Quebec: Eldorado für Frankreichs Jobeinsteiger

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2009
Nach London ist Quebec das neue Eldorado für Franzosen, die Jobs oder Abenteuer suchen. Wir haben sechs Auswanderer begleitet und sie nach ihren Hoffnungen, Wünschen und Ängsten befragt. Ein Live-Bericht aus Kanada.

Zeitgeist oder Modephänomen? „Momentan scheint alle Welt nach Quebec zu ziehen“, meint Anouk. Sie ist im letzten Sommer in Montreal gelandet, zusammen mit ihrem Freund Nicolas und mit Anne-Sophie und Guillaume, einem befreundeten französischen Pärchen. Die junge Frau ist 26 Jahre alt, hat ein Diplom in Kommunikation und ist gekommen, um die Reihen der bisher schon 150 000 Franzosen zu füllen, die aktuell in Kanada leben. Allein in Quebec sind es schon etwa 100 000.

©sabriirmak/flickrFür Anouk und ihre Freunde ist dieser Umzug „eine wirkliche Lebensentscheidung“. Der Zufall hatte seine Hand jedenfalls nicht im Spiel, als die vier sich entschieden, „zumindest eine Zeit lang“ ihre Zelte in der französischsprachigen Provinz Quebec aufzuschlagen. Die kanadische Arbeitsgenehmigung für Zeitarbeiter (PVT) hatten sie da schon in der Tasche. „Im Gegenteil“, unterstreicht der 26-jährige Nicolas. Er sieht seine Umsiedlung nach Kanada als eine „echte Chance - persönlich und beruflich“. Nicolas spricht gern und viel von der Lebensqualität, die ihn in jenseits des Atlantiks erwartet. Der wirtschaftliche Reichtum Kanadas und vor allem der Provinz Quebec hat gerade in Krisenzeiten zu seiner Entscheidung beigetragen. „Kanada ist das letzte Land, das in die Rezension gerutscht ist und das erste, in dem es wieder aufwärts geht“, zitiert Nicolas die Worte des kanadischen Premierministers Stephen Harper.

In einem OECD-Bericht von Ende 2008 nahm Kanada mit seinem Arbeitsmarkt für junge Menschen einen Spitzenplatz ein. Wen wundert es daher, dass ein solches Land einen jungen Webprojekt-Leiter anzieht, der 2008 auf dem Tiefpunkt der Krise arbeitslos wurde? Ähnlich geht es Anne-Sophie, ebenfalls 26, die nach dem Ende ihres Kommunikationsstudiums vor zwei Jahren in Paris bisher keine Arbeit, sondern immer nur schlecht bezahlte Praktika gefunden hatte.

Flucht aus der Krise

Es fehlt an qualifizierten Arbeitskräften: Wegen der alternden Bevölkerung müssen bis 2012 etwa 700 000 Arbeitsplätze neu besetzt werden.

Aus Sicht der frisch gebackenen Auswanderer ist es in der aktuellen Situation also eine kluge Wahl zu emigrieren. Ihnen ist bewusst, dass sie in einer Provinz wie Quebec als Franzosen nur Vorteile haben können. Die ehemalige Kolonie Neufrankreich verteidigt im englischsprachigen Kanada ihre sprachliche und kulturelle Besonderheit. Aber es fehlt an qualifizierten Arbeitskräften: Wegen der alternden Bevölkerung müssen bis 2012 etwa 700 000 Arbeitsplätze neu besetzt werden. Quebec empfängt seine Einwanderer daher mit offenen Armen, allen voran natürlich die Franzosen. Seit im Oktober 2008 ein Abkommen zwischen Frankreich und Quebec geschlossen wurde, ist der Austausch von Arbeitnehmern und Studenten deutlich einfacher geworden: Schon bald sollen Kompetenzen und Diplome diesseits und jenseits des Atlantiks offiziell anerkannt werden. Für die Abenteurer, die von der Wirtschaftsflaute und depressiver Stimmung in ihrem Heimatland genervt sind, kommt ein solches Abkommen wir gerufen. 

©Michael McDonough/flickr

Für Claire und Pierre ist die Jobfrage fast nebensächlich. Als sie im letzten Juli ihre Koffer packten, hatten beiden eine gute Arbeit und lebten in einer Stadt, Poitiers, die ihnen gefiel. Für das Paar in den Dreißigern bietet Quebec vor allem Lebensqualität: Man lebt in Nordamerika, kann trotzdem ungestört Französisch sprechen und hat vor allem viel Platz. Ähnlich geht es auch Anouk, die sich für die wirtschaftlichen Vorteile nicht besonders interessiert. Ihren unbefristeten Arbeitsvertrag in einem Pariser Internet-Reisebüro hat sie im letzten Frühjahr aufgegeben, um „ein Abenteuer zu erleben“, „den Horizont zu erweitern“ und „den angelsächsischen way-of-live kennen zu lernen“.

„Ein Jahr geht schnell vorbei“

Auch mit einem Koffer voller Diplome kann man nicht einfach einwandern, wann und wie man möchte.

Doch der wirkliche Alltag scheint ein bisschen komplizierter zu sein als es das idyllische Porträt einer dynamischen und gastlichen Provinz vermuten lässt. Auch mit einem Koffer voller Diplome kann man nicht einfach einwandern, wann und wie man möchte und nicht einfach bleiben, solange man möchte. Wer auf eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hofft, muss einen ziemlich langen und steinigen Weg zurücklegen. Claire und ihr Freund mussten dafür erst einmal drei Jahre Papierkram über sich ergehen lassen. „Man sollte wirklich motiviert sein und die Spielregeln akzeptieren“, geben sie zu. Doch selbst nach diesen langwierigen Prozeduren ist ein Job vor Ort nicht garantiert. Pierre, der sportlich ist und gerne werkelt, hat recht schnell einen Job in einem Fahrradladen gefunden. Claire dagegen ist auch drei Monate nach ihrer Ankunft noch auf der Suche.

Wen es abschreckt, monatelang kiloweise Formulare auszufüllen, kann sich für eines der vielen Mobilitätsprogramme bewerben, die Zeitarbeiter nach Quebec holen. In den vergangenen zwei Jahren ist die Nachfrage für diese Programme fast explodiert. Schließlich bekommt man damit schon nach etwa drei Monaten eine Arbeitserlaubnis. Im Jahr 2007 wurden 7582 befristete Arbeitgenehmigungen in Kanada ausgestellt, 2008 waren es schon 9098. Tendenz steigend im Jahr 2009, für das die Zahlen noch nicht feststehen.

©diluvienne/flickrMit dem PVT darf man ein Jahr lang in Kanada arbeiten, aber schwierig kann es trotzdem werden: „Ein Jahr geht schnell vorbei“, meint Anne-Sophie. „Es ist nicht einfach, einen Arbeitgeber davon zu überzeugen, für eine so kurze Zeitspanne einen Mitarbeiter einzustellen. Vor allem in Führungspositionen.“ Eine große Anzahl von Berufen (Ingenieure, Anwälte, Ärzte, Krankenschwestern, Architekten) ist bisher noch weitgehend auf den lokalen Arbeitsmarkt beschränkt. Als Einwanderer fängt man also mit Gelegenheitsjobs an und klappert die verschiedenen Organisationen ab, die Hilfe bei der Arbeitssuche anbieten. In der Hoffnung, dass sich bald etwas Besseres ergibt: „Die Provinz Quebec tut alles, um uns so gut wie möglich aufzunehmen und zu helfen“, ergänzt Anne-Sophie. Sie gibt aber zu, dass diese Hilfe nicht immer ausreichend ist: „Hier läuft doch auch alles nur über Beziehungen“, stellt sie fest.

Der Traumjob

Die erste Bilanz ist also gemischt, aber auch „wirklich anregend“, wie Nicolas betont. Denn auf den mühsamen Anfang folgte für ihn und für Anne-Sophie doch der „Traumjob“, bei dem sie Verantwortung übernehmen „wie es in Frankreich nie möglich gewesen wäre“. Und auch die Lebensqualität in Quebec enttäuscht ihre Erwartungen nicht: Eine Wohnung zu Schleuderpreisen (750 Euro im Durchschnitt für 60 Quadratmeter im Herzen von Montreal), Restaurants und Bars für jeden Geldbeutel. Man kann viel Zeit im Freien verbringen, wenn auch bei -30°C, öffentliche Schwimmbäder und Musikfestivals sind gratis. Jeder scheint hier auf seine Kosten zu kommen. Und wenn der nordamerikanische Nachbar freundlich darauf hinweist, dass man seinen Müll auf der Straße hat stehen lassen, loben die französischen Einwanderer die „pädagogische Maßnahme“. Der Kontakt mit den Eingeborenen dürfte also nicht allzu schwierig sein, auch wenn sie „ein bisschen unzugänglich“ erscheinen. Momentan jedenfalls wird nicht an Rückkehr gedacht, auch wenn alle wissen, dass es nicht einfach sein wird, zu bleiben. Jetzt kommt erstmal der Winter. Dass er unsere Einwanderer nicht gerade mild empfangen wird, ist sicher.