Regisseurin Maren Ade: "Ich habe keine Antworten"

Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2010

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Mit 33 Jahren hat Maren Ade schon mehr erreicht als so mancher Altmeister. Für ihren Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Der Wald vor lauter Bäumen erhielt sie 2003 den Spezialpreise der Jury beim Sundance Festival.
, Ades Zweitwerk, wurde 2009 auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury sowie einem Silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Begegnung mit Maren Ade in Paris, wo sie den Film beim vorstellt.

Alle AnderenFestival des Deutschen Films

In einem gold-dunkelblau gestreiften Pulli und Jeans steht Maren Ade im Halbdunkeln vor dem Vorhang. Gezeigt wird Alle Anderen (Everyone Else), Ades zweite Regie-Arbeit. In Frankreich startet der Film am 8. Dezember. Die Frau vom Goethe-Institut Paris drückt Ade ein Mikrofon in die Hand. „Bonjour“, sagt die Regisseurin, und dass sie „un discours très court“ (einen sehr kurzen Vortrag) halten wolle. Herzlicher Applaus im Publikum - eine junge deutsche Dame, die ihr Schulfranzösisch zusammenkratzt, um ein paar persönliche Worte zu sprechen. Très charmant. Es wird dunkel, der Film geht los.

Die Nouvelle Vague Allemande, das neue große Ding

"Ich wollte einen Film machen über diese ganzen Sachen, die eine Beziehung ausmachen, die man aber nicht erklären kann", erklärt Maren Ade. Und hatte Angst, das könnte banal wirken.Zwei Stunden später, Diskussionsrunde mit Maren Ade im Foyer des Kinos. „Ist das nicht komisch, wenn ich Deutsch spreche?“, will Maren Ade wissen. „Können wir das nicht auf Englisch machen? Die können doch sicher alle Englisch?“ Nein. Während der Diskussion spielt Ade mit ihrer goldenen Kette und zerknüllt einen Arte-Aufkleber in der Hand. Kaum ist die letzte Frage beantwortet, wirft sie letzteren erleichtert auf den Tisch: „Jetzt brauch‘ ich erstmal ein Bier.“ Das bekommt sie und eine neugierige deutsche Journalistin noch dazu. Ich frage sie, was es ihr bedeutet, dass Alle Anderen bald auch in Frankreich läuft - hier feiert man die Nouvelle Vague Allemande, zu der auch Ades Arbeiten gezählt werden, als neue große Entdeckung. „Frankreich ist schon ein bisschen wie eine Bastion, in die man rein muss“, sagt Ade. „Es ist ein Privileg, wenn dein Film hier läuft. Dabei habe ich oft gehört: ‚Dein Film ist zu französisch, das brauchen wir hier nicht, das haben wir selbst.‘ Vielleicht wegen dem vielen Reden. Aber ich finde, der Film hat ein deutsches Herz.“

Tatsächlich wird in Alle Anderen viel geredet, manchmal aber auch gar nicht: Chris und Gitti, ein Paar Anfang 30, machen Urlaub im Haus von Chris‘ Eltern auf Sardinien. Alles läuft mehr oder weniger harmonisch, bis ein anderes Paar auftaucht, das seine Beziehung konservativer und ganz anders lebt als Chris und Gitti. Auch wenn Gitti nicht sein will „wie alle anderen“, ergeben sich Rollenkonflikte und das Paar beginnt, sich selbst und seine Beziehung in Frage zu stellen. „Viele Leute sagen mir, die sind doch nicht glücklich, die streiten doch nur“, berichtet Maren Ade. Dann lacht sie: „Ich hatte schon Beziehungen, da war ich froh, wenn der Urlaub nur annähernd so verlaufen ist, wie in der ersten Hälfte des Films, wo Gitti und Chris sich ab und zu mal in den Haaren liegen.“ So wird auch klar, woher Ade die Inspiration für ihre Filme nimmt: „Ich bin kein Hardcore-Cineast“, gibt Ade zu. „Meine Inspiration ist vielmehr mein Leben, was mir so passiert. In meinem Kopf verändere ich das dann, rechne es hoch.“ Trotzdem sei sie immer gerne ins Kino gegangen und hätte sich irgendwann eine eigene Kamera gewünscht: „Damit haben meine Freundinnen und ich dann berühmte Werbungen nachgedreht.“

Der erste Kurzfilm, „total dilettantisch“

Ins Kino ist sie trotzdem schon immer gerne gegangenSo gesehen hat sie also schon immer etwas mit Film gemacht. Maren Ade lacht wieder: „Oft steht irgendwo ‚Schon mit 18 drehte sie ihren ersten Film.‘ Das ist total bescheuert. Ich habe damals mit ein paar Freunden einen Kurzfilm gemacht, total dilettantisch.“ Dilettantisch war das Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film nicht, nebenbei gründete die in Karlsruhe geborene Ade mit einer Kommilitonin zusammen die ProduktionsfirmaKomplizen Film. In einem Interview mit der taz hatte Ade mal gesagt: „Mein Lebenslauf ist eigentlich ohne Umwege, was ich manchmal ein bisschen schade finde.“ Ich möchte wissen, was sie damit meint. Maren Ade überlegt: „Manchmal denkt man halt, es wäre toll, wenn man noch was anderes könnte. Aber eigentlich ist der Beruf so abwechslungsreich, dass ich gar nichts anderes machen wollen würde. Jeder Film hat ja verschiedene Phasen, an Alle Anderen habe ich vier Jahre gearbeitet. Da hätte ich mich ja zu Tode gelangweilt, wenn immer alles gleich gewesen wäre.“ Die Drehbücher schreibt Ade grundsätzlich alleine, gibt ihrem Freund oder Bekannten jedoch immer wieder etwas zu lesen. „Ich brauche kleine Etappen-Ziele. Wenn ich beim Schreiben daran denken würde, dass das ein Film wird und ich davon so ca. einen alle sechs Jahre mache, werde ich verrückt!“

Ihre Filme sollen, das ist Ade wichtig, keine Antworten liefern, sondern Fragen aufwerfen: „Ich habe auch gar keine Antworten.“ Ihre Lieblingsreaktion auf Alle Anderen gab es im Übrigen in Buenos Aires: „Eine Frau hat mich ganz entsetzt gefragt, warum das Paar in dem Film die ganze Zeit so schmuddelig rumläuft. Ob das typisch deutsch wäre, sich so gehen zu lassen.“ Maren Ade spielt an ihrer goldenen Kette. Soll die Frau doch selbst eine Antwort finden.

Fotos: Artikellogo ©; Szene aus "Alle Anderen" (cc) Luis Ramos/flickr; Kino (cc) Mr. T in DC/flickr; Video: deutschertrailer/YouTube