Rafał Blechacz: Polens Piano-Wunderkind

Artikel veröffentlicht am 16. November 2011
Artikel veröffentlicht am 16. November 2011
Ist es einfacher Chopin zu spielen, wenn man aus Polen kommt? Ist es einfacher in einem Haus auf dem Land zu wohnen als in einer lebendigen und kulturell vielseitigen Stadt? Der 26-jährige Pianist, Rafał Blechacz, sorgt seit einigen Jahren in Polen für Aufruhr und erzählt uns seine Version der Dinge.

Es ist 12:58. Ich sitze am Telefon und erwarte einen Anruf von Rafał Blechacz, der neue Stern am klassischen Musikhimmel in Polen. Die Karriere des 26-jährigen Pianisten aus der Kleinstadt Naklo-nad-Notecią im Norden Polens begann nach einem Chopin-Wettbewerb im Jahre 2005. Damals zog er an allen asiatischen Konkurrenten vorbei und kehrte mit einer beeindruckenden Anzahl an Preisen nach Hause zurück. Nicht mal einen zweiten Platz hatte man gekrönt.

Anfangs hatte ich gehofft den jungen Pianisten in Paris zu treffen, wo er am 11. November gemeinsam mit dem Warschauer Sinfonieorchester ein Konzert geben sollte. Leider erhielt ich als Antwort lediglich “Bitte geben Sie uns Datum und Uhrzeit, an denen ein Telefonat passend wäre”. 13 Uhr. Das Telefon klingelt.

cafebabel.com: Rafał, von wo aus rufst du an?

Rafał Blechacz: Ich rufe von zu Hause aus an. Ich bin gerade erst aus der Schweiz zurückgekommen und morgen bereits auf dem Weg nach Deutschland. Gerade mal einen Tag habe ich, um neu zu packen. Ich finde das Fliegen langweilig und versuche es so oft wir möglich zu vermeiden. Wenn es geht, ziehe es vor mit dem Auto zu reisen. Natürlich ist das nicht machbar, wenn ich in die Staaten oder nach Japan reise.

cafebabel.com: Reist du allein?

Rafał Blechacz: Nein, eigentlich reise ich mit meinem Vater zusammen.

cafebabel.com: Wer fährt?

Rafał Blechacz: Wir wechseln uns ab.

cafebabel.com: Lebst du mit deinen Eltern zusammen?

Rafał Blechacz: Ja. Meine kleine Schwester lebt auch bei uns. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit ein Haus auf dem Land gekauft. Dort habe ich keine Probleme mit den Nachbarn, sodass ich üben kann, wann immer ich möchte. Als wir in einem normalen Wohnhaus gewohnt haben, konnte ich nach 22 Uhr nicht mehr spielen. Und das, obwohl ich abends und in der Nacht am besten arbeiten kann. Meine Familie ist mein Spielen gewöhnt. Sie merken das gar nicht mehr.

cafebabel.com: Würdest du nicht lieber in einer pulsierenden Großstadt leben?

Rafał Blechacz: Ich schließe das nicht komplett aus. In ein paar Jahren werde ich vielleicht in eine der großen, europäischen und musikalischen Zentren ziehen: Wien, Berlin, London, Paris oder Amsterdam. Aber im Moment bin ich mit dem glücklich, was ich habe. Natürlich ist es von Vorteil, in einer kulturell vielseitigen Stadt zu sein. Wenn ich in einer Metropole unterwegs bin, versuche ich soviel wie möglich zu besichtigen. Ich mag es in Museen zu gehen. Ich denke, dass Kunst inspiriert. Dennoch ziehe ich es momentan vor in Frieden und Ruhe auf dem Land zu arbeiten.

cafebabel.com: Wieviel Zeit arbeitest du täglich an deiner Musik?

Rafał Blechacz: Wenn ich keine Konzerte habe, dann übe ich sechs bis sieben Stunden am Tag.

cafebabel.com: Und wie verbringst du den Rest des Tages?

Rafał Blechacz: Ich habe damit begonnen Philosophie an der Universität von Toruń zu studieren. Daher verbringe ich meine freie Zeit hauptsächlich damit aufzuholen. Ich bin besonders an Musikphilosophie interessiert.

cafebabel.com: Welche Art von Musik hörst du neben Klassik?

Rafał Blechacz: Um die Wahrheit zu sagen, höre ich nichts. Gelegentlich höre ich Radio, aber normalerweise habe ich gar keine Zeit. Oder Lust.

cafebabel.com: Was hast du als letztes gelesen?

Rafał Blechacz: Ich lese hauptsächlich philosophische Texte. Wenn es um Belletristik geht: Ich habe mal ein Buch von Paulo Coelho gelesen.

cafebabel.com: Du spielst seitdem du klein warst. Welche Charaktereigenschaften muss man haben, um ein guter Pianist zu werden?

Rafał Blechacz: Man muss gründlich, organisiert und dazu in der Lage sein, das Beste aus seiner Zeit zu machen. Außerdem muss man natürlich selbstdiszipliniert sein, denn es ist besonders wichtig alles unter Kontrolle zu haben, während des straffen Ablaufs eines Konzertes.

cafebabel.com: Was ist mit Leidenschaft?

Rafał Blechacz: Natürlich! Musik wird dein Leben.

cafebabel.com: Ändert sich die Leidenschaft, wenn man Klavier nicht mehr als Hobby, sondern Vollzeit spielt?

Rafał Blechacz: Du riskierst es immer in Routine zu verfallen, aber alles hängt vom Künstler ab. Für den einen sind 40 Konzerte im Jahr viel, aber ein anderer kann bis zu 100 spielen und ist noch immer voller Leidenschaft und Energie. Ich nehme normalerweise an 40 Konzerten im Jahr Teil. Da aber 2010 das Jahr von Chopin war, musste ich mehr machen — um die 44.

cafebabel.com: Gibt es eine Verbindung zwischen Musik und Nationalität?

Rafał Blechacz: Um es einfach zu machen: Ja! Ich werde oft von japanischen Journalisten gefragt. Sie möchten wissen, ob es einfacher sei Chopin zu spielen, weil ich aus Polen komme. Auf der einen Seite bin ich sicher, dass es einfacher ist, da ich die Folklore kenne, die diese Musik inspiriert hat. Auf der anderen Seite kann ich ihnen Namen von Künstlern geben, die keine Polen sind und dennoch genauso gut Chopin spielen. Musikalische Intuition, Wissen über die Epoche, der Hintergrund des Künstlers und die Sensibilität für Nuancen in der Musik sind weit aus wichtiger als Pole zu sein. Letztendlich ist die Musik eine Sprache, die Grenzen überwindet.

cafebabel.com: Ich habe den Eindruck, dass du deine Inspiration für die Musik aus der Musik selbst erhältst. Inspiriert dich auch die reale Welt?

Rafał Blechacz: Ich bin glücklich, dass ich mich in meinem Leben bisher keinen großen Herausforderungen stellen musste. Es gab keine großen Tragödien. Du musst nicht unbedingt alle Emotionen gespürt haben, um Musik zu machen.

cafebabel.com: Wenn deine Familie dich nicht auf deinen Tourneen begleitet, an wen wendest du dich in schwierigen Momenten? Sagen wir du hast Lampenfieber oder Zweifel?

Rafał Blechacz: Um die Wahrheit zu sagen: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Krise. Mein Zeitplan ist so voll gepackt, dass ich gar keine Zeit habe nachzudenken. Es gibt natürlich Tiefpunkte, aber dann habe ich noch immer mein Klavier. Die Musik ist mein ständiger Begleiter.

Fotos: ©Mit freundlicher Genehmigung von Rafał Blechacz