R.I.P. ETA: Eine Schlange weniger auf der Flagge

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Die terroristische Untergrundorganisation ETA hat am 20. Oktober 2011 angekündigt, endgültig von bewaffneten Kämpfen absehen zu wollen. 43 Jahre nach dem ersten Attentat der separatistischen baskischen Gruppierung scheint der ETA-Terror also bis auf Weiteres beendet. Flashback zur Bedeutung der bewaffneten Gruppe im Europa des 21. Jahrhunderts.

Nach einem halben Jahrhundert Existenz und 839 Morden fordert die ETA internationale Vermittler, um den Konflikt "zu lösen". Die separatistische baskische Organisation spricht von Brüssel und bläst sich auf, gibt vor, Aufmerksamkeit zu verdienen. Demgegenüber konnten sich spanische Politiker nur gelangweilt zeigen. Ja, die ETA ist und bleibt ein schlimmes Problem, aber wir haben schon an so vielen zwecklosen Waffenstillständen teilgenommen, dass wir nicht mehr wissen, wie wir reagieren sollen. Welchen Platz nimmt eine bewaffnete Gruppierung im Europa des 21. Jahrhunderts ein?

Anfangs waren sie nur eine Widerstandsgruppe unter vielen, eine städtische Guerilla gegen die Diktatur, im Stile von Che Guevaras Revolutionskonzept aus den 1960er Jahren. Ein Anschlag reihte sich an den nächsten, bis sie 1973 die Nummer zwei des Regimes, Admiral Carrero Blanco, in die Luft jagten. Die Explosion war so heftig, dass das Auto über ein sechsstöckiges Gebäude hinweggeschleudert wurde. Für die Opposition (im Exil) war es wie der Kampf Davids gegen Goliath.

Kurz darauf wurde die Demokratie eingeführt, und ein Teil der ETA weigerte sich gegen die Anpassung an das neue System. Der baskische Journalist Raúl González Zorrilla, Leiter des Nachrichtenblogs País Vasco Información, bestätigt gegenüber cafebabel.com, dass "die ursprüngliche und die heutige ETA nichts miteinander gemein haben; erstere bildete sich aus Personen mit sozialistischer Ideologie, die sich bewusst für Demokratie und Freiheit eingesetzt haben. Nur haben diese Menschen meines Erachtens die falschen Mittel für ihren Kampf gewählt." Mit der Entstehung der militärischen ETA, sind die Terroristen zu einem Kampf für die "Unabhängigkeit des baskischen Vaterlands übergegangen, eine Unabhängigkeit, für die wir, die baskischen Bürger, uns seit 1975 mehrfach an den Wahlurnen entschieden haben."

Die Glaubensbrüder der ETA sind schon vor langer Zeit verschwunden: Die deutsche Baader-Meinhof-Gruppe löste sich erst 1998 offiziell auf, obwohl sie damals schon sieben Jahre lang niemanden getötet hatte. Action Directe in Frankreich wurde durch eine Welle von Inhaftierungen in den 1980ern verjagt. Die Roten Brigaden sind, zum Glück für Italien, schon seit langer Zeit praktisch ausgelöscht. Nur die ETA führte weiterhin einen wahren Eiertanz auf.

Vereinzelte Zerschlagungsversuche

Nach dem Euskobarometer (eine alle sechs Monate durchgeführte soziologische Untersuchung) lehnten im Mai 2010 62 Prozent der baskischen Gesellschaft die ETA völlig ab, zwölf Prozent verteidigten ihre Ziele, aber nicht ihre Methoden, und nur 0,2 Prozent unterstützten sie uneingeschränkt. Polizeiliche Quellen schätzen, dass die Gruppierung aus 30 bis 100 Mitgliedern besteht. 726 weitere sind inhaftiert, und die Zahl der Insassen steigt weiter: Eine französisch-spanische Kooperation hat die Führungsriege der ETA zerschlagen – sechs mal in nur zwei Jahren.

Nannte die Erklärung der ETA einen Sieg für die spanische DemokratieDer Journalist Florencio Domínguez beschreibt die interne Organisation der Truppe: "Es gibt keine freie und horizontale Debatte innerhalb der ETA, deshalb gibt es auch keinen Spielraum für die ideologische und strategische Weiterentwicklung. Die Diskussionen bleiben stets vertikal und werden von den Anführern der ETA kontrolliert." Diese Organisation scheint eine feste Konstante zu sein und darf nicht überraschen: Keine Luft an die Dinge zu lassen ist typisch für jemanden, der sich selbst als stalinistisch erklärt.

So ist der Fanatismus wie eine Bakterie, die mit Hilfe von Anspruchslosigkeit und Gewalt gewinnt, die so gut wie unzerstörbar ist, wenn sie frühzeitig zum Einsatz kommt. Der Fanatismus ersetzt den unabhängigen Schiedsrichter und die Wahrnehmung der Welt durch ein sehr konkretes Punktesystem, das das Leben vereinfacht. Im Kampf gegen diese sadistische Sturheit haben die Regierungen alles versucht: Gewalt, Dialog, die Delegierung verwandter Parteien, und selbst einen schmutzigen Krieg unter Felipe González. Vergebens. Die um eine Axt gewundene Schlange, Symbol der Terroristen, tötete weiter und betäubte mit einer scheinheiligen Strategie. In Anklang an Winston Churchills Zitat könnte man sagen "Noch nie haben so wenige so vielen Menschen Leid zugefügt."

Die neue Generation

Doch im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich die ETA gewandelt, wie Raúl González Zorrilla bemerkt: "Während der 1980er und 90er Jahre waren die ETA-Terroristen extrem fanatisch und technisch und materiell bestens ausgerüstet. Ab dem Jahr 2000, mit dem Aufstieg der zu Straßenterrorismus ausgebildeten Jugend in der ETA, hat die Gruppierung an technischer Geschicklichkeit verloren und an Integrationswillen gewonnen."

Warum sollte eine Hand voll Dreißigjähriger, in europäischem Wohlstand geboren und aufgewachsen, eine Gruppe von Mördern anführen? Vielleicht gefällt es ihnen, Höhlen als Verstecke in die Berge zu graben, Sicherheitskameras ausfindig zu machen und sich mit Bart und falscher Brille zu verkleiden wie in einem Spionage-Film. Vielleicht entwickeln sie nach ihrer ersten selbstgelegten Bombe eine Sucht und ein immer stärkeres Verlangen nach Gefahr. Es ist sogar möglich, dass sie sich wie Che Guevara auf dem Foto von Alberto Korda sehen: Ein Guerilla-Held, der in die Zukunft blickt… Und all das, um eine hypothetische, mittelalterlich-kommunistische Welt ohne "Hamburger, Rockmusik und Internet" zu schaffen, wie sie Arnaldo Otegi nahelegt.

Die ETA hat Spanien stark geprägt: zunächst ihre Opfer und schließlich die gesamte Bevölkerung und die Politik, die von einer Legislaturperiode zur nächsten weiter vergiftet wurde. Aber ob aufgrund von polizeilichem Druck, von Gerechtigkeit oder biologischem Verschleiß: Die Zahl der Mörder ist von 40 in den 1980er Jahren auf zwei oder drei in den letzten Jahren gesunken. Die Presse ist sich einig: Die ETA ist keine Schlange mehr, sie ist nur noch eine im Sterben liegende Ringelnatter. Hoffen wir, das wir tatsächlich ihre letzten Atemzüge erlebt haben.

Foto: Homepage (cc)S†e's/flickr; Zapatero (cc)European Parliament/Pietro Naj-Oleari; Video (cc)Youtube