Rebel Girls: Die mazedonische Frauenrevolution

Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2016

Roter Lippenstift auf Schutzschildern, Polizistenumarmen als Zeichen der Gewaltlosigkeit. 2015 wurde Mazedonien Zeuge seiner ersten „Frauenrevolution“: Das sogenannte „schwache Geschlecht“ rebellierte – mit dem Ziel, die Gesellschaft ordentlich umzukrempeln.

Mazedonien war einmal die friedlichste Republik Jugoslawiens. In den 1990ern verließ es die sozialistische „Föderative“, ohne jemals auch nur mit einer einzigen abgefeuerten Kugel oder Bürgerunruhen konfrontiert gewesen zu sein. In den letzten Jahren allerdings hat die gesellschaftliche Unzufriedenheit in Mazedonien zugenommen, was zu einer ungewöhnlichen Welle an Aufständen geführt hat - bei denen Frauen an vorderster Front stehen.

2013 gingen hunderte von Mädchen und jungen Frauen in Skopje gegen eine Änderung des Abtreibungsgesetzes auf die Straße. In Titos Jugoslawien reichte ein Besuch beim Gynäkologen, um über Abtreibung zu sprechen. 2013 hingegen verabschiedete die christdemokratische Regierung ein restriktivesGesetz, welches es Frauen nun sehr schwierig macht, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen zu können. So müssen sie das Gesundheitsministerium schriftlich um Erlaubnis fragen und diesem die Gründe für eine Abtreibung darlegen. Auch sogenannte Beratungsgespräche sind nun obligatorisch, bei denen der oder die Beratende die Schwangere von einer Abtreibung abzubringen versucht.

Für Savka Todorovska, Präsidentin der Union der Frauenorganisationen von Mazedonien, ist das skandalös. Todorovska erinnert daran, dass die Rechte von Frauen während der kommunistischen Ära besser geschützt waren, als sie es heute sind. „Es gab zum Beispiel ein Gericht der assoziierten Arbeit. Wenn die Rechte einer Frau in einem bestimmten Bereich missachtet wurden, hatte diese Frau das Recht, zu klagen, und das Gericht hat ihr immer geholfen. Wenn ich zurückschaue begreife ich, dass mazedonische Frauen alle Recht besaßen, ihnen das aber überhaupt nicht bewusst war.“ 

Heute würden Frauenrechte „nur auf dem Papier existieren“, stellt Todorovska fest. „In diesem kapitalistischen System nehmen Arbeitgeber nur ihre eigenen Interessen wichtig. Frauen werden oft benachteiligt, arbeiten nachts und am Wochenende, obwohl sie keine Kinderbetreuungsmöglichkeiten finden, die zu diesen Zeiten offen sind. Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren war unter dem kommunistischen Regime einfacher. Damals durfte eine Frau nicht mehr als acht Stunden arbeiten, und sie konnte ihre Arbeitszeit verkürzen, um ihr Neugeborenes zu stillen.“

Seltsamerweise spiegelt sich diese Diskriminierung am Arbeitsplatz nicht in der Politik wider: 1991 gab es nur fünf weibliche Parlamentarier - heute sind es 42. Dem 2014er Bericht des Ombudsmannes zufolge sind von den 108.848 Angestellten in der Verwaltung 52 Prozent männlich und 48 Prozent weiblich. Aber die Zahl von Männern in Management-Positionen ist höher als die von Frauen, obwohl es mehr Frauen mit Hochschulabschlüssen gibt:Die Publikation 20 Jahre unabhängiges Mazedonien, herausgegeben vom Staatlichen Statistikamt, stellt fest, dass es mehr Frauen mit einem Masterabschluss oder einem Doktortitel gibt als Männer.

Ende 2014 fand einer der größten Proteste in der Geschichte des unabhängigen Mazedoniens statt: Tausende Studenten protestierten in Skopje gegen die Pläne der Regierung, von den Universitäten durchgeführte Prüfungen durch staatliche Prüfungen zu ersetzen. Später kamen andere Bürgerinnen und Bürger sowie Mitglieder verschiedener Bewegungen hinzu. Sie alle versammelten sich schließlich unter einem Banner: Protestiram!

Anfang 2015 gab es dann einen weiteren Skandal: Die Opposition erhob Vorwürfe, dass über 20.000 mazedonische Bürgerinnen und Bürger durch den Premierminister Nikola Gruevski und seine Regierung abgehört wurden. Am 5. Mai gab es gewalttätige Zusammenstöße zwischen Aktivisten und der Polizei. Die 31-jährige Jasmina Golubovska wurde zur Protest-Ikone, als ein Bild von ihr Schlagzeilen machte: Darauf steht sie in der Menschenmenge und versucht, den Schutzschild eines Polizisten zu küssen. „Wir hatten schon fünf Stunden vor dem Regierungsgebäude gestanden“, erinnert sie sich. „Wir sprachen die ganze Zeit mit den Polizeibeamten, um sie zu überreden, ihre Schutzschilde runterzunehmen. Der Polizeibeamte, der vor mir stand, war sehr wütend. Ich fragte ihn, ob ich ein Herz zeichnen könnte. Er ließ mich nicht und drohte, mich festzunehmen. Nachdem ich einige Zeit versucht hatte, etwas zu zeichnen, fragte ich ihn, ob ich Lippenstift auftragen dürfte und danach küsste ich seinen Schild. Die ganze Menschenmenge hielt Ausschau nach rotem Lippenstift, als Symbol für das Blut, welches in all diesen Jahren vergossen wurde“, sagt sie.

Golubovska hat in Italien studiert und in Bologna ihren Master gemacht, bevor sie 2009 nach Mazedonien zurückkehrte. Sie sagt, seitdem habe sie nicht aufgehört, zu protestieren. „Wir nennen es eine Frauenrevolution. Frauen tragen die Last, obwohl Misogynie eines der Werkzeuge ist, mit dem die Regierung versucht, die Lage der Frauen zu verschlechtern und ihre Wichtigkeit herabzusetzen.Es stellte sich heraus, dass Frauen mutiger sind wenn es darum geht, schwierige Fragen zu beantworten - zum Beispiel Fragen über die LGBT-Gemeinde, deren Antworten die Öffentlichkeit noch nicht bereit ist, zu hören. Frauen mussten die Rolle übernehmen, weil sie persönlich angegriffen wurden“, sagt Golubovska.

Die Art, wie Frauen bei den Protesten die Führung übernahmen, war in Mazedonien etwas noch nie Dagewesenes. Die Frauen benutzten ganz unterschiedliche „Waffen“: Sie umarmten Polizeibeamte, küssten Schutzschilde oder hielten sich vor den Absperrketten der Polizei an den Händen. „Auf allen großen politischen Demonstrationen waren Frauen anwesend“, sagt Uranija Pirovska, Geschäftsführerin des Helsinki Committee of the Republic of Macedonia. Pirovska hat gegen das restriktive Abtreibungsgesetz gekämpft. Die Proteste kommentiert sie so: „Tatsache ist, ich bin eine Frau und die Vorstellung, ich müsse mich aus Sicherheitsgründen zurückhalten, stimmt einfach nicht mehr. Im Gegenteil: Frauen haben gezeigt, dass sie ein wichtiges und gleichwertiges Teilstück sind, wenn es darum geht, gegen das Regime zu kämpfen.“

Für die mazedonischen Minderheiten ist das Problem der Frauendiskriminierung noch dringlicher. Die albanische Minderheit beispielsweise repräsentiert laut einer Bevölkerungszählung von 2002 bis zu 25 Prozent der mazedonischen Bevölkerung. Xane Kreshova leitet das Frauenforum in Tetovo [Stadt im Nordwesten Mazedoniens und Zentrum der dort lebenden Albaner; A.d.R.]. Ihr zufolge werden Frauen in der albanischen Gemeinde immer noch nicht als den Männern gleichwertig angesehen. „Als ich 1983 nach Tetovo kam, waren Frauen in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Es war undenkbar, dass eine Frau alleine zur Konditorei geht, um dort etwas zu essen. Als Jugoslawien noch existierte, durften albanische Frauen nicht arbeiten“, sagt Kreshova, die selbst Hausfrau war, bevor sie sich dem Frauenforum anschloss. „Es war ihre Pflicht, zu heiraten, Kinder zu gebären und sich um die Familie zu kümmern.“

Kreshova berichtet, die Situation albanischer Frauen hätte sich geändert, als 2004 in Tetovodie South East European University eröffnet und Tetovo eine „offene Stadt“ wurde. Kreshova glaubt, dass Bildung die Überzeugung verändert hat, albanische Frauen sollten zu Hause bleiben. „Ich bin froh, dass Frauen heutzutage arbeiten wollen“, sagt sie. „Auch Männer suchen Arbeit für ihre Frauen. Sie wollen ein besseres Leben führen und ihren Kindern bessere Lebensumstände bieten - abgesehen vielleicht von Menschen, die in ländlichen Gebieten wohnen.“

Mersiha Smailovikij, eine 31-jährige Menschenrechtsaktivistin, die viel mit Flüchtlingen arbeitet, hat in den letzten Jahren an fast allen Demonstrationen teilgenommen: „Ich denke, ich sollte aktiv sein, weil es so viele Probleme in unserer Gesellschaft gibt.“ Ihr Engagement begann 2007: Smailovikij war Studentin im letzten Jahr und durfte als muslimische Frau auf den Fotos für ihren Ausweis kein Kopftuch tragen. „Da ich seit 2005 ein Kopftuch trug und es meine Entscheidung war, habe ich es nicht abgenommen und sagte, es sei mein verfassungsmäßiges Recht. Ich berief eine Pressekonferenz ein und innerhalb kürzester Zeit wurde das Gesetz geändert“, erklärt Smailovikij. „Da merkte ich, dass unsere Stimmen Macht besitzen.“

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Text: Zaklina Hadzi-Zafirova

Foto: Tomislav Georgiev

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25 Jahre nach Ausbruch der Balkankriege will Balkans & Beyond originelle Geschichten erzählen und Gesichter der jungen Generation aus Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Serbien und Montenegro zeigen, eine Generation, die bereit ist zu vergeben aber nicht zu vergessen. Das Projekt wird von der Allianz Kulturstiftung und cafébabel Berlin getragen.