Ritt auf der Rasierklinge

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2006

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Sportreporter sind oft live dabei und besonders dicht dran am Objekt der Berichterstattung. Zu dicht? In Deutschland werden Rufe nach einem kritischeren Sportjournalismus lauter.

Michael Ballack, Miroslav Klose oder Lukas Podolski – die Fußballprofis aus der Bundesliga und Stars der deutschen Nationalmannschaft sind oft mehr als nur Sportler. Sie haben Fan-Clubs und eigene PR-Berater. Manche von ihnen wurden von den Medien zu Stars gemacht. Wechselgerüchte und das Leben der Spielerfrauen sind für einige Zeitungen, Fernsehsender und Radioprogramme genauso interessant wie „auf’m Platz“. Die Top-Fußballer sind begehrte Interview-Partner. Dicht gedrängt stehen die Journalisten nach dem Schlusspfiff in der so genannten „Mixed Zone“, dem Bereich zwischen Presseraum und Spielerkabinen. Dort versuchen sie, den Spielern ein, zwei O-Töne zu entlocken, bevor die Fußballer zum Duschen in der Kabine verschwinden. Während der Radio-Reporter dem Mittelfeldstar das Mikrofon hin hält, schreibt der Kollege von der Lokal-Presse eifrig mit. Oft kommen dann Sätze wie: „Ja gut, wir haben jetzt nicht überragend gespielt. Und ein bisschen Pech kam noch dazu.“

Wer sich dann traue, kritisch nachzufragen, dürfe am nächsten Spieltag oft gar nicht mehr fragen, sagte Wolfgang Uhrig, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift „Kicker“, bei der Verleihung des Stegmann-Preises für Sportjournalisten am 8. April 2006. Einige Kollegen hätten sich ein persönliches Netzwerk zu wichtigen Leuten aufgebaut, um an Geschichten zu kommen. „Sie begeben sich damit in die Gefahr der Abhängigkeit – ein Trend, der leider oft zu beobachten ist“, bedauerte Uhrig die Entwicklungen in seinem Berufsstand.

„Qualität statt Quote“

Gegen diese Abhängigkeit stellt sich die Initiative „Sportnetzwerk“. Im Januar 2006 traten 24 Sportredakteure zumeist überregionaler Tageszeitungen aus dem Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) aus. Die Sportredakteure sahen ihre Forderung nach einem kritischeren Journalismus im Berufsverband nicht genügend vertreten. Sie schlossen sich im „Sportnetzwerk“ zusammen, um für mehr Qualität in der Sportberichterstattung einzutreten. „Dass sich manche Kollegen statt von den Mindeststandards an ihre journalistische Arbeit eher von PR-Gesichtspunkten leiten lassen, ist besorgniserregend“, schrieben sie in einem offenen Brief an den VDS. Mitglieder des Netzwerkes sind unter anderem Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung, Jens Weinrich, Sportchef der Berliner Zeitung und Michael Gernandt, der über 20 Jahre lang das Sportressort der Süddeutschen Zeitung leitete.

„Alle in einem Boot“-Mentalität

Gernandt beobachtet das „sich Anbiedern“ einiger Kollegen auch während der Fußballweltmeisterschaft. Auf den Pressekonferenzen könne man gut sehen, wer seine Fragen mit „Herr Klose, Sie...“ einleitet und wer mit „Miro, du...“ beginnt. „Durch die Masche ‚wir sitzen alle in einem Boot’ verliert man den Spielraum für die Kritik und macht sich unfrei. Es wird ein Stück Meinungsfreiheit eingebüßt“, sagt Gernandt. Er beobachtet diese mangelnde Distanz vor allem bei den Journalisten, die für Boulevard-Zeitungen und das Fernsehen arbeiten. Diese Kollegen werteten durch ihr Handeln das Genre „Sportjournalismus“ ab. Im Vergleich zu anderen Journalisten ist die mangelnde Distanz bei den Sportreportern oft besonders augenscheinlich. „Die Kollegen aus der Politik- oder der Wirtschaftsredaktion duzen einen Bundestagsabgeordneten auch nicht, wenn sie ein Interview machen,“ meint Michael Gernandt.

„Unsägliche Verquickungen“

Auch Jens Weinrich, Gründungsmitglied des Sportnetzwerkes und Sportchef der Berliner Zeitung äußerte sich kritisch über die Fernseh-Berichterstattung zur Weltmeisterschaft. Nur die Live-Reportagen genügten noch journalistischen Qualitätsstandards. Das „Drumherum“ habe aber mit Journalismus nichts zu tun, sagte er der Zeitschrift „Menschen machen Medien“. Der Experte im ARD-Studio, Günter Netzer, handelt gleichzeitig mit WM-Rechten. Franz Beckenbauer unterhält private Sponsorenverträge mit Unternehmen, die auch Sponsoren der Weltmeisterschaft sind. Dass die beiden ehemaligen Nationalspieler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Länderspiele kommentieren, nennt Weinrich eine „unsägliche Verquickung.“

Überschwängliche WM-Stimmung

Das Sportnetzwerk ist nach seiner Gründung binnen weniger Wochen auf über 300 Mitglieder angewachsen. In Workshops und auf Tagungen tauschen sich die Journalisten aus und geben ihre Kenntnisse an den Nachwuchs weiter. Das Netzwerk gab im Mai das Buch „Korruption im Sport“ heraus. Auch Gründungsmitglied Michael Gernandt will sich weiterhin für „Analyse statt Stimmungsmache“ einsetzen. Gerade jetzt zur Fußball-WM sollten die Journalisten sich nicht von der überschwänglichen Stimmung im Land anstecken lassen. „Sonst verlieren sie ihre Kritikfähigkeit“, mahnt der Journalist. Auf der anderen Seite müssen sie die WM-Stimmung in ihren Artikeln wiedergeben. „Für einige Zeitungen ist das ein Ritt auf der Rasierklinge.“