeiten. „Meine Familie - Mutter und Großmutter - waren bei einer meiner Zeremonien dabei. Ich kenne niemanden, der das von sich behaupten könnte“, prahlt er und betont, dass wenige Rodisten auf Verständnis von ihren Familien zählen können.

Du musst wirklich keine Bäume umarmen

Vorchristliche Slawen lebten üblicherweise selbstversorgerisch, es ist daher keine Überraschung, dass die meisten Feste eng an Jahreszeiten und Naturzyklen geknüpft sind. Moderne Rodisten führen diese Traditionen fort und feiern z.B. die Sonnenwende, obwohl die meisten von ihnen im urbanen Raum leben und wenig bis keinen Kontakt mit Landwirtschaft haben. „Ich lebe in der Stadt, aber wenn ich die Möglichkeit hätte, hier rauszukommen, würde ich in der Natur leben“, gesteht Dragomir. Seit er mit Rodismus zu tun hat und mehr Zeit im Freien verbringt, plagt ihnder städtische, moderne Lebensstil umso mehr. „Meiner Meinung nach sollte ein Rodist nach einer Art des simplifizierten Lebens streben, nach einem Weg, zu den Wurzeln, zur Natur zurückzukehren“, fügt er hinzu und kommentiert, dass das kein breit akzeptiertes Konzept unter seinen Landsleuten sei.

Luiza sieht das viel pragmatischer: „Ich bin jeden Tag in Kontakt mit Natur - auf meiner Pendler-Strecke im Auto, in meinem Haus mit Garten oder wenn ich mit Menschen und Tieren in Kontakt trete“, stellt sie fest. „Du musst wirklich keine Bäume umarmen, um die Kraft der Natur zu spüren. Ein Rodist zu sein, bedeutet gewisse Traditionen zu kultivieren und mit der Natur, so wie sie ist, zu interagieren.“

Neopaganismus und Politik

Rodismus wird in Polen aber nicht nur mit Natur und Spiritualität assoziiert. Wenn moderne „Heiden“ in die Medien kommen, ist das üblicherweise wegen ihrer rechtsextremistischen Verbindungen der Fall. Der jüngste Fall betraf die Vereinigung „Zadruga“, deren Mitglieder ein Foto eines brennenden Hakenkreuzes veröffentlichten. Der Fall endete vor der Staatsanwaltschaft, die zum juristischen Entscheid gelangte, dass das Symbol kein totalitäres Hakenkreuz war, sondern bloß ein Swarga – sein altslawisches Äquivalent. Daher konnte der Gruppe keine Verbindung mit Nazi-Ideologie nachgewiesen werden.

„Bleiben wir mal am Boden, Swastika waren als Symbole in so gut wie allen Kulturen der Welt präsent, das ist ja das Faszinierende an diesem Symbol. Ich werde nicht zustimmen, dass daran irgendetwas Schreckliches sein soll“, beteuert Wojciech, der sich nicht bemüht, seine rechtspolitische Einstellung zu verbergen. „Rodismus identifiziert sich definitiv mit dem rechten Flügel und mit Patriotismus, aber lasst uns mal nicht übertreiben, es ist nichts Dämonisches oder so.“

Als ich Dragomir nach den politischen Ansichten von „Heiden“ frage, bittet er, nicht zu verallgemeinern: „In der Rodismus-Bewerbung findest du so große politische und soziale Diversität wie in der gesamten polnischen Bevölkerung. Es gibt völlig liberale Antifa-Gruppen, die Reggae hören und Gras rauchen und gleichzeitig den Gott Swarog preisen.“ Er vertritt keine wohlwollende Einstellung zu der Gruppe, die ein Hakenkreuz verbrannt hat: „Wir haben auch totale Neo-Nazis, so wie ‚Zadruga‘, die auch keinen Abstand davon nehmen, Nazi-Propaganda zu verwenden und sogar Kriegsverbrechen zu verherrlichen. Aber auch sie machen Opfergaben für Götter und halten Rituale ab.“

Linkspolitische Gruppen sind in der Rodisten-Bewegung eine Seltenheit. Luiza merkt an, dass sich viele Rodisten mit Nationalismus identifizieren. „Es stimmt, Rodismus zieht eine speziellen Gruppe Menschen an und ja, die meisten davon sind rechts.“ Sie fügt hinzu, dass das eine simple Konsequenz daraus ist, sich für die Vergangenheit zu interessieren. Die radikale Rechte ist in Polen trotzdem immer noch großteils katholisch. „Die ganzen rechtsextremen Milizen, die durch die Städte streifen, tragen ein Kreuz um ihren Hals und behaupten, jede Woche zur Kirche zu gehen.“ 

Ein weiteres Exempel der konservativen Einstellung von Rodisten ist ihr Frauenbild. Indem sie Bräuche wiederbeleben, die ein Jahrtausend zurückgehen, übernehmen „Neuheiden“ ein völlig patriarchalisches Gesellschaftsbild. Dragomir gibt zu, dass die traditionellen Geschlechterrollen, die sie vertreten, nicht gerade feministisch orientiert sind. „So wie ich das sehe, ist eine Person am glücklichsten, wenn sie das tut, was ihrem Naturell entspricht“. Die Aufgabe der Frau ist es daher primär, Kinder zu gebären und aufzuziehen und sich um den Haushalt zu kümmern. Ein Mann hat das Haus zu verteidigen und die Familie zu versorgen. „Natürliche Rollen sind sowohl für Frauen als auch für Männer unbequem. Aber das macht uns zu besseren Menschen.“

Als Frau und Żerca betont Luiza die Wichtigkeit der Frau im spirituellen Leben der Rodisten. „Eigentlich sollten nur Frauen ‚Priesterinnen‘ sein. Die Frau kümmert sich um Haushalt und Traditionen“, behauptet sie und ergänzt, dass das in katholischen Familien nicht anders sei: Es sind die Frauen, die daran erinnern, wann der Christbaum zu dekorieren ist. In ihren Augen ist es die Rolle des Żerca, oder besser der Żerczyni (die feminine Version des Wortes), die alltäglichen, kleinen Bräuche zu pflegen. „Die unscheinbaren, fast automatischen Gesten. So wie beispielsweise heute, wenn du Salz verschüttest. Es gibt einen Aberglauben, dass man dann ein bisschen Salz über die Schulter werfen muss. Oder den Brauch, kleine Opfergaben für Hausgeister bereitzustellen…“

Wojciech ist empört: „Völliger Unsinn. So etwas wie ‚Żerczyni‘ hat es nie gegeben. Das ist ein männlicher Beruf mit einer maskulinen Bezeichnung. Es gab keine Quoten-Systeme“, lästert er. Er hat eine Erklärung parat, die auf seinen Ansichten von Theologie und Geschichte basiert. „Das Matriarchat hat gegen das Patriarchat verloren, weil sich herausgestellt hat, dass wir ständig überfallen und attackiert werden. Also haben maskuline, kriegerische Götter, die das Land fruchtbar machen, gewonnen. Mokosz, die Göttin der Erde, hat verloren und ist fortgegangen.

Die wachsende Beliebtheit von Rodismus mag mit der steigenden Salonfähigkeit von rechtspolitischen Ansichten unter jungen Menschen in Polen zusammenhängen. Wojciech legt Wert darauf, diesen Trend anzuerkennen: „Neopaganismus findet immer breiteres Verständnis, erreicht immer mehr Leute, und immer mehr identifizieren sich auch damit.“ Er bezweifelt, dass der Trend bestehen bleibt und meint, dass er nur oberflächlich sei. Dennoch bleibt er optimistisch. „Vielleicht trägt diese unter Tausenden gesäte Saat später einmal Früchte in Form von ein paar hundert guten Rodisten, die beweisen, dass auch Neuheiden wichtige Positionen erreichen können.

 __

Voglio Credere Così taucht in die Welt der Spiritualität und alternativen Glaubensrichtungen auf dem Alten Kontinent ein. Was ist das neue Opium junger Europäer? 8 Wochen - 8 Reportagen.

 __

Auch Du willst bei cafébabel mitmachen? Nichts leichter als das. Hier eine Idee pitchen.