Pornopolitik: Nicht mit Reizen geizen

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2011
Die Politik präsentiert sich zunehmend mit Sex-Appeal – mit mystisch-sexuellen Erfahrungen an der Wahlurne oder Kandidatinnen, die leicht bekleidet für sich Werbung machen. Abseits von Berlusconis Bunga Bunga-Sexpraktiken haben Politiker in ganz Europa die Erotik für sich entdeckt. Für cafebabel.com lässt die Politik die Hüllen fallen.

Eine Frau mittleren Alters, blond, mit großer Oberweite setzt sich in Szene. Es könnte die Anzeige einer Partneragentur sein. In Realität handelt es sich aber um das Wahlplakat der spanischen Politikerin Soledad Sánchez Mohamed, die mit ihrer Partei Partido Democrático de Ciutadella für das Bürgermeisteramt in Ciutadella, einer Stadt auf der spanischen Insel Menorca, kandidiert. Unter dem Slogan „Zwei große Argumente“ sieht man das Foto zweier Männerhände, die einen wohl geformten, weiblichen Körper umklammern. Das Ganze mit viel Haut natürlich! Ein gewagter Auftritt, der Sánchez Mohamed eine Anzeige durch einen Wahlkampf-Konkurrenten einbrachte. Auch in Deutschland wissen die Herren und Damen Politiker mit Reizen nicht zu geizen. Vera Lengsfeld, Kandidatin im Berliner Bezirk Firedrichshain-Kreuzberg, verwendete 2009 ein Plakat, das sie zusammen mit Angela Merkel (beides CDU-Politikerinnen) zeigt und tiefe Einblicke gewährt. Dazu die Überschrift: „Wir haben mehr zu bieten.“

Und ewig lockt die Politik

„Die Politiker wissen nicht mehr, wie sie Aufmerksamkeit haschen können und greifen deshalb auf Werbetechniken zurück."

Das sind nur zwei Beispiele von vielen dafür, wie die Politik immer öfter erotische Bilder verwendet, um auf Wählerfang zu gehen. Politik und Sex kommen sich beständig näher. Die Verwendung sexueller Anspielungen hat sich in Wahlkampagnen etabliert, wo sie gleichermaßen Aufmerksamkeit und Unmut erregt. Auch wenn diese Praxis bei den Sittenwächtern hohe Wellen schlägt: Wer auf anzügliche Bilder setzt, dem ist mediale Aufmerksamkeit für seine Wahlkampagne sicher. Laut Javier del Rey Morató, Professor für politische Kommunikation an der Madrider Universität Complutense, „wird das politische Leben immer mehr zum Showgeschäft. Die Politiker wissen nicht mehr, wie sie Aufmerksamkeit erhaschen können und greifen deshalb auf Werbetechniken zurück. Dadurch nähert sich die politische Kommunikation immer mehr der Werbewirtschaft. Neil Postman [ein US-amerikanischer Medienwissenschaftler; A.d.R.] bezeichnet das Werbeplakat sogar als Metapher für die heutige politische Kommunikation."

Zu beobachten war dieses Vorgehen auch bei den letzten Wahlen in der spanischen Region Katalonien, bei der sich drei Parteien für die 'scharfe' Form der Wahlwerbung entschieden. Die Jugendorganisation der sozialistischen Partei Kataloniens (Partido Socialista de Cataluña) veröffentlichte ein Video, in dem ein Wahltag in neuneinhalb Wochen 'erschaffen' wird. Eine junge Frau nähert sich der Wahlurne und als sie ihren Stimmzettel einwirft, zeigt sich die demokratische Libido – Orgasmus garantiert! Das Filmchen blieb natürlich nicht von Kritik verschont, manch einer bezeichnete es gar als sexistisch. Doch das war noch nicht alles. Die Kandidatin für die katalanische Landesregierung, Montserrat Nebrera, lockte ebenfalls mit Erotik für ihre Wahl und holte sich sogar Unterstützung von einer bekannten spanischen Pornodarstellerin.

Freizügige Botschaften

Es gibt auch solche Werbeplakate, die nicht bloß einen Kandidaten fördern, sondern mit brisanten Fotos die ganze Politik angreifen wollen. Die Verwendung von erotischen Bildern dient in diesen Fällen nicht nur als Instrument für eine Werbekampagne, sondern als Mittel zum Protest. 2007 beschloss Manuela Gretkowska, eine polnische Schriftstellerin und Gründerin der polnischen FrauenparteiPartia Kobiet, an den Wahlen teilzunehmen. Gretkowskas Ziel war es, die Rolle der Frau wieder auf die politische Agenda Polens zu setzen. Und das tat sie, wie Mutter Natur sie schuf: splitternackt und anklagend, auf einem beeindruckenden Wahlplakat, gemeinsam mit anderen Frauen. „Das Plakat ist nicht pornografisch, sondern bricht mit dem Tabu der Nacktheit und der Tatsache, dass Frauen nicht an der Politik teilhaben können“, argumentierte Gretkowska damals in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El País.

Wahlplakat der Frauenpartei Partido de las Mujeres polaco (2007)Nackt ist in. Ein Jahr zuvor, 2006, zeigte sich Albert Rivera, der Kandidat für den Vorsitz der katalanischen Landesregierung, in ähnlicher Weise wie Gretkowska, mit dem einzigen Unterschied, dass er allein posierte. Mit den Bildern wollten der Politiker und seine Partei verdeutlichen, dass sie ausschließlich am Wohlergehen der Wähler interessiert sind: „Uns geht es um die Menschen. Es ist uns egal, wo du geboren wurdest, welche Sprache du sprichst oder was du anziehst. Du bist uns wichtig.“ Ob nackt oder nicht: Sowohl die polnische Schriftstellerin Gretkowska als auch der katalanische Politiker Rivera wollten eine kritische Botschaft verbreiten. Wenn man aber die These des kanadischen Soziologen Herbert Marshall McLuhan heranzieht, ist am Ende das Medium die Botschaft? Wenn sich Politiker enthüllen, verschleiern sie dann letztendlich, was sie eigentlich sagen möchten?

Politischer Dirty Talk

Wird die Politik also zunehmend frivoler? Diese Frage stellen wir Professor Morató: „In einer Gesellschaft ohne Ideologien ist die Banalisierung der Botschaft ein oft verwendetes Mittel. Die ästhetische Information dominiert über die semantische Information, das menschliche Interesse über Komplexität und der Rückgriff auf Werbung über programmatische Botschaften.“

Abseits von Sex und Wahlen trifft der Trend zur Banalisierung auch auf andere Bereiche zu. Die Medien schenken frivolen politischen Aspekten eine übertriebene Aufmerksamkeit, wobei entsprechende Nachrichten zu den meist gelesenen Artikeln von Nachrichtenportalen gehören – von Kommentaren über das außereheliche Leben der Mächtigen (der ehemalige spanische Ministerpräsident José María Aznar bekam dies mehrmals am eigenen Leib zu spüren) bis hin zur Analyse des Kleidungsstils ihres Ehepartners (zu beobachten bei der französischen Präsidentengattin Carla Bruni oder der Frau des britischen Vizepremierministers Nick Clegg, Miriam González Durantez). Auch 2011 wird wieder gewählt und die Wahlkampfmaschinerie bringt sich derzeit erneut in Position. Wird sich die Politik am Ende ausziehen?

Fotos: (cc) Cless/flickr