Precarious Europe: Junger Journalismus von Brexit bis Grexit

Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2015

“Erfahrungen einer Generation”, lautet die Tagline dieser neuen Medienstartup, die vor 6 Monaten von freiberuflichen Journalisten in Südeuropa gegründet wurde. Trotz der negativen Konnotation des Wortes ‚precarious‘, ist Niki Seth-Smith, eine der Gründerinnen, voller Tatendrang. Aus Athen chattet die junge Britin mit uns über prekären Lifestyle und neue politische Winde von links.

cafébabel: Wie kam Precarious Europe zustande?

Wir sind drei Gründer im Redaktionsteam. Yiannis Baboulias und ich leben in Athen, Jamie Mackay hat sich in Florenz niedergelassen. Wir haben vorher alle in London für Open Democracy gearbeitet, bevor wir gen Süden aufgebrochen sind. Außerdem gibt es auch noch freie Redakteure, die uns aus verschiedenen Ländern unterstützen. Wir waren besonders an neuen, frischen Perspektiven der Generation zwischen 16-35 Jahren interessiert, die sich heute neuen, aufkeimenden Parteien und Bewegungen zuwenden oder diese anführen. Sie werden richtungsweisend für Europas Zukunft und die Union in der Krise sein. Medien brauchen eine Plattform, die von jungen Menschen aus ganz Europa geformt wird, die Stabilität ermöglicht und fair bezahlt. Die traditionellen Medien sind dafür nicht geeigent, während neue Medien oft unbezahlte Arbeit erwarten, insbesondere vom jungen ‚Prekariat‘. Bisher lassen wir das Ganze als eine 6-monatige Startup laufen, wofür wir auch Investoren gefunden haben. Und aktuell bewerben wir uns für eine zweite Phase.

cafébabel: Wo befindet sich die Redaktion von Precarious Europe?

Das ist genau die Sache. Wir haben keine wirkliche Redaktion. Yiannis und ich arbeiten von Athen aus. Wir behalten zunächst unsere institutionelle Partnerschaft mit Open Democracy bei. Der Think Tank ist momentan auch der Rechtsträger hinter dem Projekt. Wir haben noch keine eigene legale Struktur, das hängt bei uns eher davon ab, wo sich die Journalisten und Editors gerade befinden. Wir sind also mehr oder weniger transeuropäisch unterwegs.

cafébabel: Warum bist du nach Athen gezogen?

Dafür gab es viele Gründe. Aber natürlich war einer der Hauptgründe, dass wir über die Wahlen in Griechenland Anfang des Jahres [Januar 2015; Red.] berichten wollten. Davor war ich in Schottland beim Unabhängigkeitsreferendum [18. September 2014; Red.], bevor es nach Athen ging. Wir haben beide Abstimmungen aus der Perspektive unserer Generation dargestellt. Griechenland steht ja in Bezug auf Prekäres wirklich an der Frontlinie. Ich meine das in dem Sinn, dass junge Griechen sich mit unsicheren Arbeits-, Wohnungs- und Jobverhältnissen herumschlagen müssen. Doch in den letzten fünf Jahren ist daraus ein Phänomen geworden, das die gesamte griechische Bevölkerung betrifft. Die Prekarität der Jugend wurde plötzlich zu einer allgemeinen Prekarität für alle. Das ist ein Phänomen, das im Süden Europas sehr viel deutlicher zum Vorschein kommt als anderswo. Für mich hat es auf jeden Fall Sinn gemacht, hierher nach Athen zu kommen.

cafébabel: Auch der britische Premier Cameron hat ein Referendum über einen möglichen Brexit vor 2017 angekündigt. Wäre es nicht wichtig gewesen, auch die Wahlen zum britischen Unterhaus 2015 vor Ort mitzuverfolgen?

Ja schon, aber man kann ja auch einen Artikel über die Wahlen in Großbritannien aus griechischer Perspektive schreiben. Genau das haben wir gemacht.

cafébabel: Lebst du selbst auch in prekären Verhältnissen?

[lacht] Neue Youth Labs und Initiativen klingen immer spannend, sie haben all diese Buzz-Worte. Aber man braucht einfach auch ein bisschen Berufsethik in seiner Herangehensweise und muss praktische Bezüge im Alltag herstellen. Ich arbeite zum Beispiel von zu Hause aus, Jamie arbeitet auch von seiner Wohnung aus in Florenz. Journalisten schreiben uns in E-Mails keine Routine-Entschuldigungen, wenn sie mit einem Artikel zu spät dran sind. Sie beschreiben ihre Lebenssituationen, dass sie überarbeitet sind, unter sehr prekären Bedingungen arbeiten müssen oder für den letzten Job noch nicht bezahlt worden sind. Diese ehrliche Art der Interaktion mit unserer Plattform ist neu für mich und interessant.

cafébabel: Andere Stimmen behaupten, dass unsere Generation (‘Y’) genau so arbeiten möchte, ohne Festanstellung und in flachen Hierarchien. Blödsinn?  

Nein, ich denke nicht, dass das Blödsinn ist. Die Leute sind gerade dabei, das in neue Arbeitsmuster zu gießen und auch auf politischer Ebene durchzusetzen. Die Ablehnung von Hierarchien innerhalb politischer Parteien kommt scheinbar zeitgleich mit der Ablehnung von Hierarchien in der Arbeitswelt. Und beide sind auf lange Sicht positiv zu betrachten. Natürlich gibt es unterwegs aber immer das ein oder andere pragmatische Problem zu lösen, wenn man dabei ist, neue Modelle einzuführen.

cafébabel: Wie definierst du Prekarität im Jahr 2015?

Das ist ziemlich komplex. Unser Projekt hat eine Menge Inspiration aus Guy Standings Buch The Precariat gezogen. Natürlich gab es immer ein Prekariat in Bezug auf den Zugang zu Wohnraum und Beschäftigung. Und die Migrationswellen sind auch nicht nur ein aktuelles Phänomen. Nichts davon ist neu. Auch wenn wir uns auf das Prekäre der jüngeren Generation konzentrieren wollen, ist Prekarität  nicht zwangsläufig jung. Es ist eben einfach nur so, dass wir in einer Zeit leben, in der prekäres Wohnen, Arbeiten und Auswandern zur Norm wird. Und das rückt natürlich die Jungen in den Fokus, die mit dieser Norm aufwachsen.

cafébabel: Welche konkreten Folgen hat diese neue Norm im Alltag?

Auf einer tieferen Ebene gibt es zunächst psychologische Kollateralschäden, neue Ängste und Depressionen. Die Menschen sind hin- und hergerissen zwischen Arbeitslosigkeit auf der einen Seite oder Stressbewältigung und Überarbeitung auf der anderen. Und für die Folgen im Alltag? Das sind so viele, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

cafébabel: Precarious Europe wurde während der Wahlen in Griechenland lanciert und wird von einer marxistischen Stiftung finanziert. Wie beschreibst du die politische Ausrichtung des Magazins?

Ja, wir haben uns speziell mit Syriza [der griechischen Regierungspartei; Red.] beschäftigt und blicken jetzt auch nach Spanien zu Podemos [die neue Linkspartei von Pablo Iglesias; Red.]. Aber wir hatten auch interessante Berichterstattung über die neue Linke in Polen. Trotzdem haben wir keine klare politische Ausrichtung. Wir wollen nur den politischen Strömungen eine Stimme geben, die auf einer Wellenlänge mit den Forderungen unserer Generation sind.

cafébabel: Aber euren ersten Blog-Eintrag könnte auch der Spin-Doctor von Syriza geschrieben haben.

Wir unterstützen Syriza insofern, als dass die Partei den Problemen der Jugend Gehör verschafft.

cafébabel: Wie hat sich euer Magazin bezüglich des griechischen Volksentscheids vom letzten Wochenende positioniert?

In Einklang mit unserem Engagement für mehr Demokratie in Europa, finden wir, es war die richtige Entscheidung, ein Referendum [über die von der EU geforderten Sparmaßnahmen; Red.] durchzuführen und die Leute selbst entscheiden zu lassen. Aber Precarious Europe hat keine Position – Ja oder Nein - vertreten.