Projekt 'HIV Cure?' in Kenia: Reflektieren statt missionieren

Artikel veröffentlicht am 30. November 2011
Artikel veröffentlicht am 30. November 2011
Auf nach Kenia: Das in Österreich geborene Projekt HIV Cure? – eine Doku von Studenten der Fachhochschule Salzburg zum Thema Mythenbildung rund um das Thema AIDS - steckt noch in den Kinderschuhen. Jetzt geht es an die praktische Umsetzung. Cafebabel.com schaut sich das Projekt der Studis zum Weltaidstag am 1. Dezember genauer an.

Die Dreadlocks von Sebastian Frisch passen zum Weltenbummler-Image. Der 24-Jährige verlässt seit 2007 jedes Jahr für einige Zeit seine bayrische Heimat, um nach Kenia zu reisen. Er arbeitete in einem Hilfsprojekt für Straßenkinder mit. „Die überall spürbare positive Lebenseinstellung der Menschen, ihr Glaube an und in ihre Mitmenschen haben mich zutiefst beeindruckt.“ Das Land ließ Sebastian nicht mehr los. „Hier trifft Armut auf Lebensfreude und der Wille zur Veränderung auf Tabuthemen“, beschreibt der MultiMediaArt Student der FH Salzburg das Leben dort. Die extremen Gegensätze faszinierten ihn. Deshalb ist Sebastian dieses Mal mit Verstärkung in Richtung Afrika aufgebrochen. Vor Ort hat er ein ambitioniertes Projekt umgesetzt: HIV Cure?.

Sebastian ist Initiator des Doku-Projekts. Natürlich ist es nicht einfach in Afrika ein Hilfsprojekt umzusetzen. Doch während seiner Reisen kam er mit vielen Menschen in Kontakt, die ihm jetzt bei der Realisierung von HIV Cure? helfen. Bei einem Aufklärungsprojekt über HIV an kenianischen Schulen hörte Sebastian zum ersten Mal von den tabuisierten Mythen über den HI-Virus, die in den Köpfen der Menschen herumspukten. „Diese Gerüchte und deren Auswirkungen wurden für mich von Jahr zu Jahr immer präsenter“, erklärt er.

Mythen entlarven

Mit seinen Kommilitonen der Fachhochschule Salzburg im Schlepptau ist das Projekt bereits seit einem Jahr in der Planungsphase. Im Juli dieses Jahres startete eine 7-köpfige Gruppe ihre Reise nach Mikindani, ein Dorf in der Nähe von Mombasa im Südosten Kenias, dem Schauplatz der Doku. Thema ist die hiesige Mythenbildung rund um das HI-Virus. Denn weltweit sind immer noch ca. 33 Millionen Menschen mit AIDS infiziert.

70% dieser Menschen leben in den afrikanischen Staaten der Sub-Sahara. Eine erschreckend hohe Zahl, die nicht sinken wird, wenn sich hier das grundlegende Verständnis für die Infektionskrankheit nicht ändert. Denn AIDS bleibt ein Tabuthema in Afrika und eines seiner größten gesellschaftlichen Probleme. Konkret wollten die Studenten die kenianische Bevölkerung neben der Doku auch mit einer Plakatkampagne ansprechen, deren kurze Slogans auf Suaheli [die Landessprache] die Menschen auf der Straße zum Nachdenken anregen sollen. Man wollte dabei aber auf keinen Fall „missionieren“, so Sebastian.

Welt-AIDS-Tag: Europas tödliches Geheimnis

Hartnäckige Gerüchte vor Ort behindern die Aufklärungsarbeit erheblich. Das gesprochene Wort besitzt in Afrika einen völlig anderen Stellenwert als in Europa. In Mikindani hat kaum jemand die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Internet, Zeitung oder Fernsehen zu informieren. Eines dieser Gerüchte besagt zum Beispiel, dass man sich beim Geschlechtsverkehr mit Kindern „rein waschen“ und so von AIDS geheilt werden könne. Diese vielfach verbreitete Annahme hat zur Folge, dass Südafrika das Land mit der höchsten Rate an Kindervergewaltigungen weltweit ist. Auch ist im Umlauf, dass jeder Geschlechtsverkehr mit einer nicht infizierten Person den Erreger in der infizierten Person halbiere. Diese Beispiele zeigen, wie die Ausbreitung des HI-Virus schon durch gezielte Aufklärungsarbeit verringert werden könnte. Sehr wahrscheinlich wird die Bevölkerung auch durch gestreute Fehlinformationen verunsichert.

In dem Dokumentarfilm, der sich momentan in der Postproduktion befindet, wollte man deshalb auch Opfer und Täter zu Wort kommen lassen, die aus ihrem Leben erzählen. Sie werden schildern, welchen Einfluss die Gerüchte, die sich um das Thema AIDS ranken, auf ihr Leben genommen haben. Zudem sind in Nairobi und Mombasa Vertreter von NGOs, öffentlichen Behörden und anderen Institutionen vor die Kamera getreten. Die Zusammenarbeit läuft gut. „Der Bürgermeister von Mikindani unterstützt uns tatkräftig, da es auch in seinem Interesse ist, mit den Fehlinformationen aufzuräumen“, erklärt Sebastian.

Er kann nur schwer einschätzen, wie die Menschen vor Ort schlussendlich auf die fertige Doku reagieren werden, in der Europäer Schicksale in Kenia dokumentieren. „Wenn aber sieben junge Leute, die sich voll und ganz auf eine andere Kultur einlassen und diese mit Respekt behandeln, einen Film machen, dann werden sie das nötige Vertrauen bekommen“, hofft er.

Für die Umsetzung des Projekts „HIV Cure?“ werden noch dringend Spenden benötigt. Für weitere Infos www.freshmania.de.

Illustrationen: Fotos mit freundlicher Genehmigung ©Sebastian Frisch