Prüfungsbiest und Kater: Tipps für angehende EU-Dolmetscher 

Artikel veröffentlicht am 31. August 2016
Artikel veröffentlicht am 31. August 2016

Victoria Hecq, eine junge belgische Übersetzerin für Deutsch/Englisch/Niederländisch-Französisch, berichtet von ihren Erfahrungen als Konferenzdolmetscherin bei den europäischen Institutionen.

Kein Kater bei der Arbeit

Erste Lektion: Nicht alle sind zum Dolmetschen geboren. "Man muss gut mit Stress umgehen können. Wenn du in der Kabine ankommst, zählt nichts anderes mehr. Wenn du mental nicht bei 100 Prozent bist, schaffst du es nicht. Und einen Kater bei der Arbeit kann man sich nicht leisten!", erzählt Victoria.

Prüfungsbiest

Im Studium sprechen die angehenden DolmetscherInnen jeden Tag vor Publikum und stecken dafür regelmäßig Kritik ein. Der Schlüssel zum Ganzen ist, diese nicht persönlich zu nehmen; es gilt, sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Victoria berichtet: "Es gibt unglaublich viele Prüfungen, man muss einen wahren Prüfungsmarathon hinlegen, um weiterzukommen."

Lange Arbeitstage

Die jungen Absolventinnen und Absolventen können sich anschließend für eine Arbeit im privaten Sektor oder bei den Institutionen entscheiden. In der Privatwirtschaft wird man im Allgemeinen für externe Agenturen tätig. Die DolmetscherInnen übersetzen oft aus ihrer und in ihre Muttersprache, und die Arbeitstage können sehr lang sein. Um bei den Institutionen zu arbeiten, muss man sich bewerben und die Aufnahmeprüfung bestehen. Die Arbeitsbedingungen sind günstiger als im öffentlichen Sektor, insbesondere dank der Tätigkeit des Internationalen Konferenzdolmetscherverbands AIIC, einer Art Gewerkschaft für Konferenzdolmetscher.

Freelancer

Wenn ihr mit etwas Glück die Prüfungen bestanden habt, findet ihr euch auf der Liste der Freelancer wieder, die von den Institutionen angefordert werden können. Jeder Dienst arbeitet mit Beamten, doch sie setzen auch Freelancer ein. Im Jahr 2014 gab es 551 festangestellte DolmetscherInnen gegenüber etwas weniger als 3000 bei der Generaldirektion Dolmetschen zugelassenen Freelancern.

Reden Sie ruhig in ihrer Muttersprache

Victoria versteht die Klage der DolmetscherInnen, was die Verwendung der deutschen Sprache angeht. Einige Europaabgeordnete drücken sich statt auf Deutsch lieber auf Englisch aus, was zu einer Verschwendung von Ressourcen führen kann. Wenn die polnische Delegation beispielsweise beschlossen hat, bei einer Sitzung drei Dolmetscher einzusetzen und der polnische Vertreter nicht kommt oder aber Englisch spricht, wurden die drei Dolmetscher umsonst verpflichtet. Daher wird der polnische Dolmetschdienst bei der nächsten Sitzung dieser Gruppe nicht mehr hinzugezogen. Um diese Art von Problemen zu vermeiden, gehen einige DolmetscherInnen vor der Sitzung auf die Abgeordneten zu, um ihnen zu sagen: "Reden Sie ruhig in Ihrer Muttersprache, dafür sind wir ja da!" 

Menschen wiederholen sich

Ein zügiger Redefluss schüchtert Victoria nicht ein; sie hat verschiedene Taktiken entwickelt, wenn Redner sehr schnell sprechen: "Zusammenfassen. Menschen wiederholen sich, wenn sie frei sprechen." Wenn ein EU-Abgeordneter allerdings eine Rede abliest oder sich nicht wiederholt, wird es komplizierter!

Anpassen

Victoria findet, dass sich RednerInnen ebenso wie DolmetscherInnen etwas zurücknehmen sollten: "Wenn du aus einem bestimmten Land kommst und dich an ein internationales Publikum wendest, musst du deine Redeweise anpassen; du kannst nicht so reden, als würdest du dich unter Leuten deiner Muttersprache befinden, die die gleichen Bezugspunkte haben. Gleichzeitig ist es Aufgabe der Dolmetscher zu übersetzen, und die Kultur ist ein immanenter Bestandteil der Sprache."

Was faselst du denn da?

Auch wenn der Weg in die EU-Dolmetscherkabine lang ist, ist er die Mühe wert. Was Victoria bei ihrer Arbeit am besten gefällt, ist, wenn das Publikum darauf reagiert, was sie sagt. Bei einem ihrer allerersten Dolmetscheinsätze im Europäischen Rat war die Sitzung beinahe nur auf Deutsch und sie war die einzige Dolmetscherin. "Alle französischsprachigen Kollegen schauten mich an und waren vollständig von mir abhängig, weil sie kein Deutsch konnten. Irgendwann fing eine deutsche Rechtsanwältin plötzlich an, von einem komplett anderen Thema zu reden, und alle Frankophonen sahen mich an, als wollten sie fragen: "Was faselst du denn da?" Ich habe sie angeschaut und habe gesagt: "Aber das hat sie gesagt!" Sie haben nur gelacht! Aber letztlich gab es doch eine Verbindung zu dem, was danach kam. Das hatte ich richtig verstanden und so ging die Geschichte weiter!"

Wecker stellen

Victorias schlimmste Erfahrung als Dolmetscherin? Ein vergessener Wecker! Sie sollte im Auto mit Kollegen nach Flandern reisen, die sie am anderen Ende von Brüssel erwarteten. Sie wachte zwei Stunden zu spät auf. "Es war die totale Panik! Zum Glück waren meine Kollegen supernett und kamen vorbei, um mich abzuholen. Sie wollten mich nicht verpfeifen und taten so, als hätte es am Verkehr gelegen, was mir sehr unangenehm war. Jetzt stelle ich mir zehn Wecker, wenn ich dolmetschen muss!"

___

Ich bin ein Brüsseler! Dieser Artikel stammt von unserer Lokalredaktion cafébabel Bruxelles.