Radball: Fußball auf zwei Rädern

Artikel veröffentlicht am 25. August 2015
Artikel veröffentlicht am 25. August 2015

Während eines Deutschland-Aufenthalts hatten wir eine unerwartete Begegnung: mit dem Radball. Gedanken eines Italieners zu dieser Art Fußball aus dem Fahrradsattel.

Die Spannung ist die gleiche, die wir schon vor so vielen Fußballspielen erlebt haben. In Erwartung der Herausforderung trinkt man ein Glas Bier und tauscht ein paar Prognosen zum Spielergebnis aus, während die Sportler sich aufwärmen und die Seitenbanner aufgebaut werden. Dann der Einlauf der Spieler, der Schiedsrichter, der Ball und die... Fahrräder. Das Publikum feuert seine Mannschaft an, der Startpfiff ertönt und man sieht die ersten Ballwechsel auf dem Spielfeld: akrobatische Wendungen, große Geschicklichkeit und ungestüme Zweikämpfe.  

Entdeckung des Radballs

Wir können das erste Tor kaum erwarten, das hoffentlich die Heimmannschaft schießt (natürlich feuern wir sie an, um die Gastfreundschaft zu erwidern). Das Spieltempo ist rasant, der Ball fliegt von einer Seite zur anderen. Es gibt zwar einen Ball, aber wir sprechen hier nicht von Basketball, Volleyball, Handball, Wasserball oder einem anderen klassischen Ballsport. Im Mittelpunkt stehen eindeutig die Fahrräder: wir sind bei einem Radballspiel.

Wir befinden uns in Hahndorf, das zu Goslar in Niedersachsen gehört, eine Autostunde von Hannover und Wolfsburg entfernt. Wir sind nicht extra für dieses Spiel hierhergekommen, sondern waren im Urlaub in der Gegend. Aber als man uns vorschlägt, eine uns unbekannte, aber hier weitverbreitete Sportart zu entdecken und ein internationales Turnier mit den besten Mannschaften zu verfolgen, werden wir natürlich neugierig und ändern unser Programm.

Und so finden wir uns in einer Sporthalle wieder und feuern den R.C. Germania Hahndorf an, eine Mannschaft, die schon alle Titel in dieser Disziplin geholt hat und hier auf eine Schweizer Mannschaft trifft.

Die Freude am Staunen

Radball ist eine Disziplin, die es seit 1893 gibt und deren erste Weltmeisterschaft 1929 stattfand. Im Jahr 1951 hat hat der Sport seinen Weg nach Italien gefunden, als in Mailand sogar die Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Davon abgesehen (jedenfalls laut Google) hat dieser Sport südlich der Alpen keine großen Spuren hinterlassen.

Zwei Radballspieler beim Training (Equinox Wheels/You Tube)

Radball wurde von dem Deutsch-Amerikaner Nicholas Eward Kaufmann erfunden und ist vor allem in Mitteleuropa bekannt: in Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Tschechischen Republik, Frankreich und Belgien, aber auch in Dänemark, Japan und Russland. Es gibt zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem Fußball, auch wenn das Spielfeld kleiner ist und vor allem Indoor gespielt wird.

Das Spielkonzept und die Atmosphäre der Sporthalle erinnern eher an die hohen Geschwindigkeiten beim Basket- oder Handball, mit einzelnen Spielzeiten die jeweils 7 Minuten dauern. Und natürlich wird auf speziellen Fahrrädern gespielt. Sie sind besonders leicht und handlich, haben einen verlängerten Lenker, der es ermöglicht, das Vorderrad wie eine Art Hockeyschläger zu benutzen. Es wird gedribbelt, geschossen, gehalten - alles mit den Reifen der Fahrräder.

An dieser Stelle sollten wir euch eigentlich als gute Sportreporter einige Informationen zum Spielverlauf in Hahndorf liefern. Aber die Einzelheiten des Spiels entgleiten uns schnell, während wir ein paar Fotos schießen und uns mit den Leuten vor Ort unterhalten. Was uns aber am meisten beeindruckt ist die Tatsache, dass wir in Zeiten des globalisierten und kommerziell vermarkteten Sports  mitten in Europa die Möglichkeit finden, uns noch von einer Sportart begeistern zu lassen, die anderswo nahezu unbekannt ist. Hier in Deutschland wird sie aber mit Leidenschaft und Stolz verfolgt. Oder ist zumindest ein angenehmer Zeitvertreib. Gutes Gefühl!