Pressburg befindet sich wieder in der Mitte seiner Umgebung

Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2007
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Artikel veröffentlicht am 29. Dezember 2007
Wenn wir vor zwanzig Jahren in der damaligen sozialistischen Tschechoslowakei einen Ausflug von der zweitgrößten Stadt Pressburg (Bratislava) aus machen wollten, ging es nur in Richtung Norden oder Osten. In der anderen Richtung war die "Eiserne Grenze" ganz nah am Rande der Stadt, nur wenige Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt.

1218-141131.jpg Von der Burg aus konnten wir nur eine Aussicht auf den Westen genießen, da nur wenige Leute über die Grenze nach Österreich fahren durften. Als kleines Kind habe ich aber im österreichischen Fernsehen, das wir ohne Probleme mit der Dachantenne empfangen haben, stundenlang Tom&Jerry und später Knight Rider geschaut ohne ein Wort verstanden zu haben.

Am 10. Dezember 1989, drei Wochen nach der Samtenen Revolution, war die Grenze offen. Zehntausende Pressburger sind zu Fuß über den Grenzübergang Petržalka-Berg gelaufen um zum ersten Mal im Leben die Burg Devín vom anderen Donauufer zu sehen. Keine Erlaubnisse von der Polizei und Staatsicherheit, kein Visum, keine Ausreiseklausel, keine Devisenzusage waren notwendig. Wir haben damals nur unsere Reisepässe an der Grenze gezeigt und sind sofort problemlos bei kaltem aber sonnigen Wetter in den Westen einmarschiert.

Achtzehn Jahre später war die Tschechoslowakei schon lange getrennt und beide Länder sind der EU beigetreten. Neue Gebäude wurden an diesem Grenzübergang gebaut, um die Arbeit der Grenzpolizei zu "erleichtern". Nach dem Beitritt der Slowakei in die EU im Mai 2004 hat es gereicht nur die Personalausweise zu zeigen, was viel Zeit beim Blättern und Papier beim Stempeln in Reisepässe gespart hat. Trotzdem haben sich viele Leute gewünscht, dass die Grenze so wie zum Beispiel zwischen Österreich und Deutschland aussehen könnte: einfach durchfahren ohne zu merken, dass man sich in einem anderen Land befindet.

1220-145743.jpg ... und es ist passiert. In der Nacht vom 20. auf 21. Dezember 2007 ist die Slowakei, zusammen mit acht anderen Ländern dem Schengen-Gebiet beigetreten. Und wir waren wieder da, wo etwas passiert - am Grenzübergang Petržalka-Berg, nur wenige Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt der Slowakei entfernt.

Am Nachmittag sind wir mit dem Auto kurz nach Österreich gefahren. Nur die österreichische Polizistin hat uns "einen letzten Stempel in den Reisepass, bitte" gegeben. Es war ein slowakischer Ausreisestempel. Wir bekommen also keine österreichischen Stempel mehr.

Obwohl vor vielen Jahren der letzte kommunistische Präsident der Tschechoslowakei Gustáv Husák gesagt hat, dass "die Grenze kein Korso ist", haben wir ein paar hundert Meter hinter der Grenze umgedreht und sind zurück in die Slowakei gefahren. In dieser Richtung ist da aber gar nichts mehr passiert. Nur die Techniker haben eine Bühne für das Nachtkonzert vorbereitet.

1220-230045.jpg In der Nacht waren wir wieder da, zusammen mit paar Hunderten, die die Öffnung der Grenze direkt erleben wollten. Die Figuren von Zöllnern in Uniformen aus den alten Zeiten waren zusammen mit der symbolischen Schranke die beliebtesten Objekte zum Aufnehmen als Erinnerung an die Komplikationen, die man beim Überqueren der Grenze damals hatte.

1220-232206.jpg Wer hat mehr Energie und Zeit zur Untersuchung Ihres Autos verbracht? Ihr Automechaniker oder der Zöllner?

Da die Figuren die Zoll- und Grenzpolizeikabinen besetzt haben, musste die letzte Polizistin in einer kleinen Holzbude stehen um die "letzten Stempel in den Reisepass, bitte" geben zu können. Diesmal waren es sofort zwei: Ausreise- und Einreisestempel. Sie hatte gar nicht so viel Arbeit, bis...

1220-233553.jpg ... der slowakische Innenminister Robert Kaliňák ihren Dienst übernommen hat und zum Stempel den Leuten noch etwas geschrieben hat. Hoffentlich sieht sein Autogramm nicht wie "Unacceptable" aus.

1220-235956.jpg Um Mitternacht hat der Innenminister zusammen mit dem Bürgermeister der luxemburgischen Winzerdorf Schengen Roger Weber die Schranken endgültig geöffnet. Die Musikstücke "An die Freude", "Conquest of Paradise" und "We are the Champions" haben sich dann besonders gut angehört.

1221-000010.jpg Willkommen in der Slowakei! Die Zipser Burg auf dem Plakat befindet sich über 350 Kilometer von hier und wird vom Schengen-Beitritt nicht viel mitbekommen. Aber Pressburg hat damit wieder ein Stück der Grenze an ihrem Rande verloren und befindet sich endlich in der Mitte ihrer Umgebung.

Und noch eine Notiz für Mitglieder des Deutschen Automobilclubs ADAC, die in der Dezember-Ausgabe der ADAC-Motorwelt den Artikel "Grenzenlos reisen in 24 Staaten" gelesen haben...

adac_3.jpg ... was stimmt hier nicht?