Reiseroute: Das ruhige Stelldichein von Noirlac

Artikel veröffentlicht am 21. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 21. Juli 2009
Eine Zisterzienserabtei im Zentrum Frankreichs, gelegen inmitten von Hainen, beherbergt einige Wohnmobile und europäische Touristen: Liebhaber der Kunst, der Architektur … und der Musik.

Unter einem Baum auf der Terrasse der kleinen Herberge, die so gediegen und einladend gegenüber der ©Excentrique, Festival en région CentreAbtei liegt, schließt es sich rasch neue Bekanntschaften. Hier ist alles vorhanden für den gegenseitigen Austausch, für Gastlichkeit, ja selbst für Einsamkeit, wenn einem danach der Sinn steht. Niemand wird einen stören. Der Ort lädt zum Entspannen ein: Kein Stress, keine unnützen Gesten, kein hektischer und chaotischer Verkehr. Es liegen keine Händler mit Ramsch auf der Lauer, wie oft, sobald drei historische Steine zum Besichtigen einladen. Es gibt keine Marktschreier, vor denen sich gewöhnlich die grölend dahinschlurfenden Touristenhorden sammeln. Ein romanischer Grenzstein findet sich ein Stück weiter nördlich auf dem Gelände der Gemeinde Bruère-Allichamps, zu der auch die Abtei gehört. Er erinnert daran, dass wir uns im historischen Zentrum Frankreichs befinden … und dem Europas?

„Kommst Du oft hier in die Gegend?“, fragt mich Laura, eine Italienerin von etwa 20 Jahren, die ab nächstem Herbst im zweiten Jahr Kunstgeschichte in Paris studiert. Sie nutzt die Atempause der Sommerszeit, um ihr Französisch zu verbessern, die Sprache, die sie „verehrt“. Ich antworte: „Mehrmals pro Woche.“. Angesichts ihrer Überraschung beeile ich mich aber hinzuzufügen, dass ich in der Nachbarschaft wohne. „Glück muss man haben!“ ruft Irène, eine Franko-Norwegerin, die sich eine Wohnung mit ihrer italienischen Freundin teilt. Sie liebt Paris, seufzt dennoch „Großstädte sind ein wenig anstrengend!“ Neben ihr zoomt Laura auf die Landschaft: Um uns herum erstrecken sich Gehölze, gemähtes Heu und der Wald in seiner tiefen Kühle. Einst heimgesucht von Wölfen und Wegelagerern, rodeten die Mönche sie bis hin zu den sandigen Ufern des Cher, der in seiner loireartigen Gemächlichkeit träge dahindöst. Aufsehenerregend barock wirken die Bäume auf dem Klostergelände mit ihrem Wippen, unterstreichen gleichsam kontrapunktisch die majestätische Strenge der nach 1150 errichteten mittelalterlichen Gebäude.

©Markus Wessollet

Musikalische Brücken

Ob als Spaziergänger, Tourist oder Pilger einer modernen Kunstrichtung, das Kloster Noirlac verfügt über alle nötigen Eigenschaften, um für alle eine Insel des Friedens und der idealen Klarheit zu verkörpern, die vor einer Entscheidung neue Energie tanken wollen. Das gilt vor allem, wenn hier etwas Besonderes geschieht - und das ist oft der Fall. So etwa die „Rencontres musicales“, die in diesem schon sehr heißen Juli an zwei langen Wochenenden (vom 10. bis zum 20. Juli) veranstaltet werden. Seit etwa einem Vierteljahrhundert finden diese alljährlichen musikalischen Begegnungen in dem gehobenen Ambiente zisterziensischer Architektur statt. Seit diesem Jahr besteht ein neues Konzept.

Philippe Fournier, Musikologe und Direktor der Abtei von Noirlac, die in das Europäische Netzwerk für Kulturzentren und Begegnungsstätten eingebunden ist, hat für diese Spielzeit Philippe Nahon, den berühmten französischen Schauspieler des Ensembles Ars Nova, mit Programmgestaltung und musikalischer Leitung betraut. In zeitgenössischen Werken wie denen des Libanesen Zad Moultaka grenzen hier sakrale und profane Musik aneinander. Stärke und Sinn des Festivals bestehen für seinen Direktor in der Schaffung von Brücken zwischen den verschiedenen musikalischen Ästhetiken, die zunächst scheinbar nur der Name der „Traversées“ [Überquerungen; A.d.R.] verbindet, um dieses Stelldichein aus ernster Musik, Originalwerken und Mischungen zu schaffen.

Unter den Spitzbögen

Laura „spricht die Architektur an“. Sie kommt aus Vicenza. „Palladio!“ [italienischer Renaissance-Architekt; A.d.R.], rufe ich, ohne mich bremsen zu können: Deshalb sah sie gerade so enttäuscht aus, als wir über Gotik sprachen. Sie kennt eine düsterere und konfusere Architektur und scheint jetzt sogar erstaunt, dass dieser Stil so früh in der Geschichte auftaucht. Ich weise sie darauf hin, dass die Zisterzienser am Beginn der primitiven Gotik stehen. Da war ihr Wille das Kreuzrippengewölbe in die Lobpreisung Gottes einzubeziehen, aber auch das ökonomische Streben, denn, angesichts der immer komplexer werdenden romanischen Gewölbe, stellte die Gotik eine Kostenkonsolidierung und die fortschrittlichste Steinmetzkunst dar. Wir kommen zu dem Schluss, dass beide Stile sich parallel entwickelten, nichts jemals wirklich alleine steht und dass man in der Architektur wie auch in der Musik Brücken errichten können muss.

Diese beiden großen Musikliebhaberinnen bezeichnen sich als „Baroqueuses“. Das Programm von Noirlac habe sie verführt. Zu ihrer Freude erfahren sie, dass die Preise erschwinglich sind und die Menüangebote breit gefächert. Vielleicht kehren sie für eine Woche oder zwei zurück. „Hier in der Gegend gibt es viele rustikale Ferienhäuschen und Gästezimmer, direkt am Wasser, die einen nicht arm machen“, schließt Irène.