Revolution im Osten

Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 14. Juni 2004

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Die Arbeitsmärkte der Beitrittsländer haben eine schnelle Entwicklung erfahren. Wer könnte ihre Arbeiter ins Exil treiben? Es ist die Entwicklung des lokalen Beschäftigungsniveaus, die Sorgen bereitet.

Die ehemaligen kommunistischen Länder haben weitreichende Reformen durchgeführt, um ihre sozialistischen Planwirtschaften in Marktwirtschaften umzuformen. Diese Neustrukturierungen haben zu einem tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wechsel geführt, in dem sie sichtbar und dauerhaft die Merkmale der nationalen Arbeitsmärkte veränderten. Sie haben vor allem sehr deutliche regionale Unterschiede eingeführt - in Ländern, in denen im übrigen die sektorielle Spezialisierung historisch gesehen sehr stark ist - und eine steigende Arbeitslosigkeit in Ländern, in denen sie vor fünfzehn Jahren noch nicht existierte. Angesichts dieser Herausforderungen, auf die die neuen Beitrittsländer wenig oder gar nicht vorbereitet waren, und aufgrund von Gehalts- und Einkommensdifferenzen, fürchten die Nachbarn im Westen massenhafte Migrationsströme - ein Thema, das zu einer der Hauptdebatten des Erweiterungsprozesses geworden ist.

Veränderungen

Die Hauptveränderung der Stellenmärkte der neuen Beitrittsländer betrifft den Anteil, den jeder der drei Tätigkeitssektoren in ihnen einnimmt. Noch immer von wichtiger Größe, nahm 2001 der primäre Sektor (Landwirtschaft) 21,2% der Beschäftigung ein, während der Industriesektor an Wichtigkeit verlor (31,4% der Beschäftigung) und der tertiäre Sektor unterentwickelt blieb (47,4%).

Die Arbeitslosigkeit trat innerhalb kürzester Zeit massiv auf (auch wenn man heute im allgemeinen einen leichten Rückgang beaobachten kann) und wurde schnell besorgniserregend. Der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung (zu der wesentlich mehr Frauen zählen als in Westeuropa) ist nicht gesunken, wohingegen die Anzahl der Stellen seit Beginn des Übergangs stark gefallen ist. Die Arbeitslosigkeit wiegt sehr auf einem sozialen Sicherungssystem, das noch in den Kinderschuhen steckt: Die Langzeitarbeitslosigkeit stellt einen besonders großen Anteil der Gesamtarbeitslosigkeit dar; in Slowenien betraf sie im Jahr 2001 bis zu 63% der arbeitssuchenden Bevölkerung. Die zuständigen Politiker mühen sich damit ab, diese Seuche in den Griff zu bekommen und müssen andere wichtige Aspekte, die man gut hätte entwickeln können, wie z. B. die Weiterbildung, außer Acht lassen.

Selbstständige Arbeit dagegen kennt eine deutliche Entwicklung. Bis vor kurzem unerwünscht, war sie praktisch nicht existent, außer in Polen, wo sie durch die Vormachtstellung des Landwirtschaftssektors ermöglicht wurde. Selbstständigkeit wird heute überall zu Recht als ein Zeichen von Innovationsdynamik angesehen, mit der Hoffnung auf neue Stellen in Verbindung gebracht und daher weitgehend gefördert.

Anhand dieser Bilanzen haben sich Wirtschaftswissenschaftler die Frage der Folgen eventueller Migrationssströme von den neuen Mitgliedstaaten ins ehemalige Europa der Fünfzehn gestellt...

Begrenzte Migrationen

Laut unterschiedlicher Quellen, vor allem von österreichischen und deutschen Instituten wie z. B. dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, aber auch von europäischen Wissenschaftlern im Rahmen einer wichtigen Studie der Europäischen Kommission schätzt man, dass die Anzahl ausländischer Einwohner im Europa der Fünfzehn, die aus den neuen Beitrittsländern kommen, nach der Einführung des freien Verkehrs der Arbeiter um 335 000 Personen pro Jahr steigen müsste. Die Zahl müsste etwa zehn Jahre nach dieser Einführung auf weniger als 150 000 Personen pro Jahr zurückgehen. Man geht davon aus, dass die höchste Quote nach dreißig Jahren erreicht sein wird, wenn die Bürger aus Mittel- und Osteuropa 3,5% der Gesamtbevölkerung der ehemaligen europäischen Union der Fünfzehn stellen werden.

Wer Beunruhigungen bezüglich der Massenströme von "Arbeitern aus dem Osten" zum Ausdruck gebracht hat und auch die entsprechenden Rückwirkungen auf die Höhe seines Gehalts fürchtete, kann also beruhigt sein. Es wurde gezeigt, dass eine Erhöhung des Ausländeranteils von 1% innerhalb eines Berufszweigs in Österreich nur 0,25% und in Deutschland 0,6% der Gehältssenkungen erklärt (im Vergleich zu einer Situation ohne Einwanderung). Darüberhinaus, im Unterschied zur Einwanderung aus anderen Regionen der Welt, ist diese zwangsläufig vorübergehend.

Man muss auch daran erinnern, dass die Zielregionen dieser Migrationsströme alternde Länder wie Deutschland sind, die letztendlich auf die Beschäftigung junger und qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte angewiesen sein werden, was dem Profil der Personen entspricht, die in den kommenden Jahren zur Migration angehalten werden (die weniger qualifizierten Personen hingegen hatten bereits oft die Möglichkeit, im Rahmen von bilateralen Abkommen in den Grenzländern zu arbeiten). Zum Schaden ihres Landes übrigens.

Die Verlierer: Die Herkunftsländer

Wenn die Debatte sich bisher um die Folgen der Einwanderungströme im Westen drehte, drohen diese Ströme vor allem den Stellenmarkt in den neuen Mitgliedstaaten noch mehr durcheinander zu bringen. Zum einen werden die Bevölkerungen dieser Länder ebenfalls zu alternden Bevölkerungen werden; zum anderen erfordern die laufenden Neustrukturierungen gut ausgebildete Menschen, die in der Lage sind, sich schnell auf neue Anforderungen des Arbeitsmarktes einstellen zu können. Es werden aber genau diese Personen sein, die sich ins Exil begeben werden - was somit auf die in Angriff genommenen politischen Massnahmen drückt und die wirtschaftliche Situation und die Arbeitslosigkeit auf nationalem Niveau verschlimmert. Es müsste daher eine Zeit kommen, in der die europäischen Wirtschaftswissenschaftler sich um das Studium und die Vorbeugung vor solch unheilvollen Auswirkungen für die in voller Veränderung begriffenden Volkswirtschaften der neuen Mitgliedstaaten bemühen. Denn es ist vor allem das Beschäftigungsniveau in diesen Ländern und die Möglichkeit einer Senkung ihrer Arbeitslosigkeit, die ihr Gesicht in den zwanzig kommenden Jahren bestimmen werden.