Quer durch europa

Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2014

L’escale und Eastern Boys beim Crossing EuropeFilmfestival in L’escale und Eastern Boys beim Crossing EuropeFilmfestival in Linz

Cros­sing Eu­ro­pe, der Name des Fes­ti­vals, das nun schon seit elf Jah­ren im Lin­zer Kul­tur­quar­tier ver­an­stal­tet wird, steht nicht nur für die Film­aus­wahl, die sich auf eu­ro­päi­sche Pro­duk­tio­nen kon­zen­triert. Er ver­weist auch auf die The­men, die in den ge­zeig­ten Do­ku­men­ta­tio­nen, Spiel- und Kurz­fil­men auf­ge­grif­fen wer­den.

Dabei geht es oft um Mi­gran­ten, die nach Eu­ro­pa kom­men, ihm den Rü­cken keh­ren oder nur eine Zeit­lang dort ar­bei­ten, um in ihrer Hei­mat etwas Neues auf­zu­bau­en. Ju­dith Be­ne­dikt folgt sol­chen Le­bens­we­gen zwi­schen Ös­ter­reich und China in der er­hel­len­den und amü­san­ten Do­ku­men­ta­ti­on China Re­ver­se.

Die an­de­re Seite der Mi­gra­ti­on zeigt Kaveh Bakhtia­ri, ein Ira­ner, der seit frü­her Kind­heit in der Schweiz lebt, in L’esca­le/Stop-over, sei­nem ers­ten Lang­film. Die­ser be­glei­tet Bakhtia­ris Cou­sin Mohsa, der mit an­de­ren il­le­gal ein­ge­wan­der­ten Ira­nern in Athen auf eine Mög­lich­keit zur Wei­ter­rei­se nach West­eu­ro­pa war­tet. Auf engs­tem Raum ho­cken die Män­ner (und eine Frau) in einer Woh­nung zu­sam­men, auf der Stra­ße droht ihnen die Ver­haf­tung, falls sie in eine Po­li­zei­kon­trol­le ge­ra­ten. Die Rück­kehr in den Iran ist eben­so per­spek­tiv­los, weil es dort auch keine Ar­beit für die Ge­stran­de­ten gibt.

VON WILL­KÜR BE­STIMM­TE SCHICK­SA­LE

Also wan­dern sie durch Athen, immer auf der Hut vor der Po­li­zei. Die Ka­me­ra folgt ihnen auf dem Fuße und wird nur aus­ge­schal­tet, als der Re­gis­seur sei­nen Cou­sin aus der Un­ter­su­chungs­haft holt. Man sieht die Män­ner beim Essen und Schla­fen, beim Kung-Fu mit „Bruce Lee“ Hamid und beim Te­le­fo­nie­ren mit der Fa­mi­lie im Iran. Da­zwi­schen er­zäh­len sie von ihren Plä­nen und Träu­men (aber nie von der Ver­gan­gen­heit), be­ob­ach­ten die Flucht­ver­su­che an­de­rer Il­le­ga­ler am Fähr­ha­fen und ver­su­chen, für ihren „rosa Schein“ (Auf­ent­halts­be­wil­li­gung) einen Stem­pel zu be­kom­men. Vor allem aber wird ge­war­tet: auf Geld, auf einen neuen Pass oder auf den Anruf eines Schlep­pers.

Auch wenn das stän­di­ge „Auf­ein­an­der­kle­ben“ der Mit­be­woh­ner zu Streit und Kämp­fen führt, scheint ihr Zu­sam­men­halt oft der ein­zi­ge Aus­weg zu sein. Es geht darum, sich Mut zu ma­chen vor der Fahrt in Un­ge­wis­se, und Heim­weh und Angst mit Humor zu neh­men. Bei­spiel­haft dafür steht Mohsa selbst, oder viel­mehr sein lin­ker Mund­win­kel, der wegen eines Un­falls in sei­ner Kind­heit immer leicht nach oben ge­zo­gen ist. Selbst wenn Mohsa weint, scheint er zu lä­cheln.

Aber Humor hilft nicht gegen die Macht­lo­sig­keit der Mi­gran­ten, wie ein an­de­rer, zu­ge­näh­ter Mund zeigt. „Bruce Lee“ Hamid, der seit fünf Jah­ren in Athen fest­sitzt, weiß sich nur noch durch einen Hun­ger­streik zu hel­fen und über­lebt nur durch die Hilfe sei­ner Freun­de bis die UNHCR ihm schließ­lich einen Pass aus­stellt. Am Ende ent­schei­den die Will­kür an­de­rer und der Zu­fall über das Schick­sal der Män­ner. Viel­leicht schaf­fen sie es, viel­leicht auch nicht.

QUEE­RE GE­NE­RA­TIO­NEN- UND KLAS­SEN­KON­FLIK­TE

Auch Robin Cam­pil­los Eas­tern Boys han­delt vom Zu­fall und von Mi­gran­ten, die in einer gro­ßen Stadt – in die­sem Fall Paris – ge­stran­det sind. Wie­der sind es junge Män­ner, die per­spek­ti­ven­los auf ir­gend­et­was war­ten und sich die Zeit am Gare du Nord ver­trei­ben. Dort wer­den sie von Da­ni­el ge­se­hen, einem etwa Fünf­zig­jäh­ri­gen, der an einem der Ju­gend­li­chen, Marek, be­son­de­ren Ge­fal­len fin­det und sich für be­zahl­ten Sex mit ihm ver­ab­re­det.

Die naive Ver­ein­ba­rung führt zu einem Ge­ne­ra­tio­nen- und Klas­sen­kon­flikt glei­cher­ma­ßen, in dem der wohl­ha­ben­de Fran­zo­se den bru­ta­len Re­geln und Um­gangs­for­men von Mar­kes Freun­den aus­ge­lie­fert ist. Doch Eas­tern Boys ver­liert sich nicht in kri­mi­na­li­sie­ren­den Ver­all­ge­mei­ne­run­gen. Da­ni­el und Marek tref­fen sich trotz des Drucks, den „Boss“, der An­füh­rer der Cli­que, auf den jun­gen Mann aus­übt. Zu­erst nur für Sex, spä­ter auch für ver­trau­te Ge­sprä­che.

Über den al­tern­den Fran­zo­sen, der sich lang­sam vom Lieb­ha­ber zur Va­ter­fi­gur wan­delt, ent­kommt Marek schließ­lich der Iso­la­ti­on und Re­pres­si­on sei­ner „Freun­de“ – wenn auch nur knapp. Für die an­de­ren Il­le­ga­len endet der Kon­flikt in Ver­zweif­lung und Hass auf den Ge­flo­he­nen. So endet der Film in Aus­weg­lo­sig­keit und Hoff­nung zu­gleich, ein Spie­gel für Rea­li­tä­ten und Träu­me von Mi­gran­ten.

L’esca­le/Stop-over (Kaveh Bakhtia­ri, CH/F 2013)

Eas­tern Boys (Robin Cam­pil­lo, FR 2013)

China Re­ver­se (Ju­dith Be­ne­dikt, AT 2014)