Proteste in Istanbul: „Wir sind alle Teil der Gezipark-Hölle“

Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2013
Ob sie sich in ihren Heimatländern politisch engagieren oder nicht - jetzt sind alle Erasmusstudierenden, die dieses Semester nach Istanbul gekommen sind, Teil der „Gezipark-Hölle“. Anfangs hatte eine Hand voll Demonstranten nur versucht, einen kleinen Park vor dem Bau eines Einkaufszentrums zu bewahren.

Ihr Protest hat sich in eine landesweite Bewegung gegen die Regierung gewandt, meint unsere Autorin.

Nach vier Monaten in Istanbul, wo ich Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Bilgi-Universität studiere, ist es unmöglich, es nicht verstanden zu haben: Hier gibt es keine unabhängigen Medien. Man könnte die Türkei sogar als Militärdiktatur bezeichnen: Niemand darf sich öffentlich gegen den Premierminister Recep Tayyip Erdoğan stellen. Alle hatten auf eine Erklärung der brutalen Reaktion auf die friedlichen Aufstände im Gezipark 2013 gewartetet – Erdogan jedoch erklärte in seinem täglichen Bericht am 1. Juni, man solle nicht rauchen (und schon gar nicht in der Öffentlichkeit), und jede Familie solle mindestens sechs Kinder haben. Eine weitere Tagesdosis islamischer Propaganda.Auch der Hyde- oder Centralpark könnte sich in eine Betonwüste verwandeln

Ausschreitungen

Wegen der überzogenen Reaktion der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) auf eine anfangs friedliche Angelegenheit gehen die Proteste weiter. In Kabatas [nicht weit vom Ufer des Bosporus, A.d.R.], wird das Verkehrschaos durch eine blockierte Metro verschärft. Krankenwagensirenen heulen. Die furchtbare Mittagshitze lähmt uns. Ich laufe durch Tränengaswolken. Ich sehe rote Augen, höre Schreien und Husten auf den Straßen und in den Bussen. Die Polizei setze den „Unruhen“ sofort ein Ende. Ich sehe die Wasserwerfer. Leute liegen verletzt in den Straßen, kaum atmend. Sie werden notdürftig von denen versorgt (wenn die erste Hilfe überhaupt rechtzeitig kommt), die gerade in der Nähe sind.

Jeder ist betroffen: Alte, Junge, Männer, Frauen, Touristen, Kinder - sogar schwangere Frauen sind auf den Straßen, um zu protestieren. Wir ausländischen Studierenden sind beeindruckt angesichts der Solidarität auf den Social Media-Netzwerken, die es den Kemalisten [wie die Anhänger Mustafa Kemal Atatürks genannt werden, der die moderne säkulare Türkei gründete, A.d.R.] und anderen linken Bewegung ermöglicht, sich zu organisieren und Videos oder Twitter-Streams zu teilen. Sie helfen uns, zu verstehen, was wirklich vor sich geht, und schicken uns WLAN-Passwörter, damit wir im Taksim-Viertel ins Internet können (das 3G-Netz funktioniert nicht mehr).

Ein Land im Kriegszustand

Es ist erschreckend, wie langsam die neuesten Nachrichten, wie die Zahl der Toten, zu uns durchsickern [Nach Angaben der türkischen Ärztekammer, gab es in Istanbul einen Toten. 2 Menschen schwebten in Lebensgefahr und 1 485 Menschen seien verletzt, A.d.R.]. Auf Twitter lesen wir am Freitagabend gegen 20h von 4 toten Studenten; sonst berichtet niemand darüber. Die Bilder und die Informationen von Freunden, die in der Nähe des blutbefleckten Taksim-Platzes sind, machen es uns schwer, untätig zu Hause zu sitzen: um 2h ist jeder aus unserem Viertel auf der Straße. Klirrende Töpfe und Pfannen werden von Klatschen und Sprechgesängen begleitet: „Tritt zurück, Erdogan ! “ Wir hätten nicht gedacht, dass selbst zu so später Stunde die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die nicht enden wollende Masse von Demonstranten vorgehen würde.

Parolen auf einer Mauer nahe des TaksimplatzesWir wagen uns nicht weiter zum Taksim-Platz heraus, aber begrüßen die neuen Demonstranten. Jeder Bürger in der Türkei sollte gegen den staatlichen Terror aufstehen. Jeder türkische Student, der sein Leben riskiert hat und aufgestanden ist, um internationale Aufmerksamkeit zu erlangen, hat meine volle Anerkennung und Unterstützung. Vor fünf Tagen hat Erdogan das Land für eine Nordafrika-Reise verlassen. Im Gezipark ist es leiser geworden, aber wir werden abwarten, ob die Menschen auf den Straßen heute Abend wieder terrorisiert werden. Die Welt sollte wissen, wie es um die Menschenrechte auf den Straßen von Istanbul, Izmir und Ankara steht.

Autorin: Ηλέκτρα

Illustrationen: Teaser (cc) resim77; im Text: Gebäude © anonymer Freund der Autorin; Taxi und Atatürkporträt (cc) walt74/Flickr/offizielle Website; Graffiti am Taksim-Platz: mit freundlicher Genehmigung von © Engin Onder/@140journos