Retrospectiva – Choreografie trifft Museum

Artikel veröffentlicht am 21. März 2012
Artikel veröffentlicht am 21. März 2012
Xavier Le Roy experimentiert in der Fundació Antoni Tàpies Ein Artikel von Jasmin Klötzing. Die Fundació Antoni Tàpies präsentiert vom 24.Februar bis zum 22.April 2012 die Ausstellung Retrospectiva von Xavier Le Roy.
Der französische Künstler, Choreograf und studierte Molekularbiologe, konzipierte die Ausstellung als eine Choreografie der Aktionen, ein über zwei Monate laufendes Experiment, das während des gesamten Ausstellungszeitraumes von verschiedenen Interpreten realisiert wird.

Die in Zusammenarbeit mit Choreografen und professionellen Interpreten aus Katalonien entstandene Ausstellung Retrospectiva basiert auf Choreografien Le Roys für Theater. Die Verlagerung der Choreografie, von der Bühne ins Museum, betrachtet der Künstler selbst als ein Experiment. Choreografische Kunst, Teil der darstellenden Künste, wird unter Bedingungen für bildende oder auch angewandte Künste, wie Malerei oder Bildhauerei, in einem Museum, der Fundació Antoni Tàpies, präsentiert. Dies bedingt eine Umwandlung eben dieser choreografischen Arbeiten und kann als ein Experiment mit den Regeln der Künste verstanden werden. Der Versuch Choreografie in einem Museum darzustellen, schreit regelrecht nach einer Neudefinition von Kunstobjekten für Museen und auch der Art ihrer Darstellung bzw. Ausstellung.

Das sonst so starre Kunstobjekt ist bei Le Roy eine Aktion die von Interpreten dargestellt wird und auf die der Besucher oder auch Zuschauer direkt oder indirekt Einfluss nimmt. Interpreten und Aktionen werden zu Kunstobjekten, die durch die Interaktion mit dem Besucher immer wieder neu geschaffen werden. Anders als bei klassischen Kunstausstellungen ist der Besucher daher unmittelbar am Schaffensprozess des Kunstobjektes beteiligt und somit gleichzeitig auch ein Teil von ihm.

Die Aktionen in Le Roys Retrospectiva lassen den Besucher ergründen, wie der Mensch Zeit verwendet, konsumiert und erzeugt. Und wie der Name der Ausstellung Retrospectiva (Retrospektive) schon sagt, bedient sich der Franzose in den inszenierten Aktionen eines Rückblickes. Dieser Rückblick wird allerdings eher als Methode zur Schaffen von Neuem, als ein Blick auf den Werdegang des Künstlers, verstanden. So werden in der Ausstellung Szenen choreografischer Arbeiten von Le Roy in Verbindung mit einer neuen Choreografie dargestellt.

Die Ausstellung an sich ist in drei Abschnitte gegliedert: Die Darstellung, Der Rückblick und Die Arbeit an Untitled. Der Abschnitt des Rückblicks dient nicht nur den Besuchern, sondern auch den Darstellern zur Information über das choreografische Schaffen Le Roys. In diesem Abschnitt können sich Interpreten und Besucher des Weiteren über die Werke des Künstlers austauschen. Im Abschnitt, Die Darstellung, interpretieren und erklären die Darsteller Szenen aus Le Roys Werken. Diese wählen sie zuvor selbst aus und binden sie dann in eine persönliche Erfahrung, einen persönlichen Rückblick, ein. Im dritten Abschnitt der Ausstellung, Die Arbeit an Untitled, arbeitet Le Roy allein an einer neuen Choreografie.

Die Verwendung des Rückblickes als Weg zur Schaffung von Neuem wird in allen drei Abschnitten der Ausstellung verwendet. Die drei Abschnitte beeinflussen sich gegenseitig, weil sie sich zeitlich überschneiden, und sollen schlussendlich eine neue Choreografie des Künstlers entstehen lassen.

Es ist nicht einfach die Ausstellung in Worte zu fassen. Sie ist überraschend. Sie ist anders.  Möglicherweise sollte man sie in Begleitung besichtigen, um die persönlichen Eindrücke im Anschluss mit jemandem teilen zu können. Auf jeden Fall ist es empfehlenswert genügend Zeit für den Besuch der Ausstellung einzuplanen. Zeit, um sich auf die etwas „andere“ Art der Kunstausstellung einzulassen, sich ihr hinzugeben und von ihr gedanklich treiben zu lassen.

Das Choreografische der Ausstellung stellt die Normen von Kunstausstellungen in Frage, denn im Gegensatz zu herkömmlichen Ausstellungen ist das Kunstobjekt bei Le Roy lebendig. Es ist in Bewegung und interagiert mit dem Besucher. Dieser wiederum ist dadurch nicht nur Zuschauer, sondern auch Kommunikationspartner. Ein Kommunikationspartner der Einfluss auf das Kunstobjekt nimmt, weil er den Darstellern bzw. den Aktionen Impulse gibt. Was macht Le Roy also mit den Regeln der Kunstausstellung? Ist eine Neudefinition ebendieser notwendig? Wie kann seine Ausstellung sonst ernsthaft kritisiert werden? Mit den geläufigen Kriterien für Kunstausstellungen lässt sich Retrospectiva jedenfalls nur schwer  bewerten!

Wir raten euch: Besucht die Ausstellung in der Fundació Antoni Tàpies in Barcelona und kommentiert sie dann hier auf  barcelona.cafebabel.com.

Im Rahmen der Ausstellung Retrospectiva veranstaltet die Fundació Antoni Tàpies, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen und Institutionen, zahlreiche Begleitveranstaltungen. In der Fundació Antoni Tàpies werden neben den vom Künstler selbst kommentierten Besuchen Aktivitäten für Familien und Lehrer angeboten. Darüber hinaus wird Xavier Le Roy, während des Ausstellungszeitraumes, eine Auswahl seiner Werke im Mercat de les Flors aufführen und an verschiedenen Konferenzen und Gesprächsrunden teilnehmen.

Weitere Informationen hierzu unter:

www.macba.cat, www.mercatflors.cat, www.fundaciotapies.org, www.goethe.de/barcelona