Richard Corbett: Bier und Europapolitik

Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2005
Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2005

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Als Vollblutpolitiker im Europaparlament beackert Richard Corbett aus Leeds so unterschiedliche Felder wie Tierschutz, Biervielfalt, Softwarepatente und – vor allem – den EU-Verfassungsvertrag.

Die harlekinbunte Krawatte weht im Frühlingswind am Place de Vosges, als Richard Corbett, Labour-Abgeordneter im Europaparlament, seinem Brunch mit café babel entgegeneilt. Kein Taxi, keine Dienstlimousine kutschiert den Briten durch Paris zum kulinarischen Tête-à-tête mit der Eurogeneration. Trotz einer zwanzigjährigen Karriere im europäischen Polit-Zirkus hat Corbett eine zugängliche Bodenständigkeit nicht verloren.

Kleine Brauer, große Politik

„Wollen Sie ein Bier?“ ist meine erste Frage. „Good idea, why not?“ antwortet Corbett mit einem verschmitzen Lächeln. Es ist halb eins: Nicht zu spät für ein Brunch, nicht zu früh für ein Bier für das Mitglied im „British Beer Club“ des Europaparlaments. Doch die vermeintliche Trinkerrunde, die man sich im Dschungel der Brüsseler Gremien als eine Oase der Geselligkeit vorstellen mag, ist keineswegs ein hedonistischer Stammtisch für abgeschaffte Volksvertreter. Alles ist Politik in Brüssel, auch das Bier: „Alle sechs Monate stellen wir Biere aus einer anderen britischen Region vor. Kleine Brauereien liefern Freibier, und es geht um Themen, die mit dem Biersektor zu tun haben: Übernahmen, Bedrohung der Biervielfalt, Etikettierung.“ Schließlich wolle der europäische Verbraucher wissen, was er trinkt, meint Corbett. Doch unsere erhoffte Bierseligkeit wird durch französischen Kneipen-Cartesianismus ernüchtert: Zum Brunch sei ein warmes Getränk vorgesehen, da könne man nichts machen, erklärt uns der Kellner kühl, auch nicht gegen Aufpreis. Gegen Unflexibilität ist keine Direktive gewachsen, und wir trinken Tee zum Toast.

„Britain is easy“

Für Corbett, der sich als bereits 1975 als Student im Referendumswahlkampf über die britische EG-Mitgliedschaft für ein „yes“ engagierte, hat sich Frankreich stets europaskeptischer gezeigt als Großbritannien. Von der Ablehnung der europäischen Verteidigungsgemeinschaft durch das französische Parlament 1954 zu de Gaulles Veto gegen einen britischen Beitritt 1963, von der überaus knappen Mehrheit für den Vertrag von Maastricht 1992 bis zur Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags: „Frankreich war schon immer zwiespältig und geteilt, was Europa angeht. Dagegen ist die Lage in Großbritannien einfach!“

Doch so „easy“ ist die Vermittlung von Europathemen im Vereinigten Königreich auch wieder nicht, für Corbett vor allem aufgrund der europafeindlichen Presselandschaft: „Von der Times bis zur Sun, von der Qualitäts- bis zur Regenbogenpresse gibt es jede Woche anti-europäische Geschichten.“ Vorsätzlich, als Teil einer antieuropäischen Politik werde die EU entweder dumm oder böse dargestellt. „Das Zusammenspiel aus der Presse und einer Oppositionspartei, die die öffentliche Meinung instrumentalisiert, macht die Situation schwierig. Doch wir geben nicht auf!“

Von der Schweiz auf die Insel

Die internationale Haltung wurde Corbett in die Wiege gelegt. Als Teenager – sein Vater arbeitete für die Weltgesundheitsorganisation – lebte er mehrere Jahre in Genf und besuchte eine internationale Schule. „Als ich zum Studium nach Großbritannien zurückkehrte, fand ich das Land engstirnig und provinzlerisch, und ich begann, dagegen zu kämpfen.“

Corbett, Vize-Präsident der Europäischen Bewegung in Großbritannien, ist ein überzeugter Anhänger der Idee eines europäischen Bundesstaates. Doch auf seiner Internetseite vermeidet er peinlich das Wort „Föderalismus“. Muss er seine Überzeugung vor einem europaskeptischen Wahlvolk verstecken? „Für die meisten Briten bedeutet Föderalismus, dass alles in Brüssel zentralisiert wird – doch das stimmt nicht, Föderalismus ist das Gegenteil von Zentralismus!“ Dabei sie die EU eher ein dezentrales System. „Die Europäische Kommission hat weniger Angestellte als die Stadtverwaltung von Leeds!“. Doch das ist seinen Landsleuten, von denen sich gerade eine Busladung an unserem Tisch vorbeischiebt, scheinbar schwer zu vermitteln.

Es lebe die Verfassung

Welche Vision hat der britische Europafreund von der Zukunft des Kontinents? Ganz Politiker, kann er sich nicht zu einem konkreten Zukunftsgemälde durchringen. Die Ukraine, Russland oder Marokko in der EU? „Die Entscheidung bleibt der kommenden Generation überlassen.“ Kurzfristig müsse alles daran gesetzt werden, dass der Verfassungsvertrag in Kraft tritt. Er vereinfache die Rechtsgrundlage der Union entscheidend, indem er das komplexe Vertragssystem, das in 50 Jahren gewachsen ist, ersetze: „Die Verträge sind wie geologische Schichten, die übereinander gestapelt werden. Selbst Juristen blicken da nicht mehr durch.“ Doch ganz glücklich ist Corbett, der Sprecher der Sozialdemokraten im Verfassungsausschuss des Europaparlaments ist, mit dem Text auch nicht. Ein echtes Zwei-Kammern-System sollte eingeführt, die Rolle des Parlaments als demokratisches Organ müsse gestärkt werden. Und der verwirrende dritte Teil des Verfassungsvertrags, der die alten Abkommen zusammenfasst, habe im Grundgesetz selbst nichts zu suchen.

Von den großen Perspektiven, die zunehmen wie Luftschlösser anmuten, zurück zum Alltag eines Europaparlamentariers: Ein Gesetzesprojekt zu Chemikalien stehe demnächst an, sagt Corbett und schiebt sich das letzte Stück Käse in den Mund. Jeder Mensch trage 30 bis 60 Chemikalien im Körper, die im Gewebe unserer Eltern nie zu finden waren. Um all diese, potentiell schädlichen Chemikalien zu analysieren und zu katalogisieren, ruft die EU ein Programm namens REACH ins Leben, gegen den Widerstand der Chemieindustrie. Ob der Widerstand der Europäer gegen die Verfassung mit Chemiekatalogen gebrochen werden kann? Viel Glück, Herr Corbett...