Psychologie: Im Kopf der Geert Wilders-Wähler

Artikel veröffentlicht am 15. März 2017
Artikel veröffentlicht am 15. März 2017

Wie kann Geert Wilders so beliebt sein, wo die Niederlande eine der stärksten Wirtschaften in Europa aufweist? Wir haben mit Bert Bakker, Juniorprofessor der Amsterdam School of Communication Research gesprochen. Er erklärt uns die Verbindung zwischen populistischem Votum und psychologischen Faktoren.

cafébabel: Warum ist ein islamkritischer Politiker wie Geert Wilders in einem Land, dem es offenkundlich gut geht, so beliebt?

Bert Bakker: Die Wirtschaftslage erklärt nicht unbedingt politische Präferenzen. Der Knackpunkt ist, dass Wilders Schlüsselposition - anti-Einwanderung und anti-EU - sich mit den allgemeinen Ansichten der holländischen Bevölkerung überschneidet. Es hilft natürlich auch, dass Wilders erklärt, er wolle den Sozialstaat ausbauen, auch wenn es sich dabei um keine Top-Priorität handelt. Und dann ist und bleibt er natürlich der Anti-Establishment-Kandidat.

cafébabel: Würden Sie sagen, es gibt einen Zusammenhang zwischen Einkommen und der Neigung, sein Kreuzchen bei Wilders‘ Partei zu machen?

Bert Bakker: Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie über den Zusammenhang zwischen beiden Faktoren veröffentlicht und er ist nicht besonders stark. Es gibt da Gruppen bestausgebildeter, gut verdienender Menschen, die ebenfalls für Geert Wilders stimmen. Ein geringeres Gehalt macht es absolut nicht wahrscheinlicher, dass jemand die Partei für die Freiheit (PVV) wählt. Um die Anziehungskraft eines Wilders zu erklären muss man in sein Programm schauen und bestimmte psychologische Faktoren und Elemente beachten.

cafébabel: Was ist also der Link zwischen Persönlichkeitszügen und populistischer Stimmabgabe?

Bert Bakker: Es gibt fünf Persönlichkeitsfaktoren: Bei diesen Big Five handelt es sich um Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus. Es gibt lineare und direkte Verbindungen zwischen bestimmten dieser Faktoren und dem Hang zum populistischen Votum. Ganz grundsätzlich haben alle populistischen Parteien eine anti-elitäre und anti-Establishment Rhetorik. Und diese Rhetorik hat Resonanz mit den Persönlichkeiten einiger Wähler, namentlich denjenigen, die ein niedriges Ergebnis in puncto Verträglichkeit [der Faktor Verträglichkeit beinhaltet beispielsweise altruistisches Verhalten; AdR].

cafébabel: Und ändert sich das mit der Ideologie?

Bert Bakker: Die Datenreihe bestätigt ähnliche Muster für alle populistischen Wähler in den Niederlanden, Deutschland und den USA, das geht durch das komplette politische Spektrum. Das erklärt auch, warum populistische Parteien beider Extreme nebeneinander existieren können. Egal auf welcher Seite, wo die Verträglichkeit abnimmt, beobachten wir mehr populistische Wählerstimmen.

cafébabel: Gibt es auch einen Zusammenhang zwischen geografischen und Persönlichkeitsfaktoren? Das könnte vielleicht die Spaltung der ländlichen und Stadtgebiete zum Brexit-Referendum erklären.

Bert Bakker: Wenn man die Logik auf die Spitze treibt, ja. Aber es muss erst noch wissenschaftlich nachgewiesen werden.

cafébabel: Woher kommt der durchschnittliche PVV-Wähler?

Bert Bakker: Wir müssen beachten, dass die PVV trotz ihrer Anti-Establishment Rhetorik eine etablierte holländische Partei ist. Es ist eine Partei, die seit Jahren präsent ist. Für Ausländer mag sie aussehen, wie eine eben aus dem Boden gestampfte Protestpartei, aber für die Erstwähler in den Niederlanden ist die PVV nur eine Option unter vielen.

cafébabel: Läuft die PVV den anderen etablierten Parteien die Stimmen ab?

Bert Bakker: Geert Wilders‘ stärkste Konkurrenten kommen aus der sozialdemokratischen Partei [PvdA; dt. Partei der Arbeit], sie sind genauso anti-Establishment und für den Ausbau des Sozialstaats. Auf der rechten Seite tritt Wilders natürlich auch gegen die konservativen Parteien an. Studien haben gezeigt, dass die Wahlbeteiligung in Holland diesmal sehr hoch sein wird. Die PVV könnte auch von den Wahlstimmen profitieren, die sonst nicht an die Urnen gehen.