Radio Mayis Zypern: "Stimmen reisen, ohne um Erlaubnis zu bitten"

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2008
Interview mit Hassan Kahvecioglu, dem Gründer von Radio Mayis, das in Zypern die Verbindung des türkischen Teils der Insel zu Europa vorantreiben möchte.

Am 1. Mai 2004 trat der griechische Teil der Insel Zypern der EU bei, womit der türkische in größere Isolation als je zuvor geriet. Am selben Tag weihte eine Handvoll türkischer Journalisten Radio Mayis ein, das auf Griechisch und Türkisch zu senden begann. In Kahveciuglus Worten: "Radio Mayis ist ein Tribut an Europa."

Welche Sendung erreicht die meisten Zuhörer?

Eindeutig unser zweisprachiges Programm samstags (auch im Internet verfügbar), das eine sehr eigene, im Namen der Aussöhnung engagierte Hörerschaft hat.

Inwiefern manifestiert sich Ihre Hörerschaft im Rahmen der Nationalfeierlichkeiten einer der beiden Gemeinschaften?

Wir benutzen ein 'gemeinsames' Vokabular, weil wir daran glauben, dass wir ein gemeinsames Territorium bilden. Was am 20. Juli 1974 passiert ist, heißt bei den Türken 'Operation glücklicher Friede' und bei den 'Invasion und Besetzung'. Bei Radio Mayis verwenden wir keine der beiden Formulierungen: 1974 waren beide Seiten Opfer. Wir wollen, dass jede Seite den Schmerz der jeweils anderen versteht und arbeiten dazu mit Empathie und Selbstkritik. Wir haben die Terminologie der UNO übernommen: türkischer Sektor Zyperns und griechischer Sektor Zyperns. Den Begriff Nordzypern verwenden wir nicht.

Welche Seite bildet die größere Hörerschaft?

Wir sind ein Sender mit Sitz im türkischen Sektor Zyperns, und dort lebt auch die Mehrheit der Hörer. Die zweisprachigen Programme werden aber im griechischen Sektor auch von anderen Radiosendern ausgestrahlt. Da die griechische Gemeinschaft an der Macht ist, hat sie vielleicht weniger das Bedürfnis nach Veränderungen. Außerdem herrscht ein gewisses Misstrauen, weil viele glauben, die türkischen Radiosender würden von oben kontrolliert. Das ist schade, weil wir die Unterstützung der griechischen Zyprioten dringend brauchen.

Welche Verbindungen bestehen zu europäischen oder internationalen Organisationen?

Am Anfang erhielten wir technische Unterstützung von einer Stiftung mit Sitz in Washington. Sie schickte uns Experten, die uns bei der Organisation des Programms halfen und uns ausbildeten. Heute bekommen wir mehr Unterstützung von der UNO als von der EU.

Warum haben Sie sich für das Medium Radio entschieden?

Es existiert bereits eine dreisprachige Tageszeitung mit dem Namen Dialogue, und ich bin einer ihrer Gründer. Sie hat mit aktuellen kulturellen und politischen Themen - wie zum Beispiel Wassermanagement - großen Erfolg. Ich selbst komme aus dem Bereich der Printmedien, aber das Radio hat den Vorteil, dass es ein schnelles Medium ist. Es erreicht die Menschen im Handumdrehen und kann insofern eine direkte Verbindung zwischen den beiden Sektoren herstellen. Die Stimmen reisen, ohne um Erlaubnis zu bitten.

Unter welcher Desinformation leiden beide Sektoren Zyperns am meisten?

Beide Gebiete Zyperns leiden uner Desinformation. Das Ziel von Radio Mayis ist es, irreführende Informationen zu korrigieren, auf beiden Seiten, um Spannungen abzubauen. Aber die Führer beider Gemeinschaften sind dagegen und wollen, dass sich die Leute nur um ihre eigene Gemeinschaft kümmern.

Können Sie uns ein Beispiel für einen Fall nennen, in dem es Radio Mayis gelungen ist, Spannungen abzubauen?

Vor einigen Wochen wurde einer der Grenzübergänge von griechisch-zypriotischen Soldaten für drei Stunden gesperrt, gegen die Übereinkommen zwischen den beiden Gemeinschaften. Dank eines UNO-Soldaten konnten wir herausfinden, dass türkisch-zypriotische Soldaten an diesem Nachmittag drei Mal die griechische Grenze überschritten hatten - um zu provozieren. Die griechen haben daraufhin dicht gemacht. Türkische Führer benutzten den Fall jedoch, um ihrem Unmut gegenüber der griechischen Gemeinschaft Luft zu machen. Jede Spannung, die sie erschaffen, rechtfertigt ihre radikale Position gegenüber der anderen Gemeinschaft.

Dank Ihrer Erfahrungen in Presse, Fernsehen und Radio sind Sie ein vorzüglicher Zeitzeuge bezüglich der Rolle der Medien in Zypern: Wie beurteilen Sie die Lage?

In Zypern findet der politische Kampf vor allem in den Medien statt. Jeden Tag werden dort provokative Nachrichten veröffentlicht, die eine negative Atmosphäre schaffen sollen. Für lange Zeit waren die Journalisten die 'Stimme der Macht'. Ich glaube, dass Journalisten und Lehrer bzw. Professoren zwei der Gruppen sind, die für die seit 30 Jahren existierenden Spannungen auf der Insel verantwortlich sind.

Aber jetzt gibt es einen Dialog, und die beiden Seiten nehmen einander verstärkt wahr...

Heute gibt es einen Dialog, aber noch keine Zusammenarbeit. Der Dialog hat sich entwickelt, aber noch ohne klare Richtung.

Verbessert sich zumindest das gegenseitige Verständnis?

Die türkischen Zyprioten werden immer noch als die Anderen wahrgenommen. Als vor einigen Jahren die Grenzen geöffnet wurden, lud ein griechischer Unternehmer aus Nicosia mich und meine Frau zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Nach dem Essen, als seine Frau den Tisch abräumte, bot meine Frau an, ihr zu helfen. In der Küche wollte meine Frau die Teller abwaschen, woraufhin die andere sagte: "Siehst Du diese Maschine? Das ist eine Geschirrspülmaschine, und sie wäscht von alleine ab. Wir haben Glück: Wir müssen keine Teller abwaschen." Wir selbst hatten unsere Maschine erst einige Wochen zuvor ausgetauscht!

Letztes Jahr habe ich diese Anekdote bei einem Vortrag in Athen erzählt, um zu veranschaulichen, dass wir türkischen Zyprioten nicht als 'gleich' wahrgenommen werden. Als die Veranstaltung vorüber war, umarmte mich ein alter griechisch-zypriotischer Freund und fragte: "War das meine Frau?" Ich bin fast umgefallen: Dachte seine Frau genauso?