Puneet Sahani: Weltenbummler der Brustwarzen

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2011
Der notorische Reisefreak Puneet Sahani aus dem indischen Punjab gönnt sich eine Verschnaufpause in Berlin. Eigentlich ist er aber heimatlos: Über ein Jahr lang war er per Anhalter in der ganzen Welt unterwegs und sammelte vor allem „weibliche“ Erfahrungen.
Seine Eindrücke hat er in einem Reisetagebuch festgehalten, das Ende 2011 unter dem klingenden Titel My world seen through areolas (Meine Welt aus Sicht der Brustwarzen) veröffentlicht werden soll.

Puneet Sahanis Reisetagebuch My world seen through areolas ist die Krönung eines 2009 begonnenen Abenteuers, für das der gebürtige Inder seinen Job an den Nagel gehängt und an der nächsten Tankstelle den Daumen rausgestreckt hatte. „Flowing“ ist sein Stichwort – und in seinem unkonventionellen Reisebericht folgt er vor allem einem – dem weiblichen ‚Flow‘. Bei einem normalen Verleger wollte er nicht an die Tür klopfen. Sein Material könnte in falsche Hände geraten und eventuell „nicht nackt genug und zu poliert“ herüberkommen. Deshalb entschied sich der selbsternannte Hobbyautor dazu, seine Reisemitschriften in die Hände einer Seelenverwandten - Anick-Marie Bouchard - Übersetzerin der Webseite couchsurfing.org, zu geben, die Puneets Buch in seine schlussendliche Form brachte.

Puneet - The Colorful HitchhikerPuneet Sahanis wahre Liebe ist der Weg, für ihn die beste Schule des Lebens. Seine Reise ist ein Selbstfindungstrip, um sich so weit wie möglich von externen Einflüssen zu befreien und eigenen Wünschen mit mehr Leidenschaft nachzugehen. Per Anhalter durchquerte der 26-Jährige 21 Länder Europas, ohne irgendeine Landkarte oder Wegweiser. Die Reise ist für den Weltenbummler eine Begegnung mit dem Zufall. Aus dieser Philosophie heraus kam auch der Titel seines Buches zustande, in dem er keinerlei Details über die Orte, wohl aber über die Damen der Schöpfung preisgibt, mit denen er Momente, Stunden oder ganze Tage geteilt hat. Puneet versteckt weder seine überschwängliche Liebe zum anderen Geschlecht noch seinen Hang zu Provokation: Denn „man bringt die Leute nur dazu nachzudenken und so ihre wahre Persönlichkeit zu offenbaren, wenn man sie reizt“.

Abwegige Pfade und Kondome

Jede Stadt, die Puneet bereist, ist mit einem Gesicht verbunden, mit gemeinsam betrachteten Sonnenuntergängen und einem Glas Wein, das man im Vorbeigehen erstanden hatte. Der wanderlustige Inder ist nicht auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten oder vorgefertigten Touristenpfaden. Puneet versucht intensiv mit denjenigen zu leben, die Lust auf Austausch haben. Und mit denjenigen, die seine Scherze verkraften. „Wieviel Zeit ich bei jemandem bleibe? Das hängt davon ab, wie hübsch sie ist und wie viele Kondome ich bei mir habe“. Auf den schlechten Witz (eine Kunst, die er auf seinem Weg perfektioniert hat) folgt ein hysterisches Lachen. Es sei eine Frage der Wellenlänge, erklärt Puneet Sahani weiter. Er bleibe so lange, wie er sich an einem Ort wohlfühlt. Noch bevor der andere genug hat, packe er seine Sachen und mache sich wieder auf den Weg - „leicht wie eine Feder“.

Puneet - The Colorful Hitchhiker Facebook page

Während seiner Reise führte Puneet eine Art Logbuch. Sein untreuer Laptop ließ ihn in Göteborg dann plötzlich im Stich. So musste sich der indische Gulliver auf sein “Elefantengedächtnis“ verlassen und Stift und Papier zur Hand nehmen, sich das Buch wie eine Zusammenfassung von Emotionen und eine Form des Dankeschöns an all jene vorstellen, die ihm auf der Reise ein wenig Zuneigung entgegengebracht hatten und eine gemeinsame Erfahrung leben wollten. Deshalb wimmelt es in Puneets Reiseroman nur so von Rückblenden und Abschweifungen. Die Frauen der Schöpfung, die er in aller Herren Länder traf, sind eigentlich immer kompliziert. Trotzdem hat er sie den Männern vorgezogen. Denn sie seien abstrakter und geben die Poesie des Lebens besser wieder! „Trotz einer Sprache, die sogar einem Teenie von fünfzehn Jahren gefallen könnte, der sich gerade einen Joint dreht“, kann der Leser, insofern er das möchte, zwischen den Zeilen die Tiefe eines mystischen Liebhabers herauslesen.

Eins ist klar: Puneet ist sich seiner sicher, er „liebt sich“ selbst und kann somit auch andere lieben. Deshalb wollte er auch keinen klassischen Verleger für seine unkonventionellen Reisenotizen suchen, der in seinem Werk herumstreichen würde. Puneet glaubt an das, was er geschrieben hat, an seine Originalität. Sein Buch soll kein Ratgeber sein, immerhin sollte es jedem selbst überlassen sein, seine Art „über das Leben zu lachen“ zu finden. Puneet mag den wissensdurstigen Geist der Abendländischen, der sich keinerlei Dogmen unterwirft, er liebt die leidenschaftliche Empathie seines Orients. Er glaubt nicht an Nationalitäten, sondern an das Individuum, er fühlt sich als Gefangener, wenn er immer zwischen Mauern leben muss, und sucht, nach Luft ringend, den Sauerstoff der Außenwelt. Während seines Jahres als Weltenbummler hat er ganz einfach gelebt, oft nur mit dem Nötigsten, um einen Toast auszusprechen oder seine aus Indien mitgebrachte Wasserpfeife, seinen geduldigsten Reisebegleiter, zu füllen.

Die Freude des Unerwarteten 

Auch wenn er manchmal das Alleinsein vermisst, so fühlt sich Puneet Sahani doch selten einsam. „Freundschaften findet man nicht, sie entstehen spontan“. Beispielsweise erzählt er die Geschichte eines Steins aus dem Naviglio Grande [ein Kanal; A.d.R.] in Mailand, den ihm ein junges Mädchen geschenkt und den er trotz seines Gewichtes mit nach Indien genommen hat, als Zeichen tiefer Freundschaft. Auf Facebook postet der 'colourful hitchhiker' [der kunterbunte Anhalter] - so nennt sich Puneet dort selbst - das Ziel seiner nächsten Reise und knüpft Verbindungen zu allen, die ihn ein Stück auf seiner Reise begleiten wollen. „Man kann wirklich nur von dem profitieren, was man erlebt, wenn man kein Programm, keine Erwartungen hat“. 

Natürlich gab es auch schon das ein oder andere Problem: Puneet Sahani traf als ‚farbiger‘ Anhalter auch immer wieder auf rassistische Klischees. In Tschechien weigerten sich die Leute freiweg, auf seine Fragen zu antworten, schauten ihn schräg an oder beschimpften ihn als Roma. In den ländlichen Regionen Italiens bezeichnete man ihn wegen seines Bartes und Rucksacks auch schon mal als Terroristen. An der deutschen Grenze nutzte die Polizei jede Gelegenheit, ihn zu durchsuchen und wollte nicht glauben, dass er kein Drogenkurier sei. Manche Lastwagenfahrer versuchten mit ihm Sex zu haben, aber er „habe sich immer mit einem Witz aus der Affäre ziehen können“, lacht er.

Toast - „Niemals Sex haben wie die Deutschen“

„Es stimmt nicht, dass die Europäer gut Englisch können“, fügt er hinzu. Oft beschränken sich die Gespräche auf wichtige Gesten und die in der Lokalsprache unerlässlichen Worte („Toilette“, „Entschuldigen Sie“, „Können Sie mich mitnehmen“, „du bist hübsch“). Puneet mag es nationale Stereotypen spielerisch anzugehen und politisch nicht immer ganz korrekt zu sein. Einen Italiener würde er nichts fragen, wenn er es eilig hat; er weiß, dass sie zu viel reden und es nie auf den Punkt bringen. Wenn er einen Toast ausspricht, wünscht er seinen Mitmenschen immer, „keinen deutschen Sex zu haben“ – die Deutschen seien so kalt. 

Das rebellische Potenzial der Jugend entwickeln!

Auch Puneets Familie hat vor der unbezähmbaren Nomadenseele des Sohnes bereits resigniert. Schon als Kind fühlte er sich als „Poet und radikaler Romantiker“ und hofft natürlich, dies in zehn Jahren immer noch zu sein. Am liebsten möchte der Hobbyreisende aus New Delhi irgendwann als Politiker nach Indien zurückkehren und das „Bildungssystem korrumpieren, das rebellische Potenzial der Jugend entwickeln“. In einem Land, das noch in zahlreichen Schwierigkeiten steckt, schlagen sich die Leute um einen Platz in den besten naturwissenschaftlichen Fakultäten und „vergessen darüber die Kunst, die Liebe, vergessen zu fantasieren, im Grunde genommen zu tun, was sie gern tun möchten“. Puneet Sahani weicht der Frage nach seiner schönsten und seiner unangenehmsten Erinnerung aus, denn er versuche, das Leben voll auszukosten. „Wenn du die Herrlichkeit eines Sonnenuntergangs aus der Dunkelheit eines Zimmers beschreibst, wird dir das nicht gelingen. Ich gehe hinaus und erlebe ihn - hautnah.“

Illustrationen: ©Offizielle Facebook Seite The Colourful Hitchhiker