Präsident Gauck: Unbequem, anachronistisch, EU-kritisch

Artikel veröffentlicht am 19. März 2012
Artikel veröffentlicht am 19. März 2012
Der Bürgerrechtler und Theologe Joachim Gauck ist am Sonntag mit großer Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er hat sich vorgenommen, in seiner Amtszeit die Kluft zwischen Politik und Bürgern zu verkleinern. Gauck wird auf jeden Fall in der Ersten Liga der Präsidenten spielen und nicht nur deutschen Politikern die Stirn bieten, meinen Kommentatoren, sondern der gesamten EU.

Mladá fronta Dnes: Gaucks Plus sind seine rhetorischen Fähigkeiten; - Tschechien

Der am Sonntag zum neuen Bundespräsidenten gewählte Joachim Gauck ist nach Meinung der liberalen Tageszeitung Mladá fronta Dnes ein Glücksfall für die Deutschen: "Mahnen, Warnen, Aufrütteln - so hat einst Roman Herzog die Machtinstrumente des Bundespräsidenten charakterisiert. Aus diesem Blickwinkel hat die Bundesversammlung gestern mit Joachim Gauck den bestmöglichen Präsidenten gewählt. [...] Als moralische Autorität kann er die Dinge beim Namen nennen, auch mit unangenehmen Worten. Gauck hat Präsidenten, an die er anknüpfen kann. Etwa an Richard von Weizsäcker, der den 8. Mai 1945 einen 'Tag der Befreiung' nannte. Oder an den bereits erwähnten Roman Herzog, der im April 1997 offen die politische Lage im Land kritisierte. Gauck, dessen größtes Plus seine rhetorischen Fähigkeiten sind, hat die besten Voraussetzungen, sich in die erste Liga der Bundespräsidenten einzureihen." (19.03.2012)

Wiener Zeitung: Gauck wird sich mit der EU anlegen; Österreich

Der leidenschaftliche Freiheitsverfechter und ehemalige Bürgerrechtler Joachim Gauck wird sich bald mit der gesamten EU anlegen, meint die staatlich liberale Wiener Zeitung, und zwar beim Thema Asyl: "Der menschenverachtende Umgang mit Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen und die nach wie vor fehlende europäische Asyl-Regelung werden einen Joachim Gauck wohl nicht kalt und schweigen lassen. Was aber wird passieren, wenn der deutsche Präsident plötzlich zu solchen Themen das Wort ergreift? Er wird gehört werden, obwohl er keinerlei Kompetenzen dafür hat. Er wird in Widerspruch nicht nur mit der eigenen, sondern mit allen EU-Regierungen treten. Die Hilfsorganisationen, die das ständig kritisieren, werden in Joachim Gauck einen Fürsprecher haben, auch wenn sie nicht in Deutschland sitzen. Gauck ist eine Chance, der 'Zivilgesellschaft' mehr Gehör zu verschaffen." (19.03.2012)

taz: Gaucks Positionen fast anachronistisch; Deutschland

Joachim Gauck wird als Bundespräsident oft mit den linken Parteien streiten, doch das tut der Demokratie gut, meint die linke Tageszeitung taz und lobt die Ankündigung, sich auf neue Themen einzulassen: "Für diese Aussage verdient er Respekt. [...] Er wird [aber] als Lernender nicht plötzlich linke Positionen entwickeln, eine fundierte Kritik des weltweiten Finanzkarussells darf man von ihm nicht erwarten. Während der gesellschaftliche Diskurs zunehmend nach links rückt und selbst die CDU den Mindestlohn übernimmt, muten manche Positionen Gaucks fast anachronistisch an. SPD und Grüne werden schnell merken, dass sie sich keinen Gefallen getan haben. Anders herum: Was ist so schlimm an einem Präsidenten, mit dem und über den Linke streiten müssen? Es gibt Schlimmeres. Die peinlichen Machtspiele, die ihn ins Amt hoben, waren ebenso wenig eine Werbung für die Demokratie wie die Kapriolen seines Vorgängers. Ein scharfer Streit über Inhalte kann dies sehr wohl sein." (19.03.2012)

Ir: Gauck ist keine bequeme Person; Lettland

Innerhalb von nur zwei Jahren sind die zwei Vorgänger des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck zurückgetreten, was die Debatte um die Notwendigkeit des höchsten Staatsamts ohne Einfluss aufleben ließ. Sollte Gauck enttäuschen, wird die Frage erneut gestellt, meint der Publizist Axel Reetz in einem Gastbeitrag für die Online-Zeitung Ir: "Dieser Geistliche aus der DDR führte nach der Wiedervereinigung die Stasi-Unterlagenbehörde. Er ist parteilos und seine politischen Ansichten uneindeutig, wenn er auch gewiss mehr oder weniger konservativ ist. Die Opposition nominierte ihn 2010 gerade, weil er eigentlich auch der Kandidat Merkels hätte sein können. Im zweiten Anlauf konnte die Opposition nicht plötzlich ihre Unterstützung zurückziehen, obwohl er in ihren Reihen zuletzt in die Kritik geraten war mit einigen seiner Äußerungen. Merkel wurde [durch die FDP] ein Kandidat aufgedrängt, den sie vor zwei Jahren noch nicht wollte, während die Opposition ihren inzwischen umstrittenen Kandidaten nicht fallen lassen konnte. Gauck ist keine bequeme Person. […] Wenn er im höchsten Staatsamt aber den Hoffnungen der Menschen nicht gerecht wird, wird das erneut die Frage nach der Notwendigkeit dieses Amts aufwerfen." (18.03.2012

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Illustrationen: (cc)Sebastian Hillig/flickr