Portugal: Stummer Unmut in Zeiten der Krise

Artikel veröffentlicht am 28. April 2015
Artikel veröffentlicht am 28. April 2015

Ein ausblutender Sozialstaat, ein ruiniertes Gesundheitssystem, eine Armutsquote von 20% mit weiteren 20% in akuter Armutsgefahr, von den Hunderttausenden verzweifelter Auswanderer ganz zu schweigen. In Portugal herrscht zweifelsohne Saudade. Und doch hebt sich das Land vom großen Nachbarn durch seine Sanftmut und die bleibende Hoffnung auf ein Happy End ab. Wie ist das möglich? Im Stillen.

Es ist elf Uhr an einem Donnerstagmorgen im Supermarkt Auchan im Amoreiras, im Herzen von Lissabon. Amoreiras ist das schicke Einkaufszentrum der portugiesischen Hauptstadt. Von hier aus gesehen erscheint die Krise wie eine ferner Schimmer am Horizont. In ruhiger Atmosphäre erledigen einige Lissabonner ihre Einkäufe. Einer von ihnen, ein Rentner, vergleicht mit Engelsgeduld die Preise verschiedener Shampoos. Doch als ich ihn auf die derzeitige Krise des Landes anspreche, macht er keine Umschweife. "Also wenn Sie mich fragen, mit all diesen Gaunern, die uns regieren, ist es ja kein Wunder, dass wir in solch einer Situation 

gelandet sind", murrt er. Luis Monteiro hat 30 Jahre lang ein Geschäft für Haushaltsgeräte geleitet. "Aber jetzt ist es vorbei mit all dem. Was die Leute mögen, das sind Einkaufstouren in den Shopping-Centern." Die wirkliche Frage ist vielleicht die nach einem politischen Wandel. Doch das Problem ist, dass der enttäuschte Rentner sich diese Frage schon lange nicht mehr stellen will. "Die sind doch eh alle gleich, kaum sind sie an der Macht, fangen sie an das Gegenteil von dem zu machen, was sie versprochen haben. Die, die jetzt dran sind, die kenne ich wenigstens", grummelt er, bevor er sich auf den Weg macht... ohne Shampoo.

Not und Frieden

Luis macht sich keine Illusionen mehr und er scheint damit bei Weitem nicht der einzige zu sein. Die jüngsten Umfragen versprechen den - etablierten - Mitte-Links und Mitte-Rechts-Parteien bei den für kommenden Herbst geplanten Parlamentswahlen fast 70% der Wählerstimmen. Kürzlich hörte ich den Kommentar von Marcelo Rebelo de Sousa, einem der einflussreichsten portugiesischen Journalisten, der erzählte, dass die Leute hier anders als in Griechenland oder Spanien extrem konservativ sind und vor allem keine Veränderung wollen. Sousa zufolge hätten die etablierten Parteien aus den Beispielen der Nachbarländer gelernt und eine größere Regenerationsfähigkeit an den Tag gelegt als die anderen südeuropäischen Länder. Das ist eine Art der Erklärung, allerdings von einem Mann der Rechten, der selbst der derzeitigen konservativen Regierung nahe steht.

Um auf die Fakten zu kommen, sollte man daran erinnern, dass seit der Ankunft der Troika Mitte 2011 400.000 Arbeitsplätze vernichtet wurden, die Arbeitslosigkeit auf über 13% explodiert ist - sage und schreibe 35% bei den unter 25-Jährigen - während jährlich über 120 000 Menschen dem Land den Rücken kehren. Ein Szenario beinahe griechischen Ausmaßes, das in deutlichem Kontrast zur relativen sozialen Ruhe hier steht: keine Demonstrationen, keine Formierung einer radikalen oder partizipativen Linken, die über ein kleines links-bourgeoises Milieu von 5% hinauskäme.

"Wenn es schlecht läuft in Portugal, dann verkriechen sich die Leute eher in ihrem familiären Kokon als sich neuen politischen Kräften zuzuwenden. So kommt es, dass politische Räume wie die Straße oder die Parteien sehr schnell verlassen sind." Alexandre, 36 Jahre alt, ist Teil jener kleinen Minderheit an Portugiesen, die sich in einer Bürgerbewegung engagieren. Mit einem Bier in der Hand erklärt mir der junge Anwalt, dass sich die Rechts-Links-Trennung in Portugal erübrigt hat. Heute ist die wirkliche Grenze die zwischen den bürgerlichen Parteien an der Macht auf der einen Seite und den sozialen Bewegungen und volksnahen Parteien auf der anderen.

Das andere, marginalisierte Portugal

Ist Portugal somit dazu verdammt, von der Welle politischer Reformbewegungen, die derzeit über Europa schwappt, ausgeschlossen zu bleiben? Das Land war noch niemals wirklich für seinen reformerischen Elan bekannt. Dennoch unterstreicht der Soziologue Gilberto Gil, dass eine wichtige neue Variable derzeit die Regeln des politischen Spiels verändert: die weit verbreitete Unzufriedenheit des jüngsten Teils der Gesellschaft. Besser ausgebildet und besser informiert, erfindet die portugiesische Jugend, auch wenn sie sich nicht für die üblichen Wege des politischen Protests interessiert, derzeit dennoch eine neue Art des kollektiven Zusammenlebens. WGs, Car-Sharing, Wiederverwertung... eine ganze Reihe neuer Lebensstile setzt sich derzeit bei den unter 25-Jährigen durch.

Sofia verkörpert diese neue Generation wie keine andere: Sie ist ein alter Hase auf dem berühmten Lissabonner Flohmarkt „Feira da Ladra“, wo ich sie auf einem Schemel sitzend antreffe und mit ihr ins Gespräch komme. Sie verkauft hier Frauen-Klamotten aller Art - neu und Second Hand. Mit einem Bachelor in Kommunikationswissenschaften hat die 25-Jährige nie etwas besseres als unbezahlte Praktika in diesem Bereich gefunden. Daher hat sie nun vor, auf das Schreinerhandwerk umzusteigen. In der Zwischenzeit arbeitet Sofia in einem Restaurant und sammelt auch sonst noch verschiedene Jobs. „Nein, gewählt hab ich nie, und ehrlich gesagt kümmert mich das auch überhaupt nicht“, meint sie. Sofia ist das perfekte Beispiel einer Lissabonnerin, die es gewohnt ist, sich selbst durchzuschlagen und die keinen Sinn darin sieht, sich zu beschweren oder gar mit Plakaten auf die Straße zu gehen. Für die junge Frau ist das Wesentliche die Fähigkeit sich anzupassen: „Natürlich hätte ich gerne, dass sich die Dinge ändern. Aber ich glaube nicht, dass das über die Politik funktioniert. Außerdem weiß ja eh jeder hier, dass die Regierungen ihre Politik aus Deutschland diktiert bekommen.“

So kommt es, dass Sofia es bevorzugt, ihr eigenes Leben außerhalb des Systems aufzubauen, indem sie schwarz arbeitet, nicht zur Wahl geht, an keinen Demonstrationen teilnimmt, aber irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreitet, ihre persönlichen Werte verteidigt und so zu einem Teil jenes marginalisierten Portugals wird, das sich hier im Alltag neu erfindet ohne eine genaue Idee davon zu haben, was es ist oder werden könnte. Zur Ungewissheit der Zukunft gehört aber auch die weit verbreitete Unzufriedenheit, vor allem bei den Jüngsten in der Gesellschaft. Denn schließlich sind sie es, die ähnlich wie in Griechenland oder Spanien, der Katalysator eines politischen und sozialen Wandels werden könnten. Doch das ist wesentlich komplizierter als die Wahl zwischen zwei verschiedenen Shampoos.