Rassistischer Quatsch mit Soße?

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2013

Würde man in Deutschland aktuell ein europäisch rassistisch konnotiertes Menü servieren, würde einem hierzulande wohl das Zigeunerschnitzel wortwörtlich im Halse stecken bleiben. Sind wir Deutschen überempfindlich?

Seit kurzem ist das Gericht Zigeunerschnitzel, ein ziemlich unspektakuläres Kantinenfertigfleischgericht mit würziger Letschosoße, von vielen Hannoveraner Speisekarten verschwunden, nachdem sich das dortige Forum der Roma und Sinti über den diskriminierenden Aspekt des Ausdrucks beschwert hatte. Stattdessen solle doch ganz einfach ‚Soße ungarischer Art‘ oder ‚Paprikasoße‘ gesagt werden, lauteten die Alternativen. Soweit so gut.

Wären da nicht die deutschen Sprachbewahrer, welche im Namen der guten alten Tradition und aufgrund einiger romantischer Kantinen-Kindheitserinnerungen direkt auf die Barrikaden riefen. Die Soße gebe es ja schon seit Ewigkeiten. Sie gehöre fast schon zum deutschen Kulturerbe und sei doch positiv konnotiert - scharf, würzig, aus dem exotisch-europäischen Südosten. Was soll an dieser Soße bitteschön rassistisch sein?

Unsere Nachbarn scheint die Debatte um Sprachrassismus eher peripher zu tangieren. Dem Lebensgefühl, das mit einer guten alten, braunen, filterlosen Gitanes-Zigarette (wortwörtlich übersetzt ‚Zigeunerinnen‘) aus Frankreich einhergeht, liegt doch nicht etwa ein rassistisches Stereotyp zu Grunde? Und muss sich der Spanier beim Verspeisen seines "brazo de gitano" (‚Zigeunerarm‘, einer Biskuitrolle), die ihren Namen aufgrund des braungebackenen Teigs trägt,  in die Rassistenecke stellen lassen? Auch die  Briten sagen weiterhin „to gyp“ (abgeleitet von gypsy, Zigeuner) für „betrügen“ oder „schwindeln“.

Ebenso ging es dem Begriff „Neger“ im Deutschen vor einiger Zeit an den Kragen; fortan wird nur noch Schaum- oder Schokokuss gesagt. Auch der Franzose lutschte noch bis vor kurzem an schwarzen Haribo-Lakritzbonbons mit dem Namen „têtes de nègres“ (Negerköpfe), die neuerdings jedoch in „melting pote“ (Kofferwort aus melting pot und Freund) umgetauft wurden. Die Polen versüßen sich aber nachwievor mit ihrem Dessert „Cycki murzynki“ (Negerbrüste) das ein oder andere Dinner, während der Italiener in Rom „Carciofi alla Giudia“ (Jüdische Artischocken) bestellt.

In Deutschland hätte bei dieser Speisekarte längst jemand die Skandalglocke geläutet. Zurecht! Denn allerspätestens dann, wenn ein Wort Deportation nach sich zog, ist es im Sprachgebrauch einfach nicht mehr zeitgemäß. Und mal im Ernst, inwiefern büßen wir etwas von unserem Kulturerbe ein, wenn wir in Zukunft ein „Schnitzel ungarischer Art“ bestellen?