Portugal zwischen Tatenkraft und Tradition

Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2009
Die wirtschaftliche Entwicklung der portugiesischen Region Alentejo ist symptomatisch für ganz Südeuropa: Wie bringt man Innovation und Tradition unter einen Hut?

Alentejo kann man allgemein so zusammenfassen: wunderschöne Landschaften, deren Weite und Wetter eher an Nevada als an Europa erinnern. Evora, die Hauptstadt dieser portugiesischen Region ähnelt einem kleinen Marktflecken von ungefähr 40.000 Einwohnern. Die Stadt ist Weltkulturerbe der UNESCO. Hier, ebenso wie im kleinsten Dorf der Region, „läuft das Leben in einem anderen Rhythmus als in Lissabon“, erklärt mir Renata Marques. Sie ist die junge Kabinettschefin des Governo Civil, der Vertretung der Zentralregierung in den jeweiligen Bezirken des Landes. Es war die außergewöhnlich gute Lebensqualität, die Renata dazu gebracht hat sich hier niederzulassen.

WLAN in den Parks

Auf frappierende Weise koexistieren in Evora Modernität und Spuren der Vergangenheit, nicht zuletzt durch den hohen Bevölkerungsanteil älterer Menschen.

Auf dem Campus der Stadt künden Plakate von Seminaren zu Nanotechnologie, Biochemie und urbanem Design. Alle öffentlichen Parks haben mittlerweile WLAN. Auf frappierende Weise koexistieren in Evora Modernität und Spuren der Vergangenheit, nicht zuletzt durch den hohen Bevölkerungsanteil älterer Menschen (ungefähr 25% der Gesamtbevölkerung). Die portugiesische Ü-60-Generation der Region lebte und arbeitete in einem traditionellen sozio-ökonomischen Kontext, in der Zeit der großen Vieh- und Forstwirtschaft und in Allgegenwart einer kommunistischen Partei, deren Wahlkampfslogan sehr bezeichnend ist: „Comércio Tradicional Vivo“ ('Der traditionelle Handel lebt').

©noantri/flickr„Das ist Evora“, sagt Renate Marques lächelnd. Ein Land der Widersprüche. Wenn man durch Zentral-Alentejo fährt, kann man den Kontrast an vielen Orten spüren, diesen Eindruck vom Ende der Welt, wo jedoch so manche dynamische Initiative geboren wird, die mehr als eine nordeuropäische Stadt vor Neid erblassen lassen würde. Bei Ajalentejo, der 2007 gegründeten Jugendorganisation von Alentejeo, verbreitet und koordiniert man all die Initiativen, welche die Jugend fördern und die Region voranbringen sollen. In einem anderen Feld versucht Adal (Agentur für regionale Entwicklung in Alentejo) auf einen in der Region kaum vorhandenen Unternehmergeist zu reagieren. Sie überwacht ein Programm, welches Fördermittel an Projekte und Partnerschaftsabkommen mit universitären Einrichtungen vergibt, um das Überleben der Initiativen junger Absolventen in der Privatwirtschaft zu garantieren.

Die Sauberkeit Schwedens, die Landschaften Kalabriens

Für Evora und Alentejo besteht die Herausforderung darin, das Wachstumspotenzial und das Verschwinden beziehungsweise die Stagnation alter Strukturen in Einklang zu bringen. Das sind Entscheidungen, vor denen auch andere Regionen Südeuropas in ihrer sozio-ökonomischen Entwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen. Dabei geht es nicht unbedingt darum den Berg zu erklimmen, sondern auf den Hochgeschwindigkeitszug aufzuspringen. Dafür muss man sich all der Elemente entledigen, die jede Entwicklung lähmen, wie beipielsweise mafiöse Strukturen in Süditalien, Korruption in Griechenland oder das Erbe eines unausgeglichenen Kräfteverhältnisses aus dem 18. und 19. Jahrhundert zwischen einem schwachen Bürgertum, mächtigen Großgrundbesitzern, dem Hof und einem mächtigen Kleru in Portugal.

Die Technologien der Zukunft haben großes Potential, vor allem jetzt, wo in Alentejo einige der weltgrößten Photovoltaikprojekte in Angriff genommen werden, in Amareleja und bald in Moura. Ein Projekt zur lokalen und regionalen touristischen Entwicklung weist ebenfalls den Weg in eine innovative Zukunft. Zudem wird man zukünftig ganz unterschiedliches, hochqualifiziertes Personal wie Wirtschaftswissenschaftler, Archäologen, Grafiker, Kommunikationsexperten, Kunsthistoriker und Händler brauchen. Aber bis wohin trägt diese Entwicklung den Widerspruch zwischen Innovation und Tradition?