Reindeerspotting mit Joonas Neuvonen: finnischer Junkie hinter der Kamera

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2011
Reindeerspotting - Escape from Santaland ist eine finnische Doku über Junkies, die man wahrscheinlich nie im Kino sehen wird. In Finnland wird der Film stark kritisiert, da man ihm vorwirft, für harte Drogen zu werben. In Paris wird er lediglich im Rahmen des Festivals Europa erzählt von Europa gezeigt. Dennoch macht er in sozialen Netzwerken von sich reden. Die Geburt einer Version Web 2.
0 des Films Trainspotting?

Der Vergleich von Reindeerspotting mit der erfolgreichen Komödie Trainspotting des Engländers Danny Boyle ist schmeichelhaft. Titel sowie Vorschau der Doku, mit ihrer schrägen Musik, sind eine Hommage an den Kultfilm. Doch hier hört die Ähnlichkeit auch bereits wieder auf. Reindeerspotting ist eine Dokumentation, keine Verfilmung. Neuvonen konzentriert sich auf eine einzige Person, Jani Raappana, und nicht auf eine Gruppe von Freunden.

Neuvonens Doku kann man wohl kaum als ein Werk für die Eurogeneration bezeichnen, da die Handlung fest in der schäbigen Heimat des Weihnachtsmanns verankert ist: im lappländischen Rovaniemi. Der angebliche Sitz des Manns mit dem weißen Bart ist im Grunde eine langweilige Stadt mit einer drogensüchtigen und deprimierten Jugendszene - ein Eindruck, der durch mein Treffen mit dem Regisseur Joonas Neuvonen und seinem Cutter Sadri Cetinjka bestätigt wurde.

Flucht aus Finnland in künstliche Paradiese

Joonas ist ein Koloss mit Dreadlocks, langem Metaller-Kinnbart und rebellischem Look. Natürlich kommt er zu spät zu unserem Treffen im 18. Arrondissement von Paris. Sadri hingegen ist pünktlich und ziemlich gesprächig. In weniger als zehn Minuten weiß ich alles über seinen Konsum harter Drogen - ein Thema, das unser anderthalbstündiges Gespräch dominieren wird.

Es ist nicht der erste Aufenthalt von Joonas in Paris, Reindeerspotting hat ihn schon einmal hierher geführt. In dem Film macht der Drogensüchtige Jani eine kleine Tour, von Barcelona bis nach Marokko, um die Droge Subutex zu finden und dabei aus Finnland zu flüchten. Und Joonas folgt ihm überallhin, das ist das Prinzip des Films. Der Nachwuchsregisseur ist selbst bereits viel gereist und tut das nach wie vor. Seine Heimatstadt Rovaniemi verließ er so früh wie möglich. Denn Rovaniemi, mit seinen 50 000 Einwohnern, ist nicht nur die Hauptstadt des finnischen Lapplands, sondern laut Joonas vor allem auch die Stadt, in der man sich tödlich langweilt.

Als ich ihn nach dem Grund für seine ständigen Reisen frage, weicht Joonas aus: Ihn halte eben nichts in der Heimat, das sei alles. Was er über Finnland denkt? Naja, er will lieber nicht über ‚Politik’ reden. Sadri ist gesprächiger, zumindest solange man über sein Lieblingsthema - Drogen - redet. Es ist der Beginn einer (verräucherten) Diskussion über künstliche Paradiese in Hardcore-Version. Der kleine Guten-Morgen-Joint ist ja etwas für Anfänger…

Subutex-Welten

Im Zentrum des Films stehen Drogen und vor allem Subutex, ein Ersatzprodukt für Opiate wie Heroin, das von manchen Ärzten verschrieben und im Großhandel vertrieben wird. Die Dokumentation zeigt Jugendliche unter dem Einfluss dieser Droge, die laut Joonas „ein bisschen entspannt und ermöglicht, Abstand zu einem selbst und zu dem, was man sieht, zu gewinnen“. Das glaube ich gern. Joonas sei manchmal selbst unter dem Einfluss des ‚Medikaments‘ gestanden, als er Jani filmte. Das Shooting dauerte sechs Monate, doch die Veröffentlichung des Films, der in Finnland für unter 18-Jährige verboten ist, hätte acht Jahre benötigt. Man muss sagen, dass sich das Thema nicht sonderlich gut verkauft. Jani und seine Bande sind das, was man ‚untätige Jugendliche‘ nennen könnte: kleine Vorstadtrebellen, die den ganzen Tag über rumhängen, stehlen, was sie brauchen, und in ihrem Viertel dealen.

In dem Film ist Jani 20 Jahre alt, scheint aber um einiges jünger. Gewieft wenn es darum geht, Geld aufzutreiben, scheint er gleichzeitig oft abgekapselt, abwesend - und immer high. Joonas zufolge habe Jani sich letztes Jahr in Kambodscha umgebracht, wo er sich in eine Prostituierte verliebt hatte. Er war 27 Jahre alt. Sein Leben ähnelte einem wahnhaften Roman, Joonas Neuvonen hat daraus einen Dokumentarfilm gemacht. Als ich ihn darum bitte, über Jani zu sprechen, entsteht so etwas wie Unbehagen. Ich bestehe auf meine Frage. „Ich traf ihn, als ich 20 Jahre alt war. Ich verkaufte Haschisch. Er war 14 oder 15 Jahre alt, er stahl in den Läden. Er war der Jüngste seiner Bande." 14 oder 15 Jahre, das heißt ein Kind! „Ja, er war ein kleiner Junge. Die älteren Kerle haben ihn die ganze Zeit über gedisst.“ Die Freundschaft mit Jani war schon nicht einfach. Aber noch schwieriger war es, ihm tagtäglich mit der Kamera zu folgen. Janis wiederholte Aufenthalte im Gefängnis zwischen 2002 und 2008 haben die Dreharbeiten nicht vereinfacht. Dennoch klammerte sich Neuvonen an seine anfängliche Idee: alles zu filmen. ‚Alles‘, das schließt auch einige (harte) Szenen mit ein, in denen sich Jani Subutex injiziert.

Giftiger Zynismus

Es ist paradox, dass sich Jani zwar vor eine Kamera stellte, aber immer weigerte, mit Journalisten zu reden. „Ich habe Jani den Film 2008 gezeigt. Es war in etwa die Version, die man heute sehen kann. Er war mit dem Ergebnis zufrieden.“ Joonas ist beinahe so schweigsam wie ein Grab. Einzig meine Skepsis hinsichtlich seiner Unterscheidung zwischen ‚Drogennutzern‘ und ‚Drogenabhängigen‘ belebt ihn ein bisschen. Meiner Meinung nach ist es unmöglich, nicht abhängig zu werden. Joonas beharrt lange auf dem Gegenteil, unterstützt von Sadri. Ich erinnere die beiden daran, dass ich mit ihnen eigentlich über ihren Film reden wollte, der aber ihre geringste Sorge zu sein scheint. Seltsam, dieses Duo. Sadri gibt mir eine Kopie von Reindeerspotting und sagt mir, ich solle damit tun, was ich wolle. Als ich ihre Urheberrechte erwähne, zucken sie mit den Schultern. Das sei alles „bullshit“. Joonas und Sadri sind wie ihr Film und Jani: aufmüpfig, aber sorglos. ‚Anarchisten‘, die keine Lust haben, Dinge zu verändern. Rebellen ohne Ziel, die aus Langweile in einen giftigen Zynismus fliehen.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Bronson Club