Portugals Nelkenrevolution: „Für immer April“

Artikel veröffentlicht am 25. April 2014
Artikel veröffentlicht am 25. April 2014

Rote Nelken sind überall auf den Straßen von Lissabon. Vor 40 Jahren, am 25. April 1974, wurde die Diktatur in Portugal gestürzt. Die Portugiesen begehen diesen mystischen Feiertag romantisch. 

Im Zeichen von Sparpolitik und Euro-Krise beschloss die konservative portugiesische Regierung unter Premierminister Passos Coelho im Februar 2012 die Abschaffung von vier nationalen Feiertagen, betroffen waren unter anderem Mariä Himmelfahrt und Fronleichnam. Die Maßnahme trat nach Zustimmung des Parlaments und der katholischen Kirche ab 2013 in Kraft und wurde von linken Parteien als reine Symbolpolitik verhöhnt. Symbolisch ist dabei allerdings weniger, welche Feiertage abgeschafft, sondern vielmehr, welche beibehalten wurden. Der 10. Juni ist der Geburtstag des Nationaldichters Luís de Camões, der gleichzeitig an die Seefahrervergangenheit Portugals erinnert. Der andere „unantastbare" Feiertag ist der 25. April, der Nationalfeiertag des Volkes. Kaum ein Gedenktag der jüngeren europäischen Geschichte ist so mythisch und politisch aufgeladen. Der 25. April ist, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Teresa Pinheiro, der „konsensfähigste Erinnerungsort des demokratischen Portugal".

Dabei waren die Ereignisse am 25. April 1974 ursprünglich gar kein liberaler Volksaufstand, sondern der Putsch einer Gruppe unzufriedener Militärs gegen die versteinerten Strukturen der „Estado Novo"-Diktatur. Das rechtsautoritäre Regime unter António Salazar und seinem Nachfolger Marcelo Caetano, wurde damit nach 41 Jahren an der Macht gestürzt. Der Putsch ging in die Geschichte als Beginn der „Nelkenrevolution" ein, einer Zeitspanne von etwa zwei Jahren, die jetzt halbironischen als „Processo Revolucionário em Curso (PREC) – Laufender revolutionärer Prozess" bezeichnet wird.

Die Revolutionäre hielten sogar an roten Ampeln

In der populären Erinnerungskultur wurden die Ereignisse des 25. April 1974 mythisiert und romantisiert. Der „friedliche“ Umsturz – insgesamt forderte der Tag vier Todesopfer – erhielt recht bald seinen beschaulich-blumigen Beinamen. Das Signal für die Putschisten zum Aufbruch am frühen Morgen des 25. April, ein Chanson des bekannten Liedermachers José Afons: „Grândola Vila Morena / Land der Brüderlichkeit / In dir bestimmt ab jetzt das Volk / Oh, Stadt“, wurde zum Soundtrack der Revolution. Filme, allen voran „Capitães de Abril" (2000) von Maria de Medeiros – stellen den Putsch gerne als eine etwas planlose Stegreifkomödie dar, als halb-improvisierte Aktion eines liebenswerten Häufleins von Idealisten, die auf ihrem „Marsch nach Lissabon“ angeblich sogar an roten Ampeln anhielten und vor der Festnahme von Ministern um Erlaubnis baten.

Revolutionsromantik: Grândola Vila Morena von José Afons

Eines der Souvenirs der „revolutionären" Jahre 1974-1976, ist die stark sozialistisch geprägte politische Sprache Portugals. Die portugiesische Verfassung fordert bis heute in ihrer Präambel, bei allem Respekt für das Primat des Rechtsstaats und des Volkswillens, die Einrichtung einer „sozialistischen Gesellschaft“. Eine dem Namen nach „rechte“ Partei, hat es bis heute nicht ins Parlament geschafft. Selbst die Konservativen unter Premier Passos Coelho nennen sich „Partido Social Democrata“. Wer Gehör finden will in einer Demokratie, die den 25. April als „genetischen Code“ (Historiker Fernando Rosas) mit sich trägt, muss links sein – zumindest dem Etikett nach.

Gegenwärtig geht die romantisierende Erinnerung an den „Abril“ in der portugiesischen Linken einher mit einem Gefühl der Enttäuschung angesichts der Erkenntnis, dass nicht alle politischen Versprechen der Jahre 1974-1976 eingelöst wurden. Das Land steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Ende der Diktatur. Keine Demonstration, kein politischer Protestakt kommt ohne rote Nelken und ohne das obligatorische „Grândola Vila Morena“ aus, das eine bemerkenswerte Karriere als politischer Protestsong gemacht hat. “25 de Abril sempre” – “Für immer 25. April“, ist auf den Transparenten der Demonstranten zu lesen.

Die starke Erinnerungskultur rund um den 25. April ist damit nicht nur mit seiner tatsächlichen historischen Tragweite, seinen politischen und sozialen Errungenschaften zu erklären. Sie liegt auch in der verlockenden Möglichkeit begründet, in Zeiten der gegenwärtigen Krise auf einen so starken Gründungsmythos Bezug nehmen zu können. Selbst der Europawahlkampf 2014 steht, zumindest für die Kommunistische Partei PCP, im Zeichen der Nelkenrevolution: auf ihren Plakaten mahnt sie die Besinnung auf die „valores de Abril“, die „Werte des April“ an. Dabei war es gerade die Anziehungskraft der europäischen Gemeinschaft, die in den Jahren nach 1974, zur Neutralisierung radikaler politischer Kräfte und zur Stärkung der gemäßigten Sozialisten beigetragen.

Dieses Jahr am 25. April werden in den Straßen Lissabons wieder überall rote Nelken verkauft. Ein Großaufgebot sozialistischer und sozialdemokratischer Verbände in der Hauptstadt wird einmal mehr zu den Klängen von „Grândola Vila Morena“ für soziale Sicherheit und Arbeiterrechte, gegen Privatisierungen und Gehaltskürzungen demonstrieren. Parlamentarier werden im über und über mit roten Nelken geschmückten Plenarsaal in Gedenkreden die Revolution huldigen.