Portugal: Als Nelken zum Symbol einer Revolution wurden

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2016

Ohne Blutvergießen, dafür mit Nelken in den Gewehrläufen stürzte Portugal vor 42 Jahren sein faschistisches Regime.

25. April 1974

Einer der meistgesehenen Filme aller Zeiten war kurz davor, in die Kinos zu kommen: Der Pate - Teil II von Francis Ford Coppola. Die erste DVD lag noch in weiter Ferne, streamen war eher undenkbar. Bücher wurden noch auf Papier gedruckt und so auch gerne gelesen. Der Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle nahm seinen Betrieb auf. Frauen kämpften weiterhin für ihre Rechte. In den USA näherte sich die Hippie-Zeit ihrem Ende.

Amerikaner gingen jetzt gegen den Krieg in Vietnam auf die Straße. Jimi Hendrix war da bereits gestorben, nachdem er seine Fans mit brennenden Gitarren elektrisiert hatte. AC/DC sang über den "Highway to Hell". Rubikis Zauberwürfel wurde erfunden. So sah die Welt aus, als Portugal eine Demokratie wurde - zum ersten Mal in der umstrittenen Geschichte des Landes. 

Schnell prägte sich der 25. April als "Nelkenrevolution" in das Gedächtnis der Menschen ein: Die Soldaten, die das faschistische Regime ohne Blutvergießen stürzten, steckten Nelken in ihre Gewehrläufe und an ihre Uniformen. Der Tag der Befreiung markiert heute eines der bedeutensten Ereignisse in der Geschichte des Landes. Die Menschen in Portugal waren auf einmal frei. Sie waren frei, zu denken und frei, in der Öffentlichkeit zu sagen, was sie wollten - ohne dabei Konsequenzen fürchten zu müssen.

Das Land öffnete sich nach fast 40 Jahren Diktatur. Fast vier Jahrzehnte lang hatten die Herrschenden ihre Macht darüber gesichert, dass sie den Portugiesen keinen freien Zugang zu Informationen ermöglichten. Zudem ging der Machtanspruch auf Kosten des Bildungswesens und des Wohlstandes im Land. Die Menschen waren arm und suchten Zuflucht im Glauben an die katholische Kirche. Die Revolution markierte das Ende des "Estado Novo" (Neuen Staates), Westeuropas ältester Dikatur - und sie markierte die Geburt der Demokratie.

Tatsächlich ist Portugal nun schon genauso lange eine Demokratie wie es ein faschistisches Regime hatte. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wie konnte es in Portugal über so viele Jahre eine faschistische Diktatur geben, wo sich doch die gesamte westliche Welt weiterentwickelte und die Menschheit es sogar auf den Mond geschafft hatte? Der Grund dafür liegt im Kalten Krieg: Die autoritäre Regierung in Portugal wurde aufgrund ihrer anti-kommunistischen Haltung von der NATO geduldet.   

Ein faschistisches Regime ohne Blutvergießen gestürzt

Es gab zwei geheime Signale, die schließlich zum Putsch führten: Zunächst lief Paulo de Carvalhos "E Depois do Adeus" im Radio, abends um fünf vor elf. Damit nahm Portugal am 6. April 1974 am Eurovision Song Contest teil. Der Song war das Zeichen für die rebellierenden Militärs und ihre Soldaten, mit dem Putsch zu beginnen.

Und dann, am 25. April 1974 nachts um zwanzig nach zwölf, spielte Rádio Renascença "Grândola, Vila Morena". Ein Lied von Zeca Afonso, einem politisch einflussreichen Volksmusiker und Singer-Songwriter, der in Frankreich im Exil lebte. Das war das finale Signal des "Armed Forces Movement" (MFA, Bewegung der Streitkräfte), die Schalthebel der Macht einzunehmen. Sie "verkündete" die Revolution und machte klar, dass sie nicht zu stoppen war - es sei denn, das Regime gebe auf. 

Obwohl die Soldaten die Bevölkerung im Radio immer wieder aufforderten, zuhause in Sicherheit zu bleiben, gingen Tausende Portugiesen auf die Straße und mischten sich solidarisch unter die aufständischen Militärs. Einer der zentralen Orte, wo sich die Menschen zusammenfanden, war der Blumenmarkt in Lissabon mit seinem großen Angebot an Nelken, die damals Saison hatten. Einige Soldaten steckten die Blumen schließlich in ihre Gewehrläufe - ein Bild, das um die Welt ging.  

Obwohl es im Vorfeld des Putsches keine Massendemonstrationen gegeben hatte, kam es nun zu spontanem Mitwirken der Bevölkerung. Damit wurde der Militärputsch zu einem Ereignis mit unerwartetem Zuspruch der Portugiesen. Der Diktator, Marcello Caetano, flüchtete in die zentrale Polizeistation Lissabons am Largo do Carmo. Die MFA umstellte das Gebäude und zwang ihn, seine Macht an General Spínola abzutreten. Damit war die Diktatur beendet.