Reise zu den Gypsy Kings der Auvergne

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2009
Auch wenn sie häufig als eine Gruppe gesehen werden, sind die Sinti und Roma ein Volk, das sich aus unzähligen verschiedenen Gruppen und deren Traditionen zusammensetzt: Roma, Sinti, Manouches, Calés, Zíngaros, Jenische. Ein Querschnitt dieses facettenreichen „fahrenden Volkes“ aus dem Herzen Frankreichs.

In Europa leben schätzungsweise zwischen 8 und 10 Millionen Roma und Sinti. Obwohl diese ‚fahrenden Völker‘ seit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens die größte ethnische Minderheit in der der EU bilden, steht die Ausgrenzung dieses Volkes mit uralten Wurzeln und Kultur immer noch auf der Tagesordnung. Minderheitenrechte werden in Europa über das so genannte Kopenhagener Abkommen von der EU-Ratsversammlung (1993) geschützt, die Realität sieht allerdings oft anders aus. Aufgrund kontinuierlicher Diskriminierung und sozialer Benachteiligung, hatte die EU im September 2008 den ersten Gipfel zur Lage der Sinti und Roma ins Leben gerufen.

Cafebabel.com hatte die Möglichkeit, dieser Bevölkerungsgruppe in der Auvergne ein Stück näher zu kommen. Zusammen mit Pfarrer Jacques Bonnant Michel erhielten wir Einblick in vier verschiedene Roma-Gemeinden.

Seht die Slideshow 'Mit Sinti und Roma durch die Auvergne' hier!

Französische Fahrende

Diese Familie französischer Abstammung und Nationalität, die aus Rebeca, Dalila und Josueh besteht, gehört zur „Gemeinschaft der Fahrenden in Frankreich“. Sie leben in Wohnwagen in dem Örtchen Crouzol. Die Rolle der Frau ist innerhalb der Gemeinschaft sehr angesehen: „Die Arbeit der Frauen ist viel härter, als die der Männer: Sie kümmern sich um den Haushalt, um die Kindererziehung und auch darum, in die Stadt zu gehen, wenn es etwas zu klären gibt“, betont Josueh.

©Ezequiel Scagnetti/ ezequiel-scagnetti.com/

Sie beherrschen zwei Sprachen, Französisch und Romani, außerdem sind sie zur Schule gegangen und können daher auch lesen, rechnen und einige sogar schreiben. „Romani ist die Sprache der Fahrenden“, sagt Dalila. Trotzdem würden sie sich am meisten darum sorgen, dass ihre Kinder gut Französisch lesen und sich in dieser Sprache verständigen können, um eines Tages einen guten Job zu finden. Vom Glauben her Evangelisten, sind sie stolz darauf, von einer Religion beschützt zu werden, die ihrem Leben Sinn gibt.

Normalerweise fühlten sie sich nicht diskriminiert, im Gegenteil: Nach eigener Aussage seien sie mit dem Leben zufrieden, das sie führen. Ihre Botschaft an die anderen Europäer ist recht eindeutig: der Wunsch nach Glück für das Jahr 2009.

Leben im Wohnwagen

©Ezequiel Scagnetti/ ezequiel-scagnetti.com/Herr Benoni lebt in einer Wohnwagensiedlung zusammen mit anderen französisch-, algerisch- und manouchestämmigen Sinti und Roma.“Was bin ich für sie? Ein Fahrender? Ein Reisender? Weil ich in einem Wohnwagen lebe?” fragt Benoni. “Nein, ich bin Franzose. Es gibt auch viele französische Landstreicher, die unter Pappschachteln leben.” Er ist sich der Existenz von Parlamentariern bewusst, die über die Gemeinschaft der Roma und Sinti wachen. Trotzdem glaubt er, dass sie ihm in den Momenten den Rücken zugewandt hätten, in denen er Hilfe suchte. Genau deshalb habe die Religion aufgehört für ihn und auch seine Familie wichtig zu sein. Nun gesteht Benoni den Glauben gänzlich verloren zu haben und möchte auch keine religiösen Werte an seine Kinder weitergeben. „Ich möchte, dass sie an nichts und niemanden glauben“, bestätigt er. „Uns sind so viele schlechte Dinge in diesem Leben zugestoßen…“

Jenische

Die Jenische sind Fahrende, die aus Mitteleuropa kommen, aus Regionen wie Elsass-Lothringen. Sie sind Schmiede und heben das kosmopolitische Wesen ihres Volkes hervor, das zahlreiche Handelsbeziehungen mit Italien, Spanien und sogar China pflegt. Je nach Arbeitsaufwand, verbinden sie ihre tägliche Arbeit mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten wie Knoblauch-, Apfelernte und Weinlese.

©Ezequiel Scagnetti/ ezequiel-scagnetti.com/

Auch wenn sie sich selbst als Franzosen bezeichnen, können sie den deutschen Einfluss in ihrem Wortschatz und ihren Bräuchen nicht verbergen, wie der traditionelle Brauch des Glühweins, den sie uns auch Ende Januar noch anbieten. Wenn es etwas gäbe, das sie beunruhigt, dann sei es die Zukunft dieser Bräuche: „Es ist notwendig, dass sie dafür kämpfen, eine feste Arbeit zu bekommen“, sagt Frederic Dettinger. In seinen Augen ist die Solidarität die wichtigste Eigenschaft Europas.

Spanische Roma

Die neunköpfige Familie von Félix Contreras widmet sich ebenfalls der Schmiedekunst. Félix hat einige Zeit im Gefängnis verbracht, was Spuren an seinem Körper hinterlassen hat, die heute von Tätowierungen verdeckt werden. Er sieht sich selbst als Spanier, Franzosen, Andalusier, Europäer und vor allem als Roma; auch wenn er zugibt nur einmal, im vergangenen Jahr, in Spanien gewesen zu sein.

Wegen seiner Liebe zur Gitarre und zu Festen hat Félix nicht einen Moment lang gezögert, uns sein großes Repertoire an Gypsy-Melodien darzubieten: begleitet von seiner Frau María als Tänzerin und seinen Kindern Francisco, Noelia, Juanito und Esteban.