Roadmovie "Italy, love it or leave it": Schwules Paar unterwegs in Bella Italia

Artikel veröffentlicht am 22. November 2011
Artikel veröffentlicht am 22. November 2011
Gustav Hofer kommt aus Sarnthein (Sarentino) in Südtirol, hat in Wien und London studiert und lebt seit 13 Jahren in Rom, wo er als Korrespondent für den deutsch-französischen Fernsehsender Arte arbeitet. Luca Ragazzi ist Filmkritiker, "echter Römer" und hat in den USA gelebt.
Das homosexuelle Paar, das für seinen Dokumentarfilm "Schwulsein auf Italienisch" über die Rechte Homosexueller in Italien mehrfach ausgezeichnet wurde, feiert nun mit "Italy, love it or leave it" sein Comeback: einer Reise in einem alten Fiat Cinquecento, der Nummernschild und Farbe wechselt, auf der Suche nach Gründen, Italien doch nicht zu verlassen.

cafebabel.com: Bevor ihr diesen Dokumentarfilm gedreht habt, wolltet ihr ins Ausland ziehen. Warum?

Luca: Wir haben die Nachricht der Kündigung unserer Wohnung in Rom bekommen, was uns ein Zeichen des Schicksals zu sein schien: Es war Zeit zu gehen und Gustav bestand darauf, dass wir nach Berlin ziehen sollten. Mir war nicht danach. Wir haben beschlossen, eine lange Reise zu machen, um zu versuchen, uns mit unserem Land auszusöhnen. Einem Land, das eine schwierige Zeit durchmacht, in dem es für junge Menschen wenig Hoffnung gibt, aber das gerade jetzt das Licht am Ende des Tunnels erblickt.

Gustav: Seit wir zusammen sind, also seit 13 Jahren, denken wir daran, fortzugehen. Wir haben an Argentinien gedacht, aber dann hat die Krise das Land überwältigt, dann an Barcelona, aber auch in Spanien stehen die Dinge nicht zum Besten, Berlin ist dagegen in Europa noch immer ein Symbol, die Stadt, wo junge Europäer es schaffen, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.

cafebabel.com: Wann und wo hat eure Reise begonnen?

Luca: Am Anfang wollte Gustav mir zeigen, dass all die Ikonen, die Italien in der Welt berühmt gemacht haben, heute nur noch ein Ballast sind, der nichts mehr zählt. Wir sind in Turin gestartet, wo die Arbeiter bei Fiat, die Geld von der Lohnausgleichskasse bekommen, nicht genug für den ganzen Monat haben, oder wo die Kaffeemaschinenfabrik Bialetti geschlossen hat. Dann sind wir nach Mailand gefahren, um die Anhänger Berlusconis zu treffen und daraufhin nach Rimini, auf der Suche nach dem Latin Lover, den es nicht mehr gibt - stattdessen wird dort die größte Menge an Viagra in ganz Italien verbraucht. Der Film zeigt die ersten sechs Monate des Jahres 2011 und hat auch entscheidende Momente wie den Volksentscheid gegen Kernkraft, den Sieg Pisapias in Mailand und den Skandal wegen der Partys von Berlusconi festgehalten.

Kommen die italienischen Espressomaschinen nun bald aus Rumänien?

cafebabel.com: Ihr habt Glück gehabt: Ihr haltet das Dokument der sechs Monate in den Händen, die Italien verändert haben, bis zum Rücktritt Berlusconis und zur Krönung Montis.

Luca: Das stimmt und wir hatten das gar nicht vorhergesehen. Wir haben einen Vorsprung gegenüber denen, die jetzt von dieser Zeit erzählen möchten. Wir reisen um die Welt, weil die Menschen überall verstehen wollen, was gerade in Italien passiert. Der entscheidende Moment bleibt für mich die Demonstration der Frauen, "Wann, wenn nicht jetzt?", als tausende von parteilosen Menschen auf die Straße gegangen sind und laut den Rücktritt gefordert haben.

Gustav: In den letzten Monaten ist ein kollektives Bewusstsein erwacht. Die Italiener wollen nicht mehr passiv alles hinnehmen, sondern versuchen, die Veränderungen aktiv mitzugestalten. Die Menschen haben begriffen, dass es ihnen schlechter geht als vorher. Sie haben aufgehört, den Schmeicheleien und der durch das Fernsehen verbreiteten Propaganda zu glauben. Und das Internet hat die öffentliche Meinung gebündelt.

cafebabel.com: Im zweiten Teil des Films wird Italien rehabilitiert und überzeugt euch, zu bleiben: Wessen Verdienst ist das?

Gustav: Am tiefsten beeindruckt hat mich der Bericht eines sizilianischen Kronzeugen, Ignazio Cutrò, ein Unternehmer, der mehrfach gegen die Mafia ausgesagt hat und nun infolgedessen am Rand der lokalen Gemeinschaft lebt und dem mehrfach gedroht wurde, dass man seine Maschinen anzuzünden und zerstören würde. Ich hätte gedacht, er würde Luca überzeugen, fortzugehen, stattdessen haben seine Leidenschaft und sein Mut mich vom Gegenteil überzeugt.

Luca: Vor allem der Schriftsteller Andrea Camillieri hat so eindringlich zu berichten gewusst, dass es uns erschüttert hat. Alle Geschichten, die wir im Süden gehört haben, haben eine Wende in unserer Reise bedeutet: Es ist, als könne man das Italien, für das wir berühmt sind, heute nur noch im Süden finden, denn alles, was der reiche, fortschrittliche Norden in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat, sind Communione e Liberazione [Lobbyistennetzwerk katholischer Ausrichtung; A.d.R.], die Lega Nord und Berlusconi.

cafebabel.com: Hat der Dokumentarfilm jetzt nach Berlusconis Fall keinen Sinn mehr?

Gustav: Doch, natürlich, die Mentalität der Italiener wird sich nicht so schnell ändern. Das Problem ist nicht Berlusconi, sondern der Berlusconismus, ein System von Anti-Werten, das Worte wie Ethik und Deontologie aus dem Sprachschatz entfernt hat, Begriffe, die die Italiener nun wiederentdecken müssen. Sinn unseres Films ist es, Geschichten von Italienern zu erzählen, die versuchen, Dinge zu verändern und deren positives Beispiel wir zeigen wollen.

Luca: Die Italiener sind immer gut darin, sich über alles zu beklagen, aber sie sind faul, wenn es darum geht, die Ärmel hochzukrempeln, um Dinge zu verändern. Es ist hauptsächlich diese Haltung, die sich ändern muss. Die Menschen, denen wir begegnet sind, haben nicht darauf gewartet, dass ein Wunder geschieht, sondern begonnen, Dinge in ihrem Alltag zu verändern.

cafebabel.com: Die Schlussfolgerung des Films ist eindeutig: "Das Leben ist zu kurz, um kein Italiener zu sein". Was fehlt euch am meisten an Italien und den Italienern, wenn ihr im Ausland seid?

Gustav: Die Leidenschaft... Luca unterbricht: Die Leidenschaftlichkeit meint er... die Tatsache, dass die Italiener in allem, was sie tun, stets extremer sind als andere, als ob für sie alles größer wäre. Im Ausland kommt es uns immer vor, als hätten die Leute einen Schlag auf den Kopf bekommen und würden sich zu sehr beherrschen. Hier in Italien schaffen wir es immer, bunter und lustiger zu sein. Und dann ist die zweite Stärke der Italiener ihre geistige Dehnbarkeit, die Fähigkeit, Dinge so zu arrangieren, dass stets alle zufrieden nach Hause gehen, jenseits von Beschränkungen durch Gesetze und der Strenge der Regeln. Was dagegen das Klima, das Essen und die Schönheit betrifft... daran sind die Italiener oft gewöhnt, aber wenn diese Dinge fehlen, bekommen sie Probleme. Mit diesem Film wollen wir sie auch auffordern, das halb leere Glas anzuschauen.

Der Dokumentarfilm wird am Sonntag, 27. November, auf Arte ausgestrahlt. Diesen Artikel hier auf Ungarisch lesen.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Italy, love it ore leave it