'Pussy Days' in Warschau: Großes Tabu für kleines Wort

Artikel veröffentlicht am 9. April 2010
Artikel veröffentlicht am 9. April 2010
Polen surft auf der Feminismuswelle. Nach einer SROM-Plakatkampagne, die den Preis für eine pharmazeutische Abtreibung in Großbritannien in den Straßen von Warschau bekannt machte, ziehen nun auch die Organisationen UFA und die Feministische Guerilla mit den polnischen Pussy Days ins Feld, die im April 2010 zum ersten Mal in Warschau organisiert werden.
Auf dem Programm: Vernissagen, Filmvorführungen, Bildhauer- und Vagina-Workshops.

cafebabel.com: Vagina-Workshops?

Agnieszka Weseli (eine der Mitbegründerinnen von UFA): In der Tat, obwohl wir noch nicht genau wissen, wie sich diese gestalten werden. Die polnische Sexualwissenschaftlerin Alicja Długołęcka, die die Kurse anleiten wird, versucht schon seit geraumer Zeit solche Aktionen zu organisieren. Ihren ersten Versuch startete sie 2007. Aber das soziale Klima für solche Aktionsformen war damals nicht besonders günstig. Als die wenigen Interessierten ihre Erwartungen ausdrücken sollten, sagten sie, dass sie sich auf keinen Fall ausziehen und schon gar nicht über ihre Scheide sprechen würden. Deshalb wurde aus den geplanten Workshops dann lediglich eine Konferenz. Das offensichtliche Interesse für die diesjährigen Workshops lässt uns hoffen, dass sie sich 2010 ganz anders entwickeln können.

cafebabel.com: Woher kam die Idee, Pussy Days in Polen zu organisieren?

Cipkogramy: Graphiken zum Motto der "Pussy Days"Boyówki Feministyczne*: Zwei aktuelle Ereignisse haben uns inspiriert. Wir haben auf Facebook eine Seite mit dem Titel Sag mir, wie du heißt entdeckt, ein Forum, das nach neuen Begriffen für die Vagina sucht. Außerdem hat Zachęta (eines der Zentren für Moderne Kunst in Warschau, A.d.R.) am 20. März 2010 seine Ausstellung Płeć? Sprawdzam! (Gender? Ausgecheckt!) eröffnet. Aber vor allem stehen wir feministischen Sichtweisen sehr nahe. Wir fühlen uns in der Pflicht zu handeln und die Interessen der Frauen zu unterstützen.

Agnieszka Weseli: Ganz allgemein sind wir an der Thematik der Sexualität interessiert, das schließt auch die nicht-normative Sexualität ein - homosexuell, transsexuell oder queer. Aber dieses Mal wollten wir ein Event organisieren, dessen Hauptdarstellerin tatsächlich die Vagina ist.

cafebabel.com: Habt ihr euch auch von Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern inspirieren lassen?

Agnieszka Weseli: Auf Initiative der Organisation V-Days (V - vom englischen Wort vagina) begann eine Amerikanerin, Eve Ensler, mit ihrem Stück Vagina-Monologe durch die Welt zu reisen.

Boyówki Feministyczne: Und wir glauben ganz einfach, dass die polnische Gesellschaft auf diesem Gebiet großen Informationsbedarf hat.

cafebabel.com: Warum habt ihr Pussy Days, eine so provokative Bezeichnung gewählt? Riskiert ihr nicht, auf diese Weise potentielle Gäste zu verschrecken?

Boyówki Feministyczne: Diese subversive Dimension weckt auf jeden Fall die Fantasie und das Interesse, das schließt auch die Medien ein, die sich, so scheint es, mit uns verbündet haben, und kräftig die Werbetrommel rühren. Ich weiß aber nicht, ob der Name subversiv ist oder ob es einfach unmöglich ist, eine passende Bezeichnung für die betreffenden weiblichen Organe zu finden. Entweder verwendet man pornographisch konnotierte Bezeichnungen oder man nutzt medizinische Begriffe wie Vulva oder Vagina. Zusätzlich könnte man noch die kindlichen Ausdrücke anführen, die Jugendliche oder Partner in intimen Situationen nutzen, wie Pflaume oder kleine Blume. Möglicherweise wäre sowieso jede Bezeichnung, die man hätte für das Event auswählen können, als subversiv bezeichnet worden.

Agnieszka Weseli: Pussy Days - das ist kein subversiver Name!

cafebabel.com: Auf Eurer Eventseite habt ihr trotzdem zugegeben, dass ihr das Wort Pussy enttabuisieren wollt...

Agnieszka Weseli: Wir wissen, dass das Wort Pussy oft als anstößig betrachtet wird. Doch dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Obwohl es den Anschein hat, wollten wir keine Kontroverse auslösen. Wäre das unser Ziel gewesen, hätten wir eher etwas wie Tage der bissigen Mösen als Eventnamen ausgewählt.

Boyówki Feministyczne: Man muss auch anerkennen, dass inmitten der Informationsflut und der Masse an Ereignissen, die in Warschau passieren, der Schock ein sehr effizientes Mittel ist. Indem wir schockieren, wollen wir die Diskussion anregen und die Emotionen befreien, die die Basis hin zu einer Veränderung der bisherigen Einstellung sind. Es gibt kein anderes Mittel, um sich in den Köpfen der Menschen zu verankern. In meinen Augen ist „Muschi“ weder ein vulgäres, noch ein pornographisch gefärbtes Wort. Trotzdem finden es die Leute beschämend. Woher kommt solch ein großes Tabu für so ein kleines Wort?

Die polnische Gesellschaft hat auch heute noch ein Problem mit ihrer Sexualität, in der sie immer noch kein Vergnügen finden kann. Wir nehmen Sex immer noch als Akt des verpflichtenden Beischlafs war, als Mittel zur Zeugung von Nachkommen oder als Gabe Gottes, die man nicht besudeln darf. Das ist der Druck der katholischen Moral, die in Polen besonders verwurzelt ist. Sie wurde in der Zeit der Volksrepublik Polen geprägt, als die Kirche die Stütze der nationalen Identität und moralischer Prinzipien war. Hinzu kommt, dass auch der kommunistische Moralismus sehr restriktiv war. Und vergessen wir nicht, dass die Polen, die durch den Eisernen Vorhang vom Westen getrennt waren, keine Möglichkeit hatten, ihre sexuelle Revolution zu leben. Das konnte erst 1989, in einer beschleunigten Version geschehen. Kurzum, bis heute bleibt das Thema weibliche Sexualität problematisch. Deshalb werten manche Menschen die Pussy Days als exzessive Demonstration der Unabhängigkeit der Frauen ab.

cafebabel.com: Wir umgeben uns auch heute noch größtenteils mit Symbolen männlicher Sexualität?

Boyówki Feministyczne: Ja, sowohl in der Sprache als auch in den Treppenhäusern, auf den Mauern oder auf den letzten Seiten unserer Hochglanzmagazine.

Agnieszka Weseli: Es wäre toll, wenn nach unseren Workshops einige Muschis mehr an den Wänden zu sehen wären. Wenn die Männlichkeit sich in der populären Kultur platzieren konnte, will ich, dass auch die Frauen ein solches Symbol haben.

cafebabel.com: Danke für das Gespräch.

Agnieszka Weseli und Boyówki Feministyczne: Die Vagina sei mit uns!

* Die Mitglieder von Boyówki Feministyczne haben darauf bestanden, ihre Antworten nicht namentlich zu signieren, weil sie die Aufmerksamkeit auf das Event und nicht auf die Personen, die es organisieren, konzentrieren wollen.

Fotos: FEMEN Ukraine ©FEMEN, Women's movement/flickr; Cipkogramy: © Beata Sosnowska