Radikaler Islam ist gefährlich, radikaler Laizismus auch

Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2015

Karikaturen sind im Islam fast genauso nebensächlich wie das Kopftuch. Mich nervt, dass man mich aufgrund meiner Religion bevormundet. Dass man mich nicht auf die gleiche Weise liest, weil ich Muslima bin. Und dass ich, weil ich versuche, gegen Vorurteile zu kämpfen, Freunde und Jobs in diesem ach so freien Europa verliere.

Ich bin Spanierin, Journalistin und Muslima. Die zwei letzten aus freien Stücken und resultierend aus einem langen persönlichen Denkprozess, der mich vom Atheismus zum Islam geführt hat. Viele Medien haben mich kontaktiert, um meine Meinung zum Attentat auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris einzuholen. Mein Profil sei ‚interessant‘. Eine Europäerin, die zum Islam konvertiert – das ist überraschend.

Und umso mehr, weil sie erklärt, dass sie es nicht ‚aus Liebe‘ getan hat. Typisches Vorurteil. Als hätten Muslime „magische Penisse“, die uns unserer Fähigkeit beraubten, eigene Entscheidungen zu treffen. Diejenigen, die so argumentieren, tun eigentlich das Gleiche, wie ihre Kritiker: uns wie Minderjährige behandeln und uns unserer Stimme berauben.

Ich sage es hier zum x-ten mal, ich verdamme die Attentate von Paris. Ich bin gegen den Terrorismus. Auch wenn das selbstverständlich erscheint, musst du es als Muslim immer wieder wiederholen. Sie wissen ja eh schon, dass alle Terroristen Muslime waren, nur dass das für 98.6% von ihnen nicht der Fall ist. Kein Scherz. Im Unterbewusstsein vieler Menschen sind Islam und Gewalt untrennbar miteinander verbunden. Ich war auf der anderen Seite: Und deshalb weiß ich, dass das grundsätzliche Wissen über den Islam nicht nur lückenhaft ist, sondern oftmals auch falsch vermittelt wird. "Wisst ihr denn irgendetwas Positives über den Islam?" Diese Frage stellte ich Studenten in Madrid, wo ich zu einer Konferenz eingeladen war. Und nein, sie wussten nichts. Soviel Ignoranz gegenüber einer Religion, die weltweit 1,5 Milliarden Anhänger zählt, sollte uns Angst machen. Doch die Mehrheit kann dafür zwischen Hijab, Niqab und Burka unterscheiden.

Der Fokus liegt immer auf Anekdotischem. Auf all diesen Dingen, die uns an der dichotomischen Sichtweise auf unsere Welt festhalten lassen: Bikini oder Burka, mit mir oder gegen mich, #JesuisCharlie oder#JenesuispasCharlie. Wir bestehen darauf, das unter den Tisch fallen zu lassen, was uns vereint. Stattdessen konzentrieren wir uns lieber darauf, uns selbst in den Vordergrund zu rücken. Und dafür reduzieren wir den Islam auf eine homogene Sache. Heutzutage sind wir bei einer Art Hyper-Reduzierung des Islam angekommen. Poetisch. Die spanische Tageszeitung El Mundo titelte: "Die muslimische Straße reagiert auf die Titelseite" [von Charlie Hebdo, die den Propheten erneut abbildete; A.d.R.]. Die 'alte muslimische Welt' passt nun plötzlich in eine Straße. Unterdessen veröffentlichte die spanische Tageszeitung El País eine Fotogalerie mit 11 Bildern namens "Proteste in der arabischen Welt für Charlie Hebdo" - nur dass 6 Bilder davon in Pakistan aufgenommen wurden.

Vor einigen Tagen kochte in Spanien auch eine Debatte darüber hoch, ob es doppelte Standards in puncto Pressefreiheit gäbe. Das war noch vor der Festnahme des französischen Comedian Dieudonné, der auf Facebook gepostet hatte: "Ich fühle mich wie Charlie Coulibaly". Es wurde diskutiert, ob diejenigen, die Respekt für den Propheten Mohammed einfordern, dies ebenso für den Papst, Juden oder den König tun würden.

Vor diesem Hintergrund sind die Events aus dem Jahr 2006 relevant, als das spanische Satiremagazin El Jueves aufgrund des Delikts 'Monarchiebeleidigung' gerichtlich beschlagnahmt wurde. Die Titelseite zeigte eine Karikatur des Prinzenpaars von Asturien (heute König und Königin) in einer expliziten sexuellen Pose. Viele haben mich als jemanden, der gegen die freie Meinungsäußerung sei, stigmatisiert - auch für was in Paris passiert ist. Das ist immer das Problem mit Dualismus und Vorurteilen; da ich Muslimin bin, muss ich folglich auch auf diese Art denken - falls mich die Männer in meiner Entourage lassen, würden sie sicher auch hinzufügen.

Wenn Menschen sagten, sie sind nicht Charlie, um zu demonstrieren, dass sie mit dessen Inhalten nicht unbedingt übereinstimmen, werden sie sofort als Terroristen gelabelt. Es gibt keine Grauzonen. Es scheint in zu sein, den Islam zu dissen, um seine eigenen Überzeugungen zu begründen. In diesen Tagen habe ich Artikel über Wahhabismus gelsen, die versuchen zu erklären, dass dieser die Krankheit des Islam repräsentiert. Danke, ich schreie das seit Jahren in die Welt hinaus.

Die Pariser Terroristen waren Franzosen und Muslime, doch lieber wird ihre französische Staatsbürgerschaft in den Hintergrund gespielt und dafür auf ihre Identität als Muslime eingegangen. Said Kouachi war 12 Jahre alt, sein Bruder Cherif 10, als sie als Waisen in ein Kinderheim der Claude Pompidou Foundation unter Vormundschaft der Republik geschickt wurden, erklärt Eloïse Lebourg in Reporterre.

Die Kinder französischer Einwanderer haben auch Voltaire, Rousseau oder Montesquieu gelesen. Wie mein Kollege Ahmed Benchemsi, Gründer der Wochenzeitung Telquel, sagt: Es gibt keinen Grund zu glauben, dass diese Menschen empfänglicher für derartige Ideen sind als Franzosen ohne Migrationshintergrund. Doch nur eine Handvoll Menschen spricht über gescheiterte Öffentlichkeitspolitik.

Frankreich wird ein neues Fach namens 'Moralische und bürgerliche Erziehung' (in Deutschland etwa: Ethikunterricht) in der Schule einführen. Ich denke, dass Erziehung zu bestimmten Werten auf jeden Fall Teil der Lösung ist. Aber in Spanien ist die religiöse Freiheit eingeschränkt, zum Beispiel dürfen Mädchen, die ein Kopftuch tragen, u.a. nicht dem Unterricht beiwohnen. Doch das ist ein anderes Thema und eine lange Debatte.

Radikaler Islam ist gefährlich, ebenso wie radikaler Laizismus. In meinem Heimatland Spanien, einem Land, das laut Verfassung nicht mehr konfessionsgebunden ist und alle Religionen berücksichtigt, werden trotzdem Verdienstorden an die Heilige Jungfrau verliehen. Ja, das ist tatsächlich passiert. Die Übereinkommen aus dem Jahr 1992 zum Schutz religiöser Minderheiten sind praktisch wertlos.

Auch wenn ich kein großer Fan bin, stören mich die Karikaturen von Charlie Hebdo nicht. Ich wäre deshalb nie gewalttätig, nur weil ich anders erzogen wurde und weil der Prophet sich nie so verhalten hätte. Die Karikaturen machen mich nicht wütend. Und ganz ehrlich, ich fand das 'Alles ist vergeben'-Cover in der Woche nach den Attentaten großartig.

Die Sache mit den Bildern ist im Islam ungefähr genau so nebensächlich wie das Kopftuch, das nur in zwei Zeilen des Korans erwähnt wird. Ich bin empört, dass Menschn im Namen meines Glaubens töten, dass ihre Stimmen diejenigen sind, die schlussendlich gehört werden. Dass mir nicht auf die gleiche Art und Weise Beachtung geschenkt wird, weil ich Muslima bin. Und dass ich, während ich versuche gegen Vorurteile zu kämpfen, Freunde und Jobmöglichkeiten verliere - in diesem achso freien Europa mit seinen westlichen Werten.