Risorgimento: Ist das 150-jährige Bestehen Italiens ein Grund zum Feiern?

Artikel veröffentlicht am 16. März 2011
Artikel veröffentlicht am 16. März 2011

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Der italienische Nationalstaat feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Doch Freudenstürme darf man anlässlich der Feierlichkeiten des Jahrestags in Italien kaum erwarten. Denn von Einigkeit ist mit Blick auf den Umgang mit der Einheit wenig zu spüren.

Am 17. März 1861 wurde Viktor Emmanuel II. zum ersten König von Italien gekrönt. Heute, 150 Jahre später, tobt in Italien eine heftige Debatte darüber, ob dieser Jahrestag der Einigung Italiens gefeiert werden sollte oder nicht. Erst im vergangenen Monat entschied die italienische Regierung, den 17. März zum nationalen Feiertag zu erklären - gegen die Stimmen der Minister der rechtspopulistischen Lega Nord. Alles andere hätte auch überrascht, denn die Lega Nord setzt sich seit Jahren für die Unabhängigkeit von Padanien ein, einer Großregion, die nach ihrer Definition alle Regionen Norditaliens und große Teile Mittelitaliens umfasst. Mit einer anderen Argumentation begründete die Präsidentin des größten italienischen Arbeitgeberverbands Confindustria, Emma Marcegaglia, ihre Ablehnung: Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation des Landes könnten es sich die Italiener überhaupt nicht leisten, einen Tag weniger zu arbeiten.

Das Symbol der Lega Nord geht auf den Krieger Alberto da Giussano zurück und soll an die Werte der mittelalterlichen Lombardei erinnern.

Boykott des Nordens versus Boykott des Südens

Nichtsdestotrotz wird der 150. Jahrestag der Gründung Italiens in nahezu allen Städten des Landes mit einer Reihe von Konzerten, Vorträgen und Ausstellungen gefeiert werden. Mit einigen prominenten Ausnahmen: So hat etwa Luis Durnwalder, seines Zeichens Landeshauptmann der Autonomen Provinz Bozen (besser bekannt als Südtirol) erklärt, nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen zu wollen. „Wir fühlen uns als österreichische Minderheit und haben uns niemals dafür entschieden, zu Italien zu gehören“, ließ der Politiker der Südtiroler Volkspartei (SVP) wissen.

Doch nicht nur im Norden des Landes trifft man auf Gegner der Feier zur italienischen Einheit. Auch im Süden regen sich Unabhängigkeitsbewegungen, wie etwa die Comitati per le due Sicilie. Die Organisation, deren Name an das Königreich der Bourbonen erinnern soll, bezeichnet die Einheit Italiens ohne Umschweife als eineinhalb Jahrhunderte Kolonialisierung durch den Norden. Unter dem Banner des Königreichs beider Sizilien ziehen sie gegen die italienische Einheit zu Felde. Und weshalb? Die Einigung, auch Risorgimento genannt, sei gegen ihren Willen und mit kriegerischen Mitteln erfolgt. Daher sehen sie den Einigungsprozess als „Revolution von oben“, wenn nicht gar als „rechtswidrige Invasion“, der einherging mit „Massakern“ im Süden der italienischen Halbinsel.

Bei alldem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass zur Zeit der Einigung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die allermeisten Italiener nicht Italienisch sprachen, sondern verschiedene regionale Dialekte und Sprachen, die bis heute einen großen Einfluss ausüben. Erst mit der Verbreitung des Fernsehens setzte sich die italienische Hochsprache in weiten Teilen des Landes durch.

(Foto: (cc) LucatraversA/flickr)

Die Italiener und die Einheit: Zustimmung...und weitgehende Gleichgültigkeit

Der Studie Gli Italiani e lo Stato [„Die Italiener und der Staat“; A.d.R.] zufolge schätzen 88% der Befragten den nationalen Einigungsprozess als „positiv“ oder „eher positiv“ ein. Jüngst zeigte sich in einer anderen Umfrage, dass das linke Lager dem 17. März stärker entgegenfiebert als die Rechte.

Doch trotz der mehrheitlichen Zustimmung zu den Feierlichkeiten anlässlich der italienischen Einheit bleibt die Begeisterung bei den Italienern äußert überschaubar. Für die Soziologin Maria Grazia Ruggerini wird der 17. März kein wirklich besonderer Tag sein, auch wenn sie es für wichtig hält, das Ereignis zu feiern, um nicht vor den sezessionistischen Forderungen der Lega Nord einzuknicken. Sie plädiert daher für eine kritische Herangehensweise an die 150-Jahrfeier, die es auch erlaubt, die bislang nur unzureichend aufgearbeitete Risorgimento-Bewegung neu zu hinterfragen.

Küche, Familie und Fußball als italienische Identifikationsmerkmale

Auch jenseits regionaler Unabhängigkeitsbestrebungen zeigt die kritische Einstellung gegenüber den Feierlichkeiten, dass die italienische Identität noch lange nicht selbstverständlich geworden ist. „Abgesehen von Fußballspielen und den großen nationalen Feiern fühle ich mich nicht wirklich als Italienerin“, gibt Ilaria zu. Die Studentin identifiziert sich in erster Linie mit Salento, einer Teilregion der südostitalienischen Region Apulien. Wodurch zeichnet sich also ein Italiener aus? Ilaria findet, dass Italiener aus Sicht von Ausländern vor allem durch ihren Kleidungsstil, ihre besondere Art zu sprechen und eine gewisse Spontaneität charakterisiert werden. Ilvo Diamanti, Präsident und Gründer des soziologischen Forschungsinstituts Demos, fügt Eigenschaften wie „die Kunst, sich zu arrangieren, die starke Familienbindung und die regionale Verbundenheit“ hinzu. Die Kultur und insbesondere die italienische Küche zählen zu den Dingen, auf die viele Italiener stolz sind, selbst wenn sie ansonsten alles andere als patriotisch sind.

Italien wurde geschaffen, Italiener noch nicht

Die Entscheidung, den 17. März zum Feiertag zu erklären, lässt deutlich die internen Konflikte in der italienischen Regierung zutage treten. Verglichen mit den verhärteten Frontlinien zwischen Berlusconi-Anhängern und der Opposition erscheinen diese dennoch verschwindend klein. So forderte am 24. Februar anlässlich einer Kundgebung gegen die Gewalt in Libyen vor dem Parlament in Rom einer der Redner die Italiener auf, sich an den nordafrikanischen Revolutionen ein Beispiel zu nehmen. Doch obwohl das Vertrauen in Ministerpräsident Berlusconi seit Anfang des Jahres um 30 Prozentpunkte eingebrochen ist, scheint eine 'italienische Revolution' derzeit unwahrscheinlich. Andererseits zeigte eine Demonstration am 13. Februar mit rund einer Million überwiegend weiblichen Teilnehmern eine weitere tiefe Kluft in der italienischen Gesellschaft auf: zwischen Italienern und Italienerinnen. Unter dem Motto "Jetzt oder nie" prangerten die Demonstrantinnen den Machismus in Italien an, der durch das System Berlusconi institutionalisiert wurde. In jeder Hinsicht ist der inzwischen allgegenwärtige Ausdruck "bunga bunga" zum Markenzeichen für diesen Stil geworden.

Zu guter Letzt kann auch die Kluft zwischen Norden und Süden des Landes nicht auf den ideologischen Kampf zwischen den jeweiligen Unabhängigkeitsbewegungen reduziert werden. Denn vor allem anderen ist sie Ausdruck eines Wohlstandsgefälles von inakzeptablem Ausmaß. Die realen wirtschaftlichen Differenzen nähren so die weit verbreiteten Stereotypen auf beiden Seiten: der reiche und "egoistische" Norden auf der einen Seite, der arme Süden, der dem Norden auf der Tasche liegt, auf der anderen. Vor dem Hintergrund der turbulenten Feierlichkeiten ist jedenfalls eines sicher: Über die Frage der italienischen Einheit mag man sich heftig streiten, die regionale Vielfalt des Landes aber erstrahlt in vollem Glanz. Und so erscheint ein 150 Jahre alter Ausspruch von Massimo d'Azeglio heute aktueller denn je: "Italien haben wir geschaffen. Jetzt müssen wir die Italiener schaffen."

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Mittelmeer-Portal babelmed.net veröffentlicht.

Foto: Homepage (cc)LucatraversA/flickr; Lega Nord (cc)maxalari/flickr; Trikolore: (cc)yosoynuts/flickr