Pressefreiheit Marokko-Irak-Paris: Perfekt gibt's nicht

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2017

Zwei Journalisten aus Marokko und dem Irak, Flüchtlinge und Bewohner des Maison des Journalistes, erzählen, was sie nach Paris brachte. Wir haben sie zu ihrem Leben in ihren Heimatländern und zu ihrem neuen Leben in Frankreich befragt.

Es ist kurz vor zehn Uhr morgens und die Türen des Maison Des Journalistes (MDJ) sind noch geschlossen. Um eingelassen zu werden, rufen wir Hicham Mansouri an, einen marokkanischen Reporter, der seit einigen Monaten im MDJ wohnt und auf die Anerkennung seines Flüchtlingsstatus' wartet. Neben Hicham sind wir auch mit Hassanein Neamah, einem jungen Regisseur und Journalisten aus dem Irak verabredet. Er wohnt seit acht Monaten im MDJ, kam jedoch schon 2015, eine Woche nach dem Attentat auf den Konzertsaal Bataclan, in Frankreich an. Wir sind in ihrer provisorischen Unterkunft, einem Aufnahmeort mit 14 verfügbaren Zimmern, die immer randvoll sind, verabredet. Hier finden Journalisten Zuflucht, die aufgrund lebensbedrohlicher Situationen gezwungen waren ihr Land zu verlassen.

Hicham zeigt uns die Gemeinschaftsräume des MDJ: die Küche, das Wohnzimmer mit den Sofas und dem Fernseher, die Bibliothek, in der wir es uns für das Interview bequem machen. Wir befinden uns im Souterrain, in den Räumen einer alten renovierten Fabrik.  Der ganze Ort wirkt einladend, auch wenn es draußen keinerlei Hinweise darauf gibt, was sich im Inneren des Gebäudes verbirgt. Keine Schilder oder eine Hausnummer sind zu sehen, denn dieser Ort hier soll so lange wie möglich unauffällig bleiben.

Das perfekte Land gibt es nicht

Wir fragen die beiden Journalisten nach ihrer Meinung zu dem Land, das sie aufgenommen hat. Hassanein erzählt uns, dass er sich noch kein Urteil bilden konnte, da ihm die Sprachbarriere immer noch Schwierigkeiten bereitet. Hicham hat hingegen eine klare Meinung: „Ich glaube, dass es das perfekte Land nicht gibt, Probleme gibt es überall. Aber hier in Frankreich fühle ich mich wohl, da ich voll und ganz hinter den hier gelebten Werten stehe: Freiheit und die Möglichkeit zu haben, sein Leben so zu gestalten, wie man möchte. Auch unter beruflichen Aspekten herrscht hier ein größeres Gleichgewicht und weniger Vetternwirtschaft als in Marokko."

Hicham kann auf eine große Erfahrung als Journalist in Marokko zurückgreifen. Seine Probleme begannen im Jahr 2009, als er anfing für die Marokkanische Vereinigung für Investigativ-Journalismus (AMJI) zu arbeiten, eine Gesellschaft, die es in kürzester Zeit geschafft hat, 14 Antennen in ebenso vielen Städten einzurichten. Ihr Ziel war es, Journalisten auszubilden und den investigativen Journalismus zu fördern. Zu den Themen, denen sich die Mitarbeiter der AMJI widmeten, gehörte auch ein vorbehaltsloser Blick auf die Monarchie sowie eine Umfrage bezüglich des Königshauses und dessen ökologischen Einfluss. Zu den investigativen Praktiken gehört auch die vom Staat als 'gefährlich' erachtete App Story maker, die es möglich macht, das Gefilmte sofort auf einen Server zu laden und zu speichern. So sind die Daten auch dann sicher, wenn das Telefon konfisziert werden sollte.

„Es dauerte 2 Jahre, um als Gesellschaft anerkannt zu werden, da der investigative Journalismus 'Angst macht' und weil den Behörden das Verständnis fehlt, um zu verstehen, worum es eigentlich geht", erklärt uns Hicham. „Sie haben unsere Arbeit einfach nicht verstanden. Einmal sagten sie uns beispielsweise, dass die Umfragen nicht von Journalisten geführt werden sollten, sondern von Polizisten...“

Während Hicham in seinem Job als Journalist aufgeht, entgeht uns nicht, dass Hassanein schon fast eingeschüchtert wirkt, wenn wir ihn als Journalisten bezeichnen. „Im Irak ist der Journalismus keine so große Sache. Hat man einen Presseausweis, bedeutet das nicht automatisch, dass man ein Journalist ist. Denn die Ausweise werden vom Staat ausgegeben." Hicham erzählt uns, dass sie vor ein paar Tagen auf einer Konferenz waren, auf der die Journalisten der französischen Investigativzeitung Médiapart interviewt wurden und die Zensur im französischen Journalismus thematisiert wurde. „Wir haben die Chance darüber zu sprechen. Und genau das ist das Faszinierende an einer Demokratie. Wir können uns glücklich schätzen, hier zu sein. Und ich sehe das, was ich erlebt habe, nun aus einem anderen Blickwinkel.“

Neue Hürden - neue Blickwinkel

Hicham und Hassanein sind sich einig. Beide kommen aus so anderen Welten, da erscheint ihnen Frankreich momentan als das beste Land überhaupt. Beide denken an eine mögliche Zukunft und sind sich einig, dass es nicht einfach sein wird, ihren Beruf in Frankreich auszuüben. Die sprachlichen Hürden werden sie vor Herausforderungen stellen, aber sie wissen eben auch, dass sie aufgrund ihrer Erfahrungen eine andere Sichtweise in ihre Berichte einbringen können.

Hicham erzählt uns von den Monaten in Marokko bevor er nach Paris kam: „Eines Tages wurde in unsere Büroräume eingebrochen und all unsere Dokumente wurden gestohlen. Ein anderes Mal wurde unsere Homepage gehackt und in eine Pornoseite umgewandelt. Wir wurden in den offiziellen Zeitungen attackiert und uns wurde vorgeworfen, von Algerien oder von Prinz Hicham Alaoui aus den Vereinigten Staaten finanziert zu werden. Infolgedessen wurden wir nach einem Treffen von zwei Unbekannten angegriffen. Eine dritte Person wartete im Auto.“

„Weiter ging es am 17. März 2015, als ich gerade eine Umfrage über elektronische Überwachungsmaßnahmen durchführte. Zehn Polizisten drangen gewaltsam in mein Haus ein, entkleideten und filmten mich zusammen mit einer Freundin, die fünf Minuten zuvor angekommen war. Nach diesem Vorfall wurde ich beschuldigt, ein Bordell zu betreiben und Ehebruch zu begehen. Ich verbrachte zehn Monate im Gefängnis.“ Nach Ablauf der Strafe entschied sich Hicham, nur einen Tag nach seiner Haftentlassung, sein Land zu verlassen. Ohne einen Cent in der Tasche ging er und ließ alles was er hatte hinter sich. Sein Weg führte ihn über Tunesien und Polen, um dann schlussendlich in Frankreich zu landen.

Die Angst im Nacken

Hassanein hört Hicham aufmerksam zu und als wir ihn fragen, ob er die Erfahrungen seines Kollegen teilen kann, schüttelt er heftig den Kopf. Der Iraker erzählt, dass er zu denjenigen gehöre, die Glück gehabt hätten. Denn während seine Kollegen „direkt ermordet wurden“, wurde er nur bedroht. Allein die Tatsache, dass er auf den Straßen Bagdads mit einer Fernsehkamera herumlief, stellte ein hohes Risiko dar. Als er die letzten Szenen für einen Kurzfilm drehte, wurde er verhaftet.  Trotz seines noch jungen Alters, hat Hassanein schon diverse Preise für seine Arbeit erhalten. Einer seiner Kurzfilme wurde 2014 auf dem Filmfestival in Cannes gezeigt. Hassanein erklärt, dass sein neuester Film vom Leben der Iraker handelt: mit Freunden ausgehen, Fußball spielen, all das machen was 'normale Menschen' auch tun würden. Mit dem Unterschied, dass ihnen stetig die Angst im Nacken sitzt.

„Hier in Frankreich versuche ich mich mit meinem Film zu beschäftigen, aber als Journalist im eigentlichen Sinne kann ich nicht arbeiten. Für wen sollte ich denn schreiben? Selbst wenn es Menschen gäbe, die meine Artikel lesen wollten... Im Irak hätte ich keine Möglichkeit dazu. Diese letzte, eher pessimistische Aussage von Hassanein, lässt vermuten, dass er nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren möchte. Aber Hassanein bestreitet: „Ich bin mir sicher, dass ich eines Tages zurückgehen werde, aber jetzt noch nicht. Erst muss sich etwas ändern. Die Menschen, die werden sich nicht ändern, aber bei der Regierung besteht noch Hoffnung.“ Hassanein verbringt viel Zeit mit dem Versuch, den Kontakt in den Irak zu halten, neue Informationen zu sammeln, um herauszufinden, ob und in welcher Weise sich die Situation dort entwickelt hat. Er spricht von seiner Familie, „einem guten Beispiel für den Islam“ oder von einem seiner Freunde, einem Musiker, der sich noch immer in Mossul versteckt hält und gezwungen ist, seine Leidenschaft zu verheimlichen und sich hinter der Fassade eines Aktivisten zu verbergen.

Hassanein und Hicham sind der Ansicht, dass sich für sie als Flüchtlinge auch nach den Wahlen in Frankreich nicht viel ändern wird. Hicham denkt pragmatisch. Ein neuer Präsident kann nicht einfach ein neues Programm auf den Weg bringen, das gegen die Wertvorstellungen des französischen Volkes geht.