Québec: Verfluchte Franzosen!

Artikel veröffentlicht am 6. August 2013
Artikel veröffentlicht am 6. August 2013

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Kanada ist als einwanderungsfreundliches Land bekannt. Doch Montréal, die Metropole in Québec, ist anders. Die Stadt, die zwischen zwei anglophonen Einflussgebieten liegt, verteidigt seit jeher die Frankophonie, das Schlüsselelement der lokalen Kultur. Und alle Frankophonen werden von ihr mit offenen Armen empfangen. Aber wird diese Großzügigkeit von den französischen Immigranten erwidert?

Ein eldorado für junge Franzosen

Ein Eldorado für junge Franzosen

Franzosen spielen dort eine besondere Rolle. Zum einen, weil Québec und Frankreich sich gegenseitig schätzen (wir erinnern und an das berühmte „Vive le Québec libre!“ von de Gaulle). Zum anderen, weil die schöne Provinz ein Eldorado für junge Französinnen und Franzosen ist, die auswandern wollen, ohne mit Sprachbarrieren kämpfen zu müssen. Im Jahr 2012 haben 6.750 junge Leute die PVT (permis vacances travail) genutzt, ein 1 Jahr gültiges Langzeitvisum, mit dem das Arbeiten im Ausland erlaubt ist und das verlängert werden kann, allerdings nicht ohne einen hohen bürokratischen Aufwand. Insgesamt leben etwa 150.000 Franzosen in Kanada. Ivan, 29, aus Paris wohnt seit  anderthalb Jahren in Montréal: „Das Leben hier ist süß,“ fasst er zusammen. Sarah, seine Freundin, ebenfalls Französin, fügt hinzu: „Es dreht sich nicht alles um die Arbeit. Das Familienleben spielt hier genauso eine Rolle.“ Und sie ergänzt: „Manche Leute weinen gewissen sozialen Errungenschaften nach, aber die Dynamik der Arbeitswelt gleicht diese Nachteile aus.“ Die zwei einigen sich darauf, dass ihr Lebensstandard in Montréal höher ist als in Frankreich.

Wie Siedler auf erobertem Terrain

Doch trotz dieses historischen Einvernehmens entwickeln sich mittlerweile gewisse Ressentiments gegenüber den Französinnen und Franzosen, die nach Québec ziehen. Woran das liegt? Sie verhalten sich wie moderne Siedler, die in einem eroberten Gebiet landen und den Ort wie einen französischen Annex behandeln. Doch die Québécois haben ein recht kompliziertes Verhältnis zu ihrer eigenen Identität. Sie sind hin- und hergerissen zwischen den Franzosen, die sie nicht anerkennen, und den Anglophonen, die zunehmend an Einfluss gewinnen. Die Tatsache, dass sie von französischen Siedlern abstammen, die die damaligen Ureinwohner dezimiert haben, macht es nicht besser. Ein weiterer Aspekt der Invasion: Manche Viertel sind mittlerweile kaum mehr zugänglich, weil die neuangekommenen französischen Migranten Mieten akzeptiert haben, die weit über dem Marktpreis liegen. Julien aus Montréal hat seit langem auf den Straßen seiner Stadt mit Franzosen zu tun, doch er stellt „eine Art Ghettobildung“ fest. „Sie müssten mehr mit Québécois in Kontakt kommen. […] Aber bei wem liegt die Schuld?“

Sinnlos, sich hinter Rousseau zu verstecken, auch für dich ist Québec doch nur ein französischer Annex!

Die französische Sprache: Das letzte Bollwerk der Identität québecs

Außerdem ist es schwierig, mitten in Nordamerika als eigenes, frankophones Volk wahrgenommen zu werden. Die französische Sprache wird daher zu einem der letzten Bollwerke ihrer Identität und zu einem Erbe, das es mit Leib und Seele zu verteidigen gilt. Das Französisch, das dort gesprochen wird, ist übrigens enger mit den historischen Wurzeln der Sprache verwandt als das europäische Französisch. Wenn dann ein Neuankömmling es wagt, seinen Gastgeber linguistisch zurechtzuweisen, ist es nur allzu verständlich, dass dieser beleidigt ist. Manche Französinnen und Franzosen haben die Tatsache nicht gut verdaut, dass in Québec sie es sind, die seltsam und mit Akzent sprechen! Von daher ist es nicht verwunderlich, dass man ständig die Aussage hört, die Franzosen seien Chauvinisten. Julien hat außerdem schon oft den Satz gehört „Ah, diese verfluchten Franzosen! Sie glauben wohl, sie hätten alles erfunden!“ Schließlich sind die Siedler von heute denen von gestern sehr ähnlich... auch sie sind Franzosen!

Franzosen im Ausland: ein unverschämtes Auftreten

An und für sich ist es kein Problem, dass es viele Französinnen und Franzosen in Montréal gibt. Das Problem entsteht erst aufgrund des ignoranten Verhaltens einiger, aus ihrem ablehnenden und beleidigenden Auftreten gegenüber Québec und seiner Kultur. Sarah kommentiert: „Die neuangekommenen Franzosen sind nicht zurückhaltend genug!“ und macht sich über die „alten stolzen Hähne“ lustig. Diese Beobachtungen spiegeln einen Brief des französischen Konsuls in Australien von vor einigen Wochen wider, in dem dieser das unverschämte Verhalten französischer Rucksacktouristen anprangert, die keinerlei Respekt für das Land zeigten, das sie besuchen. Leiden wir derzeit etwa an einem Höflichkeitsmangel und sind ängstlich darauf bedacht, uns auf diese Weise durchzusetzen? Ruhen wir uns auf den Lorbeeren unseres ehemaligen guten Rufs als kultiviertes Volk der Bonvivants und Romantiker aus? Ist dies vielleicht nur eine neue Form des Kolonialismus in Form einer snobistischen und  spießigen Einstellung?

Das Ziel: Der kulturelle Austausch

Aber zum Glück sind nicht alle so. Aufgrund ihres Ausbildungsniveaus gelten Französinnen und Franzosen als arbeitsam und effizient. Und trotz allem gibt es Neuankömmlinge, die sich bemühen, die Funktionsweise dieser Gesellschaft zu verstehen und sich für die Grundlagen einer Kultur interessieren, die mit Frankreich die Sprache gemeinsam hat. Viele versuchen, das für sie neue Wertesystem zu integrieren. Sie leben eine echte Dynamik des kulturellen Austauschs. Genau das ist eins der Ziele von Programmen wie der PVT. Also, Schluss jetzt mit den Dummheiten, reißen wir uns zusammen!