Preisträger Alain Resnais: Lieber mal ins Kino

Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2014

MIt 92 Jahren und nach einer über 70jährigen Karriere präsentiert der französische Regisseur Alain Resnais seinen 50. Spielfilm Aimer, boire et chanter (2013) im Wettbewerb der 64. Filmfestspiele in Berlin. Für seine eigenwillige Theaterkomödie, die neue Perspektiven für das Medium Film als Ganzes eröffnet, wurde Resnais mit einem silbernen Bären ausgezeichnet. Filmkritik von Itamar Gov

Im Zen­trum des neuen Films von Alain Res­nais steht die Ge­schich­te einer Grup­pe lang­jäh­ri­ger Freun­de, die zu­sam­men ein Thea­ter­stück pro­ben. Als sie er­fah­ren, dass ein ge­mein­sa­mer Freund an Krebs er­krankt ist, ent­schei­den sie sich, ihn als Mit­spie­ler auf­zu­neh­men, um seine Ge­dan­ken von der Krank­heit ab­zu­len­ken. Wenn man einen Film von Res­nais an­schaut, fühlt man sich immer ein biss­chen wie bei einem Klas­sen­tref­fen. Aimer, boire et chan­ter (Life of Riley, 2013) ist inzwischen Resnais 50 Film.

Ge­or­ge der un­sicht­ba­re: der zu­schau­er bleibt vor der tür

Interessant wird der Film gerade durch das, was nicht zu sehen ist. Das ge­prob­te Thea­ter­stück bekommen wir nicht zu Gesicht – wir sind immer drau­ßen, nach oder vor einer Probe. Der kran­ke und ge­lieb­te Ge­or­ge, um den sich der Film dreht, tritt wäh­rend des Films kein ein­zi­ges Mal auf. Wir hören und ler­nen über seine Per­sön­lich­keit, Krank­hei­ten, Ge­schich­ten und Ge­füh­le durch seine Freun­de, die stän­dig über ihn spre­chen, bis es un­er­träg­lich wird, den Namen „Ge­or­ge“ auch nur zu hören.

Of­fi­zi­el­ler Ber­li­na­le-Trai­ler von Aimer, boire et chan­ter (2013) des fran­zö­si­schen Re­gis­seurs Res­nais.

Aimer, boire et chan­ter ist Alain Res­nais’ drit­te Ad­ap­ti­on eines Thea­ter­stücks von Alan Ayck­bourn(nach Smo­king/No Smo­king 1993 und Co­eurs 2006). Aimer, boire et chan­ter ist ein ge­film­tes Thea­ter­stück mit allen üb­li­chen Merk­ma­len des klas­si­schen Thea­ters: Die Fi­gu­ren spre­chen laut und rich­ten sich immer nach vorne, in Rich­tung des Pu­bli­kums. Sie er­zäh­len uns alles das, was auf der Bühne nicht zu sehen ist. Wie im Theater be­nut­zen Re­qui­si­ten nicht, um ir­gend­ei­ne Tä­tig­keit wirk­lich aus­zu­füh­ren – wie zum Bei­spiel im Gar­ten zu ar­bei­ten – son­dern nur, um damit zu spie­len.

Als ge­film­tes Thea­ter­stück ist Alain Res­nais’ neuer Film ge­lun­gen. Den­noch muss man beim An­schau­en ein wenig weh­mü­tig an die Zei­ten von Hi­ro­shi­ma, mon amour (1959)L’année dernière a Ma­ri­en­bad (1961) oder Mu­ri­el (1963) den­ken. Ob­wohl der Film – genau wie sein Vor­gän­ger Vous n’avez en­co­re rien vu (2012) – auf dem Fried­hof endet, be­kom­men wir in die­sem Fall eine klei­ne Hoff­nung für die Zu­kunft mit­ge­ge­ben. Auf den Satz eines der Prot­ago­nis­ten „Ich mag Kino lie­ber“ re­agiert eine an­de­re Spie­le­rin mit „Dann gehen wir nächs­tes Mal ins Kino“. Wer­den wir noch eine Ge­le­gen­heit haben, ein neues Kino von Alain Res­nais zu sehen?

Die­ser Ar­ti­kel ist am 12. Fe­bru­ar auf Ber­li­na­le im Dia­log, dem Ber­li­na­le-Blog von DFJW/OFAJ und cri­tic.​de, er­schie­nen. Wäh­rend der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin ko­ope­rie­ren Ca­fe­ba­bel Ber­lin und Ber­li­na­le im Dia­log im Rah­men einer Me­di­en­part­ner­schaft.