Posen politisiert den Klimawandel

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2008
Europäische Klimaexperten glauben kaum noch daran, dass die Erderwärmung bei 2 Grad stabilisiert werden kann. Die Pläne von Kommissionspräsident Durão Barroso bleiben unpräzise auf der UN-Klimakonferenz, die vom 1. bis zum 12. Dezember im polnischen Posen stattfindet.

„Vom politischen Standpunkt aus muss man sich auf eine radikale Verringerung der CO2-Emissionen um 50 Prozent einigen. Und trotzdem bin ich nicht sicher, ob sich damit die globale Erwärmung unter zwei Grad halten lässt.“ Das bestätigt Franz Fischler, Fluch für Franzosen, Portugiesen und Spanier, als er EU-Kommissar für Fischerei zu Zeiten Romano Prodis war und ankündigte, die Fischfangquoten dieser Länder zu begrenzen. Jetzt ist er voll und ganz in den Kampf für die Umwelt eingestiegen und leitet das Ökosoziale Forum Europa, eine Organisation die sich der ökosozialen Marktwirtschaft verschrieben hat.

©Meredith James

Diese beunruhigende Zukunftsvision für das weltweite Klima teilt auch Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK): „In den kommenden 15 Jahren kann es zu einem Höhepunkt der CO2-Konzentration in der Luft kommen, der die Temperatur des Planeten auf bis zu drei Grad über dem historischen Mittel anheben würde“. In der Tat sind wir heute bereits bei 430 bis 450 ppm (parts per million) und werden in den kommenden Jahren die 500er Marke erreichen. Das sagt zumindest Lord Nicholas Stern von der London School of Economics (LSE). „Selbst wenn wir die Emissionen um 50 Prozent verringern würden, könnten wir die Erwärmung auf lediglich 2,2 absenken“, fügt der Wirtschaftsprofessor hinzu.

Auf Grün setzen!

©lamazone/flickrVor diese Tatsachen gestellt, sieht der aktuelle und mutig geglaubte Klimaplan der EU-Kommission unter Durão Barroso - den Länder wie Italien und Polen verzögern wollen - ziemlich alt aus. Der Plan, die CO2-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu verringern und zusätzlich 20 Prozent erneuerbare Energien zu verwenden, stößt in vielen Ländern auf Widerstand, der vor allem wirtschaftlicher Natur ist. Zu den Alternativen Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum meint Schellnhuber: „Ein gesunder Menschenverstand setzt voraus, dass die Ökologie an erster Stelle steht.“ Andere Experten zäumen das Pferd jedoch von hinten auf: Wenn es Unsummen an Geld gegeben hat, um den Kapitalismus und seine Banken zu retten, warum steht dann kein Geld zur Verfügung, um den Planeten zu retten? Dagegen bleibt Stern von der LSE dabei, dass „Wirtschaft und Ökologie keine Rennpferde im gleichen Wettkampf sind. Zumal Europa, würde es nach dieser Denke gehen, das Rennen in puncto Wettbewerbsfähigkeit gegen die USA und Japan verlieren würde“.

Auf wen soll man vertrauen - Don Quijote, die USA, Italien oder Polen?

„Es stimmt, dass Europa niemals Bush gewählt hätte, aber Europa hätte auch Obama nicht gewählt. Und der hat gerade eine Verringerung der CO2-Emissionen um 80 Prozent bis 2050 versprochen“, gibt Stern hinsichtlich der Absage Bushs, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, zu bedenken. Im Augenblick sind es Italien, Deutschland und Polen, die das Inkrafttreten des europäischen Plans verzögern wollen. Berlusconi hat den EU-Plan erst kürzlich als „Luftschloss inmitten der Krise“ bezeichnet und dabei auf den Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen angespielt. Durão Barroso drohte mit Sanktionen gegen die Länder, die den Zielsetzungen nicht nachkommen. Demgegenüber setzt Vittorio Prodi, liberaler EU-Parlamentarier und Bruder des ehemaligen Präsidenten Romano Prodi, auf andere Methoden: „Den Italienern und Polen muss gesagt werden, dass jetzt, in Zeiten der Krise, die Hoffnung auf den Plan gegen die Klimaerwärmung einer Ersparnis und Preiskontrolle gleichkommt. Die Krise führt dazu, dass erneuerbare Energien insgesamt gesehen billiger werden. Außerdem bliebe das Geld der Versteigerungen von CO2-Emissionsrechten in der öffentlichen Hand, mit der Verpflichtung dieses in Forschung und Umweltentwicklung zu stecken“.

Weltmarkt für CO2

In einem Jahr, genauer gesagt Ende 2009, wird in Kopenhagen eine weltweite Konferenz zur Rettung des Planeten stattfinden. Gesellschaft und Regierung haben große Hoffnungen in dieses Treffen gesetzt. Dort soll ein weltweiter Markt für CO2 geschaffen werden. „Wenn wir bis 2050 jedem einzelnen Weltbürger das gleiche Recht auf CO2-Emission zugestehen, können wir Afrika von der Armut befreien“, versichert der Experte Attmar Edenhoffer im Saal des Europäischen Parlaments. „Wenn wir Europa, die Vereinigten Staaten und Japan überzeugen können, wird die Sache gut laufen“, führt er fort. „Wir haben sogar Durão Barroso die Schaffung eines Systems für weltweite Versteigerungen vorgeschlagen”, sagt Schellnhuber abschließend. Wenn Kopenhagen Erfolg hat, werden neue Institutionen entstehen, die diesen Weltmarkt für CO2 beaufsichtigen werden. „Schade, dass die derzeitige UN-Klima-Konferenz in Posen noch mit Bush und nicht Obama stattfindet“, sagt der Botschafter der EU in den Vereinigten Staaten, Fernando Valenzuela.