Posen: Boom um Angela Merkels polnische Wurzeln

Artikel veröffentlicht am 25. März 2013
Artikel veröffentlicht am 25. März 2013
Im Posener Geburtshaus von Angela Merkels Großvater ist nichts mehr wie es war: Das Haus in der heruntergekommenen Grobla-Straße wird von den Medien belagert, der Hausmeister gibt Interviews, und die Bewohner stöbern auf dem Dachboden nach Reliquien.

„Schon wieder jemand von den Medien?“, ärgert sich Hausmeister Andrzej Lubowski. In der vergangenen Woche belagerten plötzlich Fernsehteams die Ulica Grobla 14. Die Straße in Posens ärmlichen Stadtteil schafft es eher selten in die Medien: Die grauen Häuser sind mit Graffiti beschmiert, in den Eingangstoren stehen betrunkene Männer. Die Fassade von Nummer 14 allerdings ist frisch verputzt: Hier ist Angela Merkels Großvater Ludwig Kazmierczak im Jahr 1896 zur Welt gekommen.

Erst als kürzlich eine Biografie Merkels erschien, erfuhr die Öffentlichkeit von den polnischen Wurzeln der Kanzlerin. Und Bilder von der verwahrlosten Gegend waren plötzlich im Fernsehen zu sehen.

Vielleicht kommt Frau Merkel vorbei

Nach kurzem Zögern erzählt der mürrische Hausmeister die Geschichte des Hauses, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Damals hieß die Ulica Grobla noch Grubenstraße, und Posen gehörte zu Preußen. „Schon damals war es ein Mietshaus“, sagt Lubowski. Das dreistöckige Gebäude ist inzwischen saniert worden, jetzt sind dort neben Wohnungen auch Büros untergebracht. „Vielleicht kommt Frau Merkel einmal vorbei und gibt uns Geld für ein neues Dach“, scherzt Lubowski.

Justyna Marciniak nimmt die Sache ernster. Die Studentin lebt schon ihr ganzes Leben in der Ulica Grobla 14. Sie ist stolz auf die Geschichte des Hauses: „Nicht jeder wohnt in einem Haus, in dem einst die Vorfahren der mächtigsten Frau Europas lebten.“ Justyna ist gleich auf den Dachboden geklettert und hat nach Gegenständen gesucht, die den Kazmierczaks gehörten. Ihre Nachbarn sind ebenfalls begeistert – und suchen nach Verbindungen zur eigenen Verwandtschaft: „Mein Großvater muss Merkels Großvater gekannt haben“, sagt Jerzy, der seit Generationen in dem Viertel lebt. Eine ältere Dame von Gegenüber hat allerdings Bedenken. „Die Deutschen werden das Haus kaufen“, prophezeit sie.

Dokumente aus dem Staatsarchiv Posen belegen, dass die Ururgroßmutter der Bundeskanzlerin, Apolonia Kazmierczak, 1826 bei der Stadt Krotoszyn geboren wurde. Ihre Tochter Anna kam 1867 im Dorf Kunowo bei der Kreisstadt Szamotuly zur Welt. Sie war katholisch und arbeitete als Dienstmädchen. Sie war schon schwanger, als sie in die Provinzhauptstadt Posen zog. Sie fand eine Bleibe in der Grubenstraße 14, wo sie vermutlich ihren Sohn Ludwig 1896 zur Welt brachte. Der Vater des Kindes hatte die Familie verlassen. 1901 heiratete Anna Ludwig Rychlicki, den Hausinhaber.

Bis 1915 soll Ludwig Kazmierczak mit seiner Mutter und dem Stiefvater in Posen gelebt haben. Der 19- Jährige wurde dann einberufen. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Posen dem polnischen Staat zu, Kazmierczak ließ sich in Berlin nieder, wo er bis zu seinem Tod 1959 als Polizist in Pankow arbeitete. 1926 kam sein Sohn Horst Kazmierczak zur Welt. Vier Jahre später änderte die Familie ihren Namen und hieß seitdem Kasner. Horst wurde Pastor und hatte eine Tochter: Angela.

Merkels Onkel Zygmunt Rychlicki lebt bis heute in einer Posener Trabantenstadt. Er ist der Sohn der Halbschwester von Angela Merkels Großvater. Bis zur vorigen Woche hat auch er nicht gewusst, dass der Vater von Angela Merkel sein Stiefcousin sei. „Onkel Ludwig“ hatte er nur einmal 1943 bei der Beerdigung von Anna Kazmierczak gesehen. „Er ging zur Bäckerei und kaufte uns Kindern Mohnbrötchen“, erinnert sich Zygmunt „Ich vergesse nie diesen Duft. Die Polen durften während der deutschen Besatzung keine Brötchen kaufen.“ Mit einem Besuch der Kanzlerin rechnet Zygmunt Rychlicki allerdings nicht. „Wir sind bescheidene Rentner und wohnen im dritten Stock eines Plattenbaus“, sagt er.

Der Autor dieses Artikels, Marcin Rogozinski, ist Korrespondent des Osteuropa-Netzwerks n-ost. Mehr Informationen auf ostpol.de - dem Osteuropamagazin.

Illustrationen: Teaserbild (cc)RobinHoodTax/flickr; Im Text ©Marcin Rogozinski/n-ost