Raus aus dem Extremismus: Ein Ex-Neonazi erzählt

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2016

Einwanderung ist bei uns in Deutschland zur Zeit ein heißes Thema. Doch während Politiker diskutieren, finden Neonazis immer leichter Anhänger für ihre rechten Ideologien. Aber es gibt auch Menschen, die versuchen genau diesen Kreisen zu entkommen. Aber wie tritt man einer Neo-Nazi Gruppe aus?

„Damals war ich überzeugt: Wenn alle so denken würden wie ich, dann könnten wir es schaffen, in einer besseren Welt zu leben. Ich glaubte daran, dass es nur diesen einen Weg gibt.“ Steven Hartung (28), ist ehemaliger Neo-Nazi und spricht mit uns über seine braune Vergangenheit. Er kommt aus einem Dorf in Thüringen und rutschte bereits mit 13 Jahren in die rechte Szene.

„Ich wuchs in einem kleinen Dorf auf, in dem viele Leute verbittert und rassistisch waren.“ erklärt er. Mit 15 Jahren reichte es für ihn nicht mehr, nur die gleiche Meinung mit ihnen zu teilen, und er trat einer rechtsradikalen Gruppe bei. Schon ein Jahr später wurde er ihr Anführer.

Dem Verfassungsschutz nach zu urteilen, fischen momentan ca. 21,000 Menschen in Deutschland nach potentiellen rechten Anhänger. Dank der Organisation EXIT-Deutschland, haben Steven und 500 andere es geschafft, seit ihrer Gründung in 2000, aus diesen Gruppierungen zu auszusteigen.

Als ihr Anführer, war Steven für das Organisieren von Meetings verantwortlich, er schrieb Pressemitteilungen und kümmerte sich um den Kontakt mit anderen Neo-Nazi Gruppen aus Deutschland und ganz Europa. Aber bald schon wollte er die Dynamik der Gruppe ändern, hin zu mehr Gehirn- und weniger Faustarbeit. Aber die Diskussionen mit anderen Vorsitzenden ließ ihn schnell begreifen, dass er sich ein zu großes Ziel gesetzt hatte. Das veranlasste ihn letztlich dazu, mit Exit Kontakt aufzunehmen.

Zusammenarbeit von Ex-Neo-Nazis und Polizeibeamten

EXIT-Deutschland hilft Menschen wie Steven einen Weg zu finden, aus der rechten Szene auszusteigen. Ingo Hasselbach war auch Anführer einer bekannten Neo-Nazi Gruppe, als er von Tom Reiss angesprochen wurde, ein Journalist, der ein Buch über sein Leben schreiben wollte. Ingo stimmte zu, er sah in dem Buch die Chance seinem Land zu zeigen, wie sehr er für es kämpfte. Doch während der gemeinsamen Arbeit änderten sich seine Einstellungen und Ingo entschied sich, die Gruppe zu verlassen. Das Buch, und der darauffolgende Film, wurde zur Geschichte von einem, der es trotz vieler Hindernisse schaffte, einen Weg aus einer radikale Neo-Nazi-Szene zu finden.

Seine Anhänger waren so verärgert über seine Entscheidung, dass sie ihm eine Bombe, versteckt in einem Buch, mit der Post zuschickten. Glücklicherweise reichte die Batterie um sie zu zünden nur für drei Tage, und der langsame Service der Post in der Weihnachtszeit wurde zu Ingos Segen. Als seine Mutter das Paket fünf Tage später öffnete, detonierte die Bombe nicht, hinterließ aber trotzdem den Rauch von Angst und die Gewissheit über das Risiko, das ein solcher Ausstieg mit sich bringt.

Zusammen mit dem Ex-Polizeibeamten Bernd Wagner, entschied sich Ingo eine Organisation zu gründen, die denen Sicherheit und Hilfe anbiete, die, ähnlich wie er, von der rechtsradikalen Szene Abstand nehmen wollen. Sie wurden die Gründer von EXIT-Deutschland, zusammen mit der Unterstützung vom Magazin Stern.

Wege aus dem politischen Extremismus

„Die ersten Schritte müssen immer von der Person selbst kommen.“ erklärt Fabian Wichmann (35), einer der Psychologen der Organisation. Nach dem ersten Kontakt per Email oder Telefon wird ein individuelles Programm erstellt – mit dem Schwerpunkt auf persönliche Sicherheit.

In 2010 nahm Steven erstmals Kontakt mit der Organisation auf und begann dein Ausstiegsprozess – mit Fabian als seinem Psychologen. Als ersten Sicherheitsmaßnahmen wurde seine Adresse und Telefonnummer geändert. In manchen Fällen muss sogar die komplette Identität der Person geändert werden, weil Aussteiger von weiter aktiven Mitgliedern oft als Verräter der Bewegung angesehen und direkt attackiert werden.

Steven erhielt viele Drohungen, darunter auch, dass sie ihn umbringen werden. Doch kurz nach seinem Ausstieg zerfiel seine ehemalige Neo-Nazi Gruppe und die Drohungen wurden weniger. EXIT-Deutschland hat sich deshalb ganz besonders auf Anführer in der Szene spezialisiert, weil ihr Ausscheiden oft das Zerbrechen des kompletten Verbands bedeutet.

„Die Mitglieder waren oftmals stark mit dem Anführer verbunden. Sie wundern sich dann, was da passiert und warum die Person aussteigt.“ erklärt Fabian. Zusammen mit der Bereitstellung von Hilfe zur persönlichen Sicherheit, regt EXIT auch ideologische Diskussionen an. Die Organisation hilft, rassistischen Populismus gegenüber der deutschen Gesellschaft zu hinterfragen und Raum für neue Ideen zu schaffen.

Fabian erklärt, dass es verschiedene Typen von rechts-radikalen Gruppen in Deutschland gibt. "Manche sind sektenartig, andere mehr in die gewöhnliche Gesellschaft integriert." Steven fügt hinzu, dass oft der Glaube vorherrscht, einen „Feind“ besiegen zu müssen, wer dieser Feind aber genau ist, darüber sind die Gruppen sich oft nicht einig. „Eine Gruppe denkt es ist das demokratische System, eine andere sieht den Feind im Kapitalismus, wieder anderen in den Juden... Aber alle haben einen Feind und sie sind überzeugt, dass sie einen Krieg gegen ihn führen müssen.“ 

Wachsende Intoleranz in Deutschland

Besonders seit der Flüchtlingskrise gibt es immer mehr Menschen, die die Ideologien der NPD, AfD oder der PEGIDA-Bewegung teilen. Die angespannte politische Situation gibt Neo-Nazis die perfekte Vorlage, um ihre ideologische Propaganda in der gesamten Gesellschaft zu streuen. „Vor zehn Jahren wäre ich sehr froh über eine solche Situation gewesen, weil sich dadurch die Leute aus der politischen Mitte einfacher radikalisieren lassen. Die rechte Szene nutzt das natürlich für sich.“ sagt Steven

Christiane Beckmann von der the Moabit-hilft organisation, die Flüchtlingen hilft nach ihrer Ankunft in Deutschland Fuß zu fassen, erzählt, dass ihre freiwilligen Helfer oft Drohbriefe erhalten. „Wenn du mit Flüchtlingen oder Ausländern arbeitest, dann kommt es oft zu Drohungen aus der rechten Szene oder von sogenannten „besorgten Bürgern.“ erklärt sie.

Tote Vögel und Einbrüche

Die Gründerin der Organisation, Diana Henniges (38), machte die unschöne Erfahrung mit einem „besorgten Bürger“, der ihre Adresse und Telefonnummer herausfand. Sie bekam störende Anrufe und tote Vögel vor ihr Haus geworfen, und erhielt Drohungen, dass ihr Sohn aus der Kita entführt werden würde.

Die Drohungen bei Moabit-hilft reichen von Emails die ihnen vorwerfen „dumm zu sein, so etwas zu tun“, bin hin zu Ausrufen, die fordern dass sie „vergewaltigt werden sollten“, weil sie muslimischen Männern helfen. Manche gingen soweit, dass sie Rechtsradikale inkognito in die Organisation einschmuggelten, um Informationen über sie zu erhalten. „Wir erhielten eine Email, dass jemand unsere Unterlagen überprüfen wollte. An dem Wochenende darauf wurde dann bei uns eingebrochen, der Typ [eingeschmuggelt aus der Rechten Szene A.d.R.] war in unser Büro eingestiegen.“

Die schwersten Anschläge gegen Flüchtlinge beinhaltete Brandstiftung in ihren Unterkünften. Fabian erklärt, dass Neo-Nazi Gruppen Karten anlegen, in denen diese Heime eingezeichnet sind, genauso wie Informationen, um gegen sie vorzugehen. Auch wenn es keine konkreten Beweise gibt, einiger der Häuser, die bereits brannten, befinden sich auf dieser Karte.

2015 war das Jahr, mit den meisten Anschlägen auf Flüchtlingsheime seit 2000. Das BKA zählte 924 Straftaten, doch die Täter bleiben oft unerkannt. Nur jede vierte wurde von der Polizeit aufgeklärt.

Fabian glaubt nicht daran, dass in den heutigen Bedingungen die offizielle Zahl der Neo-Nazis steigen wird. Wichtiger sei es, zu verhindern, dass rassistische Kommentare zur Normalität unter Durchschnittsbürger wird.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.