Porno-Remix: Zwei Schweizerinnen recyceln Pornos aus den 70ern

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2012
Pornos auseinanderschnippeln, sortieren und bestöhnen: So lässt sich die Arbeit der beiden Schweizerinnen Sandra Lichtenstern und Sabine Fischer ganz nüchtern beschreiben. Unter dem Label „Glory Hazel“ recyceln die beiden Designerinnen 70er-Jahre-Pornos. Bereits sechs Remixe haben sie auf den Markt gebracht.
Cafebabel hat sich mit einer der Macherinnen, Sandra Lichtenstern, zum Frühstück in einem Pariser Café getroffen. Im Interview spricht sie über Frauenbilder, unsorgfältige Wichsvorlagen und warum Pornos emotional berührend sein können.

Sandra, um 10 Uhr morgens in einem Pariser Café beim Frühstück über Pornos zu reden: Wie geht’s dir damit?

Das ist ziemlich unspannend.

Bist du schon so abgeklärt?

Ja, ich rede die ganze Zeit über Pornos. Und wenn ich darüber spreche, dann wie über jedes andere gestalterische Projekt. Das finde ich sehr toll, dass ich das so neutral betrachten kann. Geht gut. (lacht)

Was ist denn dein Zugang zu Pornos heute: Unterhaltungsfilm, Kunst oder Masturbationsvorlage?

Ein Porno ist Masturbationsvorlage. Das ist seine Funktion. Aber gleichzeitig ist er auch eine Darstellung und man kann etwas Schönes daraus machen. Das ist für mich der wichtigste Beweggrund: Das man sich mit der gleichen Sorgfalt der Pornos annimmt wie auch anderen gestalterische Aufgaben.

Wie geht ihr bei dieser gestalterischen Arbeit vor?

Wir überlegen zuerst: Was ist das Ausgangsmaterial? Das sind dann etwa 30 Filme aus den 70ern und 80ern. Die gucken wir ganz oft und entscheiden nach Bauchgefühl: Welche Szene hat eine Qualität und welche nicht? Das können schöne Farben sein, eine tolle Kameraführung, ein tolles Kleid, ein tolles Auto oder eben toller Sex. Anschließend nehmen wir Standilder heraus und haben dann am Schluss einen riesigen Bilderpool. Aus diesem versuchen wir neue ästhetische Gruppen herauszulesen und Bilder zu kombinieren, die zusammen etwas Neues ergeben. Dadurch entstehen dann Stilrichtungen. In den Filmen suchen wir dann noch einmal nach Szenen, die diesen Stil noch verdichten.

Sandra und Sabine setzen ihre pornografischen Kurzfilme aus einem solchen Bilderpool zusammen. Die Bilder haben sie vorher aus Filmen ausgeschnitten.

Ist das nicht albern, wenn man Pornos zusammen schaut? Oft schaut man ja allein.

Das stimmt schon, das ist albern. Aber albern bedeutet einfach lustig. Wir haben Spaß dabei und entdecken immer wieder Dinge, die wir vorher nicht sahen.

Neben dem Aussuchen und montieren der Szenen, bestöhnt ihr sie auch neu. Gebt ihr ihnen dadurch eine Echtheit zurück?

Ja, total. Ich finde es spannend die Originalszene später im Vergleich mit unserer Version zu sehen. Das Bild gewinnt so viel Stärke dadurch, dass man das ganze Gestöhne wieder ein bisschen herunterschraubt. Wir haben Szenen, die haben uns erst gar nicht gefallen. Da war zum Beispiel etwas Aggressives drin: ein Tonfall oder klassische fiese Wörter. Die haben wir dann neu vertont. Als die Musik noch darauf war, war die Szene total verwandelt. Das ist echt berührend – nicht nur erotisch, sondern auch auf der emotionalen Ebene, weil da zwei Menschen ganz natürlich Sex hatten, indem wir sie ganz normal atmen ließen.

Andersherum ist es auch krass, wie man ein Bild zerstören kann, indem man achtlos das Gestöhne und die Musik darüber schmeißt. Meistens ist das beim Porno nicht einmal synchron gestöhnt, sondern da läuft einfach ein Band ab. Aber wenn man dort wieder sorgfältig ist, dann ist es krass, wie gut ein Bild werden kann.

Die Filme und ihre Aufmachung würden in kein XXX-Regal einer Videothek passenIst dieser Prozess der Dekonstruktion und Rekonstruktion eine postfeministische „Rache“ an dem, was in den 70ern in Sachen Frauenbild begonnen wurde: das stilisierte Stöhnen und objekthafte. 

Nein, überhaupt nicht. Uns gefällt das Bild der Frauen in den 70er-Jahre-Pornos tausendemal besser als in den Filmen von heute. Da herrscht wirklich eine ganze andere Stimmung. Klar gibt es auch da ganz viele Szenen, die man wegtun muss, weil sie einfach widerwärtig sind. Aber im Vergleich zu heute gibt es vielmehr Szenen, die menschlich sind und in denen die beiden, die Sex haben, ebenbürtig sind. Die Darsteller bekamen in diesen Pornos auch vielmehr Raum. Das sind wirklich Charaktere und keine Puppen, die Turnübungen herunterackern. Die Filme haben wirklich versucht, das tolle an diesen Frauen einzufangen. Es gibt auch ganz viele Momente wo auch einfach nur die Augen zu sehen sind, wie sie sich zurechtmachen im Spiegel.

Insgesamt wird sehr liebevoll mit den Darstellern umgegangen, was ich heute sehr vermisse. Da hat man nicht das Gefühl, dass die Kamera nett sein will. Im Gegenteil: Die Kamera penetriert die Darsteller. Die müssen sich total öffnen und haben gar keine eigene Meinung. Sie sind einfach ein Stück Fleisch, das man von jeder Seite angucken darf und von jeder noch so erniedrigenden Einstellung. Das gab es in den 70ern einfach nicht. Das sind nette Kameraeinstellungen.

Spaß fürs Auge also. Zu was sollen eure Filme dann letztendlich dienen?

Wir hoffen, dass sie schon die klassische Funktion des Pornos erfüllen. Man muss es nichts Wichsvorlage nennen, aber als Anreger gern. Das tolle ist, dass wir dieses schale Gefühl eliminiert haben, was man beim Pornogucken bekommt. Das ist auch der Grund, warum Jungs mit ihren Freundinnen diese Filme nicht gucken können. Sie haben verstanden, dass da Dinge vorkommen, die nicht so cool sind. Unsere Filme funktioniert hingegen sehr gut zu zweit – leider nur für Heteros. (lacht)

Wäre das eine Überlegung auch mal was mit Schwulenpornos zu machen?

Ja, wir hätten darauf Lust. Am liebsten wäre es uns gewesen, wenn unser Ausgangsmaterial auch schwule Szenen hätte. Aber der Schwulenporno ist eine ganz eigene Geschichte. Leider. Lesbische Szenen gab es, aber eben aus dem Männerblick. Da fänden wir es sehr toll, wenn man diese Szenen auch so ein bisschen auflösen könnte.

Wir lassen uns überraschen, was noch kommt. Danke für das Interview.

Gern geschehen.

Mehr zur neue Pornografie erfährst du in unserem Dossier "Der Porno ist tot, es lebe der Porno!"

Fotos mit freundlicher Genehmigung von © Glory Hazel, Video: mashbasel/YouTube