Porno-Regisseurin Erika Lust: Frauen sind keine Accessoires

Artikel veröffentlicht am 4. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 4. Mai 2012
Jemand klingelt an der Tür. Die junge Frau springt aus der Dusche, wirft sich ein Handtuch um die Hüften und eilt zur Tür, um den Pizzabooten zu öffnen. Diese Szene könnte der Anfang eines klassischen Pornofilms sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Protagonistin von „The good girl“ besitzt eine Persönlichkeit und alle Sexszenen entspringen einer logischen Handlung.
Die Regisseurin Erika Lust nennt ihre Filme deshalb auch lieber Erwachsenenfilme statt Pornos. Denn letzterer Begriff vereint in sich all das, wogegen Erika Lust mit ihren Werken ankämpft.

Pornografie in die Waschmaschine

„Porno ist ein starkes Wort. Wenn du zu Menschen Porno sagst, dann kommen ihnen Gewalt, Chauvisnismus, Machismus und unmenschliche Bilder in den Kopf. Diese Bedeutungen haben Porno zu einem schmutzigen Ausdruck gemacht, den ich gern greifen, in eine Waschmaschine werfen und auf hoher Stufe reinigen würde.“ Erika Lust zuzuhören ist, als wäre man mit dem Wort Porno in eine Zentrifuge geworfen wurden. Die Mutter zweier Kinder spricht so leidenschaftlich über Pornografie, weibliche und männliche Sexualität sowie Feminismus, dass die Luft um sie herum zu vibrieren beginnt. Sie bleibt jedoch lässig, sitzt in Jeans vor mir, mit ihren leuchtend roten Chucks. Ich habe den Eindruck, mich mit einer Wissenschaftlerin für Gender Studies getroffen zu haben statt mit einer Pornoregisseurin. Und ich habe fast recht.

"In meinen Filmen sind Frauen keine Accessoires, aber komplexe Persönlichkeiten"

Bevor Erika Lust im Jahr 2000 von Schweden nach Barcelona gezogen ist, hat sie Politikwissenschaft und Feminismus an der Universität in Lund studiert. Eines Tages überraschte sie ihr Freund mit einem Porno. „Ich fühlte mich unwohl – wie all Frauen, wenn sie Pornos schauen. Körperlich machte mich das an, aber es gefiel mir nicht. Deshalb fragte ich mich: Warum müssen Pornos immer so sein?“ Zunächst begreife ich nicht den Unterschied zwischen traditionellen Pornos und denen von Lust. Sie springt deshalb auf, hetzt aus dem Raum und kommt mit einer DVD ihres letzten Films „Cabaret Desire“ und einer Ausgabe ihres Buches „Good Porn“ zurück. Sie gibt mir beides mit einem breiten Lächeln. „Ich hoffe, du magst sie.“

Erika nimmt einen großen Schluck Wasser aus ihrem Glas und bringt sich für das Gespräch in Position. „Ich spreche immer sehr viel“, sagt sie lachend, während sie ihren grauen Cardigan zurechtrückt. „Im feministischen Porno geht es darum, die die Rollen des traditionellen Pornos umzukehren – denn dieser ist das Werkzeug der männlichen Lust. Diese Filme sind von Männern für Männer gemacht und die Hauptdarsteller sind immer reiche und starke Kerle. Die Frauen hingegen spielen die Rolle der Prostituierten oder der Domina. In meinen Filmen sind Frauen keine Accessoires, aber komplexe Persönlichkeiten wie in der Wirklichkeit auch und sie haben Spaß an ihrer Sexualität.“

Allerdings war es ein langer Weg, ehe Erika Lust ihren ersten Film drehte. Ursprünglich wollte sie mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten. Deshalb fing sie an spanisch zu studieren. Während sie einen Sprachkurs in Barcelona besuchte, verliebte sie sich in die Stadt. Kurzerhand beschloss zu bleiben und fing an, in der Filmindustrie als Assistentin zu arbeiten. Sie absolvierte eine Abendschule für Filmregie und das Ergebnis war ihr Film „The good girl“. Er gewann direkt einen Preis für den besten Kurzfilm beim Internationalen Erotikfilmfestival 2005.

„Meine Mutter wäre vielleicht glücklicher, wenn ich mit internationalen Organisationen zusammenarbeiten würde. Aber sie unterstützt mich. Das Schwierigste muss für sie sein, wenn sie anderen erklärt, was der Beruf ihrer Tochter ist. Wir leben in einer radikal sexistischen Gesellschaft. Wenn eine Frau öffentlich mit Sexualität in Verbindung gebracht wird, dann ist sie der Brandmarkung als Schlampe ausgesetzt.

Ein Familienunternehmen für Pornos

Seit dem Erfolg ihres ersten Films haben Erika und ihr Mann Pablo mit ihrer Produktionsfirma Lust Films fünf Filme realisiert, zwei Bücher veröffentlicht und viele internationale Preise gewonnen. In ihrem Unternehmen schaut es genauso wie in jedem anderen herkömmlichen Büro aus. Einzige Ausnahme bilden der tantrische Sexstuhl aus dem Film „Cabaret Desire“ und zwei Räume mit hunderten von neuen Pornobüchern und -filmen. Eines der Regale ist außerdem voll von Sexspielzeugen, die sie in ihrem Webshop verkaufen: von dem lilafarbenen stromlinienförmigen Vibrator, über das handgefertigte pinke Bondageseil und andere stylische Sexzubehörs. Erikas Gesicht strahlt, als sie mich durch ihr Familienunternehmen führt. Ihr unbesiegbares Lächeln zeigt mir, dass sie ihre Arbeit liebt. „Ich bin eine schrecklich positive Person“, sagt sie.

Ästhetische Bilder sind Erika Lust wichtig. Das Licht und die Atmosphäre müssen stimmen.Nicht nur positiv aber auch mutig. Porno ist ein hartes Geschäft, in welchem Frauen nicht willkommen sind – es sei denn sie sind Darstellerinnen oder Visagistinnen. Sie schätzt, dass nur 2 Prozent der Arbeiter in der Pornoindustrie Frauen sind, wenn man mal die klassischen Rollen außen vorlässt. Ihre männlichen Kollegen mögen nicht, was sie macht. Sie vertreiben ihre Filme nicht und nennen sie „Feminazi“. Und einige fragen sogar, warum sie nicht auf der anderen Seite der Kamera steht.

Lest hier, wie zwei junge Schweirerinnen Pornos aus den 70ern recyceln.

Aber trotz allem ist Lust Films ein ziemlich profitables Unternehmen. Erika nimmt den letzten Schluck Wasser zu sich und lehnt sich in ihrem Chefledersessel zurück. Sonnenschein überflutet ihren Raum und vom Fenster aus sehen wir die roten Dächer Barcelonas. Sie sagt in einem etwas schüchterneren Tonfall, dass sie sich selbst nicht als Regisseurin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sieht – aber als Frau, die die Welt mit ihren eigenen Augen zeigen will. In einigen Tagen wird sie ihre Filme im Sexmuseum in New York vorstellen und beim Feministischen Filmpreis in Toronto. „Das ist wirklich sehr wichtig für mich. Pornografie ist ein Thema, dass nicht diskutiert werden kann. Sie formt einen Teil unserer Kultur. Wenn Frauen in diesem Diskurs nicht teilnehmen, dann ist es so, als ob es sie sich nicht darum scheren würden. Aber uns kümmert das. Deshalb brauchen wir mehr Regisseurinnen als wir momentan haben.“ Es wird sie sicher geben. Wenn es von Erika abhinge, dann würde Pornografie bald zum Pflichtfach an den Unis werden.

Mehr über neue Pornografie erfährst du in unserem Dossier "Der Porno ist tot, es lebe der Porno!"

Fotos (in der Reihenfolge des Textes): ©Mireya de Segarra,  ©Lust Films; Video: erikastube/YouTube,